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10. Dezember 2011

Das Chamäleonzimmer

BZ-SERIE STADT, LAND, FLUSS, BERG (1/4): Studentin schätzt das Stadtleben.

  1. Keine Zeit für einen Plausch: Christina Schwenk nutzt den Nachhauseweg von der Uni lieber, um noch Brot und Käse zu kaufen. Foto: anika maldacker

Der Geruch von Hähnchen liegt in der Luft. Besteck klappert auf Tellern. Die Studenten strömen. Es ist 12 Uhr. Mensazeit in der Rempartstraße in Freiburg. Christina Schwenk sitzt an einem Tisch am Fenster. Auf dem Teller Hähnchen Pomodori mit Rosmarinkartoffeln. Die Freundin neben ihr löffelt in einer Schale Kürbissuppe. Das macht zusammen nicht mal fünf Euro. Sie unterhalten sich über die letzte und die nächste Party und über das fränkische Reich. Halb eins: Christina packt ihre Sachen, verabschiedet sich und bringt ihr Tablett zur Rückgabe. Abspülen muss sie heute nicht. Gut! Sie hat gleich Uni, Literaturwissenschaft.

Jeder zehnte Einwohner in Freiburg ist Student. 22 992 sind allein an der Albert-Ludwigs-Universität eingeschrieben. Christina ist eine von ihnen. Sie ist 21 Jahre alt und stammt aus Pforzheim. Seit drei Semestern studiert sie hier. "Ich habe mich schon vor langer Zeit dafür entschieden in Freiburg zu studieren," erzählt Christina am späten Nachmittag in ihrem Zimmer unterm Dach.

Sie sitzt in der Mitte des Raums an einem kleinen Tisch mit orangener Tischdecke. Hinter ihr steht die Küchenzeile, darüber hängen ein Schöpflöffel und ein Pfannenwender an der Wand. Daneben ragt der Kleiderschrank bis an die niedrige Decke. Gegenüber: ihr Bett. Links daneben: der Schreibtisch mit Notizzetteln an der Wand. Hinter der Küchenzeile rauscht es. Einer ihrer Etagennachbarn duscht gerade. Das Bad teilt sie sich mit fünf anderen Studenten, die nebenan wohnen.

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Christinas Zimmer ist ein Chamäleon. Es verwandelt sich je nach Bedarf: Küche, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Schlafzimmer. 250 Euro Warmmiete bezahlt sie für 23 Quadratmeter im Stadtteil Stühlinger. Verhältnismäßig günstig.

"Freiburg ist für mich eine Großstadt, die sich aber nicht so gibt. Hier ist alles klein und niedlich," meint Christina. Pforzheim ist nur halb so groß. Von dort wollte sie weg. Nicht zu weit, aber weit genug, um selbstständig zu sein. Manchmal vermisst sie ihre Freunde und ihr Zuhause. Also besucht sie regelmäßig die alte Heimat.

Neue Heimat ist Freiburg, Studentenleben: Treffen mit der Theatergruppe, Kinobesuche, Kaffeetrinken mit Freunden, abends günstig essen oder Cocktails trinken, bummeln. Am Wochenende taucht Christina in kleine Kneipen oder Bars mit posterverklebten Tanzecken ab. Die Stadt bietet so viele Möglichkeiten.

Doch jetzt, nach dem Lernen ist etwas anderes angesagt. Christina kommt aus Hörsaal 1134, englische Sprachwissenschaft. Sie wirkt erschlagen. Auf dem Weg zur Treppe begegnet sie einer ehemaligen Schulfreundin aus Pforzheim. Der Plausch wird vertagt. Christina will nach Hause, davor aber noch in den Pennymarkt. Schnell durch den ersten Gang – sie weiß, wohin sie muss. Sie schnappt sich einen geschnittenen Laib Brot. Jetzt nach links in den zweiten Gang. Kühlregal: ein Schnittkäse. Der ist hier ziemlich günstig. "Bei meiner Wohnung um die Ecke gibt es zwar einen Edeka, doch ich versuche oft hier nach der Uni einzukaufen." Das ist günstiger und spart Zeit. Den Großeinkauf macht sie lieber bei Edeka um die Ecke. Dann muss sie die Sachen nicht so weit schleppen.

Christina wohnt so zentral, dass sie keine öffentlichen Verkehrsmittel braucht. Doch das war nicht der ausschlaggebende Grund für ihren Einzug. Der Preis und die Freundin, die zwei Stockwerke tiefer wohnt, eher. "Ich würde für eine schöne Wohnung eine halbstündige Straßenbahnfahrt zur Uni in Kauf nehmen", sagt sie. Auch eine halbstündige Zugfahrt aus dem Umland? Nein. Zu wenig Unabhängigkeit!

Autor: Anika Maldacker