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17. Dezember 2011
Wo Affen unter Tapeten hausen
BZ-SERIE STADT, LAND, FLUSS, BERG (2/4): Vier Generationen schaffen sich auf dem Land im Ortenaukreis ihre eigene Infrastruktur.
Sie ist klein geworden, die Welt von Maria Schillkowski. 50 Quadratmeter mit Balkon, unterm Dach, die Türrahmen verkratzt von Gehhilfe und Rollstuhl. Bilder ihrer Kinder, Enkel, Urenkel schmücken die Wände. Dazwischen eine Fotografie aus dem vorletzten Jahrhundert, die sie gerne zur Hand nimmt: ihre Großeltern. Herrschaftlich stehen sie da, ernste Mienen vor aufgemalter Kulisse, umgeben von ihren sieben Kindern.
Die Wohnung der 92-Jährigen steckt voller Erinnerungen, je älter, desto lebendiger in ihrem Herzen. Aber es gibt auch das Strickzeug auf dem kleinen Wohnzimmertisch. Der erste Strumpf aus rostroter Wolle ist fertig. "Die sind für die Nicole. Ich hoffe, dass sie passen", sagt die alte Frau. Nicole ist eines ihrer fünf Enkelkinder. Wenn sich Maria Schillkowski einsam fühlt, ruft sie an. Dann kommt die 37-Jährige und nimmt sich Zeit. "Ihre Augen strahlen, wenn sie Besuch bekommt. Das muss gar nicht für lang sein. Es strengt sie halt auch an", sagt die Erzieherin, die mit ihrer Familie nur wenige hundert Meter entfernt wohnt – seit einem knappen halben Jahr in dem Haus, das eben diese Oma zusammen mit ihrem Mann Gustav gebaut hat.
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Das war 1953. Maria Schillkowski ist 34 Jahre alt, als sie mit ihrem Mann und den beiden Söhnen Bernd und Edwin in die eigenen vier Wände zieht – in Sulz, einem 3500-Seelen-Dorf im Ortenaukreis. Zuvor leben sie in der kalten Gass’, wie die Sulzer ihre Waldstraße nennen, bei ihren Eltern. In dieser Zeit werden die Söhne geboren. Bernd als Hausgeburt, die Cousine der Mutter ist Hebamme, lebt im Ort, kommt und macht ihre Arbeit. So war das früher.
Mit 56 Jahren ist Maria Schillkowski Witwe. Der Mann stirbt an einem Herzinfarkt. "Da war das Haus dann zu groß für meine Mutter, zu viel Arbeit für sie allein", sagt ihr Sohn Bernd. Als der Vater stirbt, lebt der heute 67-Jährige mit seiner Frau Iris und den Töchtern Heike und Nicole in Karlsruhe. "Weil ich dort Arbeit gefunden hatte", sagt der Maschinenbauermeister. Doch der Kontakt zur Heimat bricht nie ab. "Wir sind alle zwei Wochen nach Hause gefahren. Bernd hatte Bienenstöcke, half meinem Vater im Betrieb, kümmerte sich um den Garten seiner Mutter", erinnert sich seine Frau Iris.
1980 kehrt Bernd mit der Familie zurück nach Sulz, zieht in sein Elternhaus, nachdem seine Mutter die Wohnung bezieht, in der sie bis heute lebt. Jeden Tag geht er zu ihr. "Er richtet die Medikamente für den Tag, bringt den Müll runter, erledigt den Einkauf, schaut einfach nach dem Rechten", sagt Iris, die sich um die Wäsche der Schwiegermutter kümmert. Da macht das bescheidene Ehepaar nicht viel Worte drum. Das gehört sich so.
Bernd und Iris fühlen sich wohl in Sulz, freuen sich, zumindest eine ihrer Töchter in der Nähe zu haben. "Wir genießen es, unsere Enkelkinder aufwachsen zu sehen", bringt es die 61-Jährige auf den Punkt. Und da hat das Dorf für sie ganz klare Vorteile: "Man kennt sich. Die Kinder treffen sich im Dorf, stromern durch den Wald, heute wie damals. Da hat sich nicht viel geändert. Das Vertrauen ist ein anderes als in der Stadt." Sulz hat Kirche, Kindergarten, Arzt, Bäcker – alles in doppelter Ausführung. Mit Apotheke, Zahnarzt, Friseur und Grundschule bietet der Ort jungen Familien ebenso wichtige Anlaufstellen wie seinen älteren Mitbürgern.
Vor einem halben Jahr dann der Tausch. Bernd und Iris ziehen in die Eigentumswohnung ihrer Tochter Nicole, die ihren Platz genau dort hat, wo für Bernd als Kind die Einsamkeit lag: "Früher waren hier nur Wald und Felder. Heute ist es das Neubaugebiet."
Ein großer Schritt für beide Familien. Nicole und ihr Mann Frank Schillinger bekommen ihren zweiten Sohn. "Spätestens ab da war die Dreizimmerwohnung zu klein für uns", sagt der 40-jährige Krankenpfleger, der nun jede freie Minute in die Renovierung des Hauses steckt. Seine Frau Nicole ist glücklich: "Dass wir jetzt in meinem Elternhaus leben, ist für uns alles andere als selbstverständlich. Ich bin dankbar und freue mich, wie gut wir das alle zusammen gemeistert haben."
Ihr Sohn Eric ist mit zehn Jahren etwas älter als sein Opa damals beim Einzug. Beim Abreißen der Tapeten entdeckt er ein Äffchen an der Wand. Seine Mutter hat es gemalt, als sie so alt war wie er. Diese Tradition setzt Eric nun fort, verewigt sich mit seinem Namen, bevor ihn die neue Tapete wieder verdeckt. Es ist wie ein Kreis, der sich schließt und bei dem jede der vier Generationen ihre Aufgabe hat, jede in der Zeit, die dafür vorgesehen ist.
24. Dezember: Am Fluss
31. Dezember: Auf dem Berg
Autor: Ulrike Sträter
