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23. November 2009

In der Küche zuhause

Aus dem Arbeitermilieu des 19. Jahrhunderts zum Lifestyleprodukt: die Wohnküche

Wohnliche Küchen hat es nicht zu allen Zeiten gegeben. Vor allem als man noch am offenen Feuer kochte, wollte man sich nicht unnötig dem beißenden Rauch aussetzen. "Es hat schon gereicht, dass man im Rauch hat kochen müssen", weiß Max Matter, Professor für europäische Ethnologie an der Universität Freiburg. Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts sei es durch eiserne oder steinerne Herde mit Rauchabzug möglich gewesen, in der Küche zu speisen.

Die Nutzung der Küche als Wohnraum war anfangs auch eher eine Notlösung. "Die Wohnküche ist hauptsächlich ein Phänomen der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert", erklärt Matter. Damals war die Orientierung an Adel und Großbürgertum nämlich in darunter liegenden Schichten stark ausgeprägt, weswegen auch sie einen repräsentativen, im Alltag aber kaum genutzten Raum haben wollten, um vor Gästen einen guten Eindruck machen zu können: die gute Stube also. Hatte man im Arbeitermilieu oder im Kleinbürgertum dafür zu wenig Platz, wurde das eigentliche alltägliche Wohnen in die Küche verlegt.

1926 präsentierte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky dann die sogenannte Frankfurter Küche. Eine reine Arbeitsküche, die lediglich der Zubereitung der Speisen diente, in der die (Haus-) Frau möglichst kurze Arbeitswege haben sollte, und die gleichzeitig den Wohnraum vor unangenehmen Gerüchen schützte. Sie ist Vorbild für die klassische Einbauküche, wie sie noch heute weit verbreitet ist.

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Ausgestorben war dadurch die Wohnküche aber noch lange nicht. Schon in den Sechzigern gab es eine Renaissance der bewohnten Küche durch das alternative studentische Wohnen in Wohngemeinschaften. "Da wurde es wieder kuschelig mit dem Sofa in der Küche", schmunzelt Matter, "und die Küche wurde so wieder zum zentralen Raum."

Auch heute schwärmen viele Küchenhersteller von den Vorteilen der Wohnküche, vom gemeinsamen Zubereiten der Speisen als Freizeitereignis, vom Kochen als Lebensgefühl und von der offenen Designerküche als Prestigeobjekt. Professor Matter sieht das zwar noch mit Skepsis und glaubt, die Masse der Menschen werde auch weiterhin in der klassischen Einbauküche kochen. Tatsächlich scheint es aber, als bevorzuge zumindest ein Teil der Küchenkäufer derzeit offene Konstruktionen. Schon seit einigen Jahren sei der Trend in diese Richtung bemerkbar. "In Neubauten gibt es eigentlich zu 95 Prozent offene Wohnküchen", stellt Thomas Engelhardt, Verkäufer bei Mussler Küchen in Friesenheim, fest. Vor allem durch stetig leiser werdende Küchengeräte, ob Kühlschrank oder Dunstabzugshaube, interessieren sich die Käufer für diese Option. Ähnlich sieht man es auch im Küchenzentrum in Emmendingen: "Man kann sagen, dass mehr als 50 Prozent unserer Kunden eine offene Wohnküche planen, entweder in einer bestehenden Immobilie, aus denen dann die Wände der klassischen Kochküche entfernt werden, oder eben bei Neubauprojekten", berichtet der Inhaber Mirko Krüger. Die Küche sei heute ein Stück Weltanschauung, man sehe das an der Präsenz der Kochsendungen.

Der Trend zur Wohnküche sei langfristig, stimmt Engelhardt zu, vor allem da die Kommunikation in der Familie immer wichtiger werde: "Die offene Wohnküche bietet mir die Möglichkeit, mit der Familie zu reden, weil keiner anonym im Wohn- oder Esszimmer hockt. Stattdessen verbringt man Zeit zusammen." Auch das gemeinsame Kochen mit Freunden werde immer wichtiger und benötige einfach Raum, so Engelhardt weiter.

Mit den Essensgerüchen im Wohnraum muss man aber klarkommen, wenn man seine Küche nicht abtrennen möchte. Da ist auch die modernste Technik nicht im Stande, den Fischgeruch in der Pfanne zu halten. Nichtsdestotrotz hat sich die Wohnküche, geboren als Notlösung aus Wohnraummangel, zum Trend der deutschen Wohnkultur im 21. Jahrhundert gemausert.

Autor: Yannic Federer