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30. Januar 2012

Wo steckt eigentlich der EHEC-Keim?

Es war eine umwerfende Bekanntschaft, die Michael Frotscher in der neuen Heimat machen durfte – im wahrsten Sinne des Wortes.

  1. Das gängige Untersuchungsverfahren: Ehec als gezüchtete Bakterienkultur Foto: dpa

  2. Nur leider ist er dort nicht immer sichtbar: O104:H4 in der Nahaufnahme Foto: AFP

Im Frühjahr 2011 war der Professor der Neuroanatomie aus dem idyllischen Freiburg in die Weltstadt Hamburg gezogen. Quasi zur Begrüßung fing er sich bei einer Tagung in Jesteburg O104:H4 ein, nachdem das Virus und der Arzt einander beim sprossenhaltigen Mittagessen vorgestellt worden waren. Wenig später lag er mit seiner neuen Bekanntschaft im Bett – im Intensivbett in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Er war einer jener EHEC-Patienten im Juni 2011, den die Ärzte fast aufgegeben hätten. HUS – hämolytisch-urämisches Syndrom, die schwerste Verlaufsform der Infektion, Nierenversagen, Ausfälle im Nervensystem, künstliches Koma. Erst nach Gabe des Antikörpers Eculizumab kam der Träger des renommierten Leibniz-Wissenschaftspreises langsam wieder auf die Beine. "Am schlimmsten war es für mich, als ich bei einer Visite vom Arzt einiges gefragt wurde und auch wusste, was ich antworten wollte, aber das überhaupt nicht hinbekam," erinnert sich Frotscher.

Die Infektionszahlen

gehen gegen null.

Inzwischen macht sein Gehirn wieder, was der Hirnforscher will, und auch sonst ist er wieder einigermaßen beieinander. 15 bis 20 Kilometer am Stück sind für den Hobbymarathonläufer inzwischen wieder bewältigbar – nur von dem neuen Bekannten, von dem fehlt jeder Spur: "Die Proben sind jedenfalls alle negativ", sagt der Wissenschaftler. Dennoch: Bei jedem neuen Infekt bekomme er immer noch einen Schreck, "weil ich für einen Moment befürchte, EHEC ist wieder da".

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Im Prinzip verschwunden, im Kopf stets präsent – ähnlich wie dem Wissenschaftler geht es der ganzen Nation mit dem Killerkeim. Vor einem halben Jahr erkrankten in Deutschlands Norden 4321 Menschen; 802 Patienten kostete die Ehec-Komplikation HUS fast das Leben, 50 starben. Wer heute dagegen auf die Statistiken schaut, stellt erleichtert fest, dass die Kurven wieder die Nulllinie erreicht haben. Gut, die Quelle des Keims, ein Biohof in Niedersachsen, ist identifiziert, die dort gezüchteten Ehec-besiedelten Sprossen aus dem Verkehr gezogen und ihr Samen vernichtet, aber dennoch fragen sich viele: Kann ein Keim einfach so verschwinden – oder versteckt sich das Bakterium nur, bis wieder Gras über die Sache gewachsen ist, um dann erneut zuzuschlagen?

"Wir wissen weder genau, wo O104:H4 herkommt, noch wissen wir genau, wo er steckt", sagt zum Beispiel Dirk Werber, Infektionsepidemiologe bei Deutschlands obersten Seuchenwärtern am Berliner Robert Koch Institut, dem RKI, und einst Teamleiter bei der RKI-Suche nach der Infektionsursache. Nach Abflauen der Epidemie seien zunächst immer wieder einzelne Infizierte in den Arztpraxen aufgetaucht. "Haushaltsfälle" nennt sie der Experte, weil sich diese Menschen offenkundig nicht über Sprossen, sondern über den Körperkontakt mit infizierten Mitbewohnern, über die gemeinsam benutzte Toilette oder verunreinigte Gegenstände angesteckt hatten. "Inzwischen haben wir aber lange keine neuen Fälle mehr gehabt", sagt Werber.

Kontinuierliche, wenn auch seltene Feindberührung vermeldet dagegen Helge Karch, Direktor des Instituts für Hygiene der Universität Münster. "Der Keim hat überlebt", sagt er, "wir sehen ihn immer noch regelmäßig in Stuhlproben" – in der Regel von Patienten, die die Krankheit schon lange hinter sich haben, aber immer noch in der Lage sind – Unvorsichtigkeit und mangelnde Hygiene vorausgesetzt – andere Menschen anzustecken. HUS-Fälle seien jedoch zum Glück keine darunter. "Ich glaube, O104:H4 ist sehr trickreich. Nur weil wir nichts mehr von ihm hören, würde ich ihn jetzt keinesfalls unterschätzen."

Nun ist Helge Karch nicht irgendwer. In den vergangenen 30 Jahren hat Deutschlands renommiertester Ehec-Experte seinen Schimanski-Schnauz über unzählige Kulturen mit Enterohämorrhagischen Escherichia coli, wie EHEC mit ausgeschriebenem Namen heißt, gebeugt. Denn der Keim ist keineswegs selten. "Selbst in Friedenszeiten", sagt Dirk Werber, werden uns am RKI jedes Jahr um die 1000 EHEC-Meldefälle von Gesundheitsämtern übermittelt. Weil aber nicht jeder Durchfallerkrankte zum Arzt gehe, geschweige denn auf EHEC untersucht werde, so der Wissenschaftler, dürfe die wirkliche Zahl der jährlichen Opfer in Deutschland deutlich höher liegen.

Erst siebenmal ging der Keim

der Medizin in die Fänge.

Schon vor 2011 gab es unter diesen EHEC-Bakterien immer wieder besonders unangenehme Zeitgenossen, gefährliche HUS-Keime, die ihr fieses Potenzial besonders gerne bei zwei- bis vierjährigen Kindern ausspielten. HUS mit einem H für hämolytisch, weil der Erreger nicht nur blutige Durchfälle erzeugte, sondern auch das Gerinnungssystem flach legte. Und mit einem U wie urämisch, weil auch die Niere etwa bei jedem fünfzigsten Infizierten ihren Dienst einstellte – manchmal mit tödlichen Folgen. Die meisten Ärzte ließen den Kinderkeim trotzdem angesichts der anderen Massenerreger auf ihren Labortischen links liegen.

Nicht so Karch, im medialen Windschatten seiner Kollegen machte der 58-Jährige ihn zu seinem Spezialgebiet. 1995/96 steckten sich in Bayern 51 Kinder mit EHEC an, sieben Kinder starben. Karch war geschockt und legte eine weltweit einzigartige Täterkartei an. Insgesamt 42 verschiedene Ehec-Erreger liegen in flüssigen Stickstoff gebettet in seinem Institut im Kälteschlaf, darunter seit dem Jahr 2001 auch ein Bekannter, der es im letzten Jahr zu trauriger Prominenz gebracht hat: O104:H4.

Ein sehr seltener Zeitgenosse. Normalerweise fühlen sich seine Verwandten besonders in den Gedärmen von Rindern wohl – O104:H4 war jedoch selbst auf dem Höhepunkt der Epidemie in Norddeutschland bei keinem Wiederkäuer zu entdecken.

Erst siebenmal ging er überhaupt bisher den Mikrobiologen in die Fänge: 2004 in Frankreich, zwei Jahre später in Korea, in Georgien und Italien 2009, in Finnland steckte er seinen Kopf 2010 aus der Deckung und in Deutschland hatte er seine Premiere vor zehn Jahren. Gemeinsam war allen Auftritten, dass immer nur sehr weniger Menschen erkrankten – dann kam 2011.

Angesichts dieser Welttournee wagt Karch über die Herkunft von O104:H4 keine Vermutungen anzustellen – "bei den wenigen Stichproben, die uns vorliegen, kann er eigentlich überall herstammen". Aber gerade die Tatsache, dass der Keim so selten auftaucht, legt für ihn einen anderen Verdacht nah: "Ich glaube, dass sich O104:H4 primär im menschlichen Darm fortpflanzt und vermehrt." Die Schlussfolgerung des Mikrobiologen: "Dieser Stamm ist noch in unserer Bevölkerung, und ich halte ihnen nach wie vor für hochgefährlich."

Macht es sich EHEC im Abwasser gemütlich?

Und vielleicht nicht nur da: Anfang Juni tauchte der Hamburger Killerkeim plötzlich in einer Wasserprobe aus dem Erlenbach bei Frankfurt auf. Ein Fehlalarm, wie sich später herausstellte, aber dennoch ein realistisches Szenario. "Die Sorge ist berechtigt", sagt zum Beispiel RKI-Experte Dirk Werber, "wir wissen zu wenig über die Fähigkeit von O104:H4, sich in der Umwelt festzusetzen." In Bächen und Abwasserrohren, zum Beispiel, in Tieren wie Schafen, aber auch Eidechsen oder Igeln – sprich an Orten, die kein Mensch gründlich auf EHEC überwacht. "Ich kann Ihnen zumindest sagen", warnt Karch, "dass O104:H4 seit acht Monaten in einer Wasserprobe in einem Kühlschrank in unserem Labor bei 5 Grad Celsius überlebt – ohne dass ihm das sonderlich schlecht bekommen wäre."

Ehec ist zudem in der Lage, sich in sogenannten Biofilmen dicht zusammenzurotten, was ihn noch widerstandsfähiger macht, haben Wissenschaftler beobachtet. Und Kollegen von Dirk Werber am RKI belegten, dass er auch gerne einen Art vorübergehenden Winterschlaf einlegt. Im VNBC-Stadium (für viable but non-culturable – lebendig, aber nicht kultivierbar) ist er in der Lage, sich eine Art Tarnkappe überzustülpen. Weil er nicht mehr anzüchtbar ist, entgeht er den meisten Untersuchungsverfahren. Allerdings sollte man hinzufügen, dass eine Infektion nach heutigem Stand des Wissens der Regel nur bei einer Ansteckung von Mensch zu Mensch oder über kontaminierte Lebensmittel zustande kommt, weil immer eine gewisse Dosis Bakterien dafür notwendig ist.

Richtig beruhigen kann das aber auch Helge Karch nicht. "Wir müssen dringend mehr über diese Erreger lernen", fordert er. "Denn irgendwann wird es wieder zu einem EHEC-Ausbruch kommen – auch wenn es wahrscheinlich nicht O104:H4 sein wird."

Autor: Michael Brendler