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24. Dezember 2011
Nah am Wasser gebaut
BZ-SERIE STADT, LAND, FLUSS, BERG (3/4): Ehepaar auf Tuchfühlung mit dem Rhein .
Die Stritzels sind nah am Wasser gebaut. Tränen kommen ihnen deswegen keine. Im Gegenteil. Sie sind glücklich in ihrem Rheinwärterhaus, das direkt auf dem Damm steht und in dem sie dieses Jahr zum ersten Mal Weihnachten feiern. Um ein Haar wäre das nicht wahrgeworden. Das 1877 erbaute Haus sollte abgerissen werden.
Jeden Tag sehen Ralf Stritzel (51) und seine Frau Susanne (46) auf den Rhein, auf einen von der Schifffahrt abgehängten, breiten Arm bei Schwanau im Ortenaukreis. Wasser ist Wasser ist Wasser. So gleichförmig es am Haus vorbeizieht, so anders ist es jeden Tag. Mal spielt der Fluss die raue See mit Wellenaufschlag, mal ruht er in sich wie ein Tümpel, im Herbst dampfen die Nebel als kochten sich Wassermänner auf dem Grund ein Süppchen. Rehe säumen die Szene wie in einem Märchenfilm, Hase, Igel und Käuzchen wähnen sich ungestört.
Hier draußen, einige Kilometer vom Dorfkern Ottenheims entfernt, ist es verwunschen, Einsiedler sind die neuen Bewohner des Rheinwärterhauses aber keine. Wie sonst hätten sie es 20 Jahre in der Stadt an einer vielbefahrenen Lahrer Straße so gut ausgehalten? Sie fühlten sich pudelwohl mit Terrier Ari in ihrer geräumigen Altbauwohnung, eine Gehminute von der Innenstadt entfernt. Wäre da vor zwei Jahren nicht der Fall Rheinwärterhaus gewesen. Für das denkmalgeschützte Haus hatte es damals nicht gut ausgesehen. Das Problem war nicht, dass es renoviert werden musste, das Problem war der Damm. Er wurde im Jahr 2001 saniert – bis auf das Stück, auf dem das Haus steht.
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Aus Rücksicht auf den Besitzer, ein älterer Herr, ließ das Land Baden-Württemberg die Lücke und vereinbarte, dass sie nach Ende der Erbpachtlaufzeit im Jahr 2010 geschlossen wird. Teil der Vereinbarung war auch der Abriss, damit der Damm, in den das Haus hineingebaut ist, im Ernstfall verteidigt werden kann. Die Bürger protestierten aus alter Verbundenheit mit dem Haus. "Sicherheit geht vor" lautete aber die Devise des Regierungspräsidiums Freiburg, das für den Hochwasserschutz zuständig ist. Es sei denn...
Es sei denn, es fände sich ein neuer Erbpächter, der in das Schmuckstück eine stählerne Wand einziehen lässt. Kosten: 135 000 Euro, zur Hälfte vom künftigen Besitzer zu zahlen. Stritzels konnten sich vorstellen, diese Besitzer zu sein. Sie schlichen ums Haus, sahen sich darin um. Susanne Stritzel, eine Frau der abgewägten aber offenherzigen Worte, war entflammt. Ihr Mann, ein Liebhaber alter Häuser, war wohlig erwärmt. Sie bewarben sich als Erbpächter. Als ein Kehler Architekt das Rennen gemacht hatte, waren sie enttäuscht. Aber nicht gelähmt. "Wir dachten, da geht noch was", sagt Ralf Stritzel in einer Mischung aus Recklinghausen-Ruhrpott und Alemannisch. Denn der Architekt wollte das Haus nicht selbst bewohnen.
Am Ende hatten die Stritzels ihn überzeugt, dass sie die idealen Besitzer seien. Zu gleichen Konditionen verkaufte er an sie weiter. 90 Jahre währt der Erbpachtvertrag. "Zu Lebzeiten gehen wir hier nicht mehr weg", sagt die aus der Nähe von Lahr stammende Susanne Stritzel mit fester Stimme.
Wärter, die einst hier lebten, um den Damm instand zu halten, sind beide nicht. Aber auch sie wollen hier leben und arbeiten. Gut ein halbes Jahr dauerte die Innenrenovierung. Körperliche und geistige Durchhänger inbegriffen. Bevor sie einziehen konnten, waren eine neue Elektrik, Böden und neue Fenster Pflicht. Geheizt wird mit Holz- und Ölöfen. Die Farben wählte das Paar, beide gelernte Maler und Gestalter, wie es ihm gefiel. Warme Grün- und Brauntöne. Die Praxis strich Ralf Stritzel, der auch Heilpraktiker ist, in Sonnengelb. Accessoires wie der Buddha aus Stein und der Herd aus Omas Zeiten verwandeln den kleinen Wohnraum in ein gemütliches Zuhause. Seit September ist innen alles fertig. Dass die Stritzels schon jetzt den Begriff Heimat in den Mund nehmen würden, hätten sie selbst nicht gedacht. Sie lieben die Grundstimmung, sie sind Sonnenuntergangs- und Sternengucker geworden. Das Wasser, der Ursaft, aus dem der Mensch zu 90 Prozent besteht, mache den Ort zu was Besonderem, meint Ralf Stritzel.
Terrier Ari und seine Besitzer haben sich an die Wildnis gewöhnt. Wenn sich drüben auf der französischen Rheininsel was Tierisches bewegt – im Volksmund wird sie Niemandsland genannt, weil sie zwischen französischem und deutschem Festland liegt –, schlägt der quirlige Rüde nicht mehr jedes Mal an. Sie fühlen sich angekommen. Zurück in die gut zwanzig Autominuten entfernte Stadt? Niemals. Dort ist es viel zu hell zum Sternengucken. Zwischen hier und dort liegen Welten.
31. Dezember: Auf dem Berg
Autor: Ulrike Derndinger
