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28. Juli 2012

WG sucht den Supermitbewohner

In Freiburger Wohngemeinschaften werden Castings veranstaltet – der Sieger darf in das freie Zimmer einziehen.

  1. Bewerber, die gewissenhaft ihr Geschirr wegräumen, bekommen Pluspunkte. Foto: photocase.de/madochab

Hallo, mein Name ist Paul*, und ich bin 27 Jahre alt ..." Das ist der Anfang von acht E-Mails, die Paul versendet hat. Klingt wie eine Antwort auf eine Kontaktanzeige. Ist es auch. Aber anstelle einer Partnerin sucht Paul ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft (WG).

In Freiburg ist er nicht der einzige. Im Oktober fängt das neue Semester an, und für die Abiturienten des Doppeljahrgangs das Unileben überhaupt. Ein Zimmer muss her. Um die Not der Suchenden wissen die Bewohner der Wohngemeinschaften auch. Es soll aber nicht irgendein Chaot ins frei werdende Zimmer ziehen. Der perfekte Mitbewohner soll durch ein WG-Casting gefunden werden. Die Kandidaten werden zum Gespräch mit den WG-Bewohnern, den Juroren, eingeladen. Fragenkataloge werden abgearbeitet.

In vier WGs möchte sich Paul vorstellen: Stühlinger, Altstadt, Wiehre und Herdern. Eingestellt auf ein Massen-Casting, klingelt er an der ersten Tür. Noch sieht er keine Konkurrenten. Bei der Vorstellung, zu zehnt um das Zimmer zu kämpfen, graut ihm. Die Sprechanlage knistert: "Jaaa?" "Hallo! Hier ist der Paul!" "Aaah, okay, komm hoch!" Aha, eine Frauenstimme. War das jetzt Sophie oder Marlene*?

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Die ersten Eindrücke im Treppenhaus: weiße Wände, weißer Boden, weiße Türen. Ja, auch ein Fahrstuhl für faule Tage ist da. An der Tür warten die Juroren des Castings. Ein kurzes Händeschütteln, eine übersichtliche Vorstellungsrunde und los geht’s in das heiß begehrte Zimmer – oder auch nicht. In dieser WG muss doch zuerst noch die Küche bestaunt werden: rosa Schneidemesser, rosa Küchenuhr, rosa Schweinchenkissen – einfach Rosa.

Die Castings laufen alle ähnlich ab: Das Zimmer wird gezeigt, Kandidat Paul erhascht einen Blick in das Leben des Vorgängers. Und: Besichtigungstour durch die Wohnung. Am Schluss: das Auswahlgespräch. Es findet immer im Zentrum der Wohnung statt, der Küche. Hier werden wichtige Fragen geklärt, Putzplan, Miete, Hobbys.

Je nachdem, welche Erfahrungen die Juroren mit dem vorherigen Mitbewohner gesammelt haben, werden die Schwerpunkte anders gesetzt. Von sauberen Putzfeen über Geistermitbewohner bis zu Krümmelmonstern haben die Juroren schon einiges erlebt.

Jetzt ist Paul dran, Kommunikation ist alles. Die Juroren wollen etwas über ihren potenziellen Mitbewohner wissen – am besten alles. Er kommt für seine Masterarbeit nach Freiburg. Spielt gern Basketball in seiner Freizeit. Und, ja, kochen kann er auch. Gerne auch für andere. Ein Lächeln auf den Gesichtern der Juroren. Die restlichen Informationen werden kopfnickend aufgenommen. Ob Paul Chancen hat? Sie werden ihn anrufen!

Vier WG-Castings später. Paul resümiert: Afrikanische Statuen, Fotoautomatenbilder oder gleich eine Wand voller Freunde – so vielfältig die verschiedenen Zimmer, so unterschiedlich sind die WGs eingerichtet. Von der typischen Studentenbude bis zu Schöner-Wohnen-Ausstellungsräumen ist alles dabei. Eines haben sie alle gemeinsam: Die Juroren sind stolz auf ihr Heim, und der Sieger des Castings soll hineinpassen.

Paul bewertet: Auf einem Zeitungsbild küssen sich Nicolas Sarkozy und Angela Merkel beinahe – sympathisch. Audrey-Hepburn-Gläser werden zum Trinken verteilt – stylish. Eine Terrasse voller Sonnenblumen – süß. Aber die selbstironische Waage, die überflüssige Pfunde mit dem Schriftzug "Oooh" bedauert, die geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Ein Anruf: "Hi Paul, du hast das Zimmer!" Paul grinst. In Zukunft wird auch er sich von der Waage bedauern lassen können.

* Paul, Sophie und Marlene heißen in Wirklichkeit anders. Ihre vollen Namen sind der Redaktion bekannt.

Autor: Emilia Maria Kühn


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