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04. Juni 2012
Interview
Alice Schwarzer: „Wir haben die Türen eingetreten“
Eine öffentliche Abtreibungserklärung, erste Frauenräume und Frauenpartys sowie ein Manifest: Vor 40 Jahren formierte sich in Deutschland eine neue Frauenbewegung. Die Feministin Alice Schwarzer blickt den Kampf um Gleichberechtigung zurück.
BZ: Frau Schwarzer, die Emma feierte kürzlich 40 Jahre Frauenbewegung, nun gab es eine Tagung unter dem Motto. Ehrlich gesagt, musste ich erst mal nachsehen, an welchem Ereignis sich das festmacht...
Alice Schwarzer: Die Jahreszahl ist auch mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Sie bezieht sich auf den 11. März 1972, an dem eine junge Frau in Frankfurt in der Jugendherberge ans Mikro trat. Sie erklärte vor 400 Zuhörerinnen, dass die Frauen sich nun autonom organisieren wollen, um ihre besonderen Interessen durchzusetzen. Das beinhaltete etwa den Männerausschluss von politischen Gruppen und eigene Orte für Frauen. Diese Deklaration war aber nur der bürokratische Abschluss einer Entwicklung, die seit der spektakulären Erklärung "Ich habe abgetrieben, und ich fordere das Recht für jede Frau dazu" am 6. Juni 1971 im "Stern" eingesetzt hatte.
BZ: Sie sehen also die "Stern"-Aktion als die Geburtsstunde der neuen Frauenbewegung?
Schwarzer: Ja. Nach dieser Erklärung haben viele Frauen gesagt: Jetzt ist Schluss mit dem Schweigen. Wir reden jetzt darüber, was die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft bedeutet, für die Sexualität, für die Partnerschaft. Und viel mehr: Wir reden jetzt überhaupt mal über alles. Dahinter stand die Erkenntnis: Wir sind nicht schuld an unseren Problemen, die Gesellschaft ist schuld. Und wir müssen gesellschaftlich etwas ändern. Daraus entstand der viel missverstandene Slogan "Das Private ist politisch".
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BZ: Es hat sich in Sachen Gleichberechtigung viel getan in diesen 40 Jahren. Trotzdem ziehen Sie ein eher bitteres Fazit.
Schwarzer: Bei der Vorbereitung auf diesen Kongress (Eine Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Boll zu 40 Jahre Frauenbewegung in Deutschland. Dort entstand auch das Interview – die Red.), auf meinen Rückblick und eine Zwischenbilanz der Frauenbewegung, war ich selber überrascht. Ich bin ja normalerweise optimistisch. Und ich finde, dass wir Feministinnen und überhaupt wir engagierten Frauen wahnsinnig viel erreicht haben. Wir haben das Denken und die Gefühle verändert, das ist eine wirkliche Kulturrevolution. Die Türen stehen jetzt offen, die Frauen dürfen Karriere machen, wir haben eine Kanzlerin. In Frankreich werden wir kolossal bewundert für La Merkel, die halten Deutschland für ein Wunderland der Emanzipation.
BZ: Aber?
Schwarzer: Gleichzeitig habe ich noch mal unsere zentralen Forderungen aus den 70er Jahren angesehen. Unsere Kern- und Herzensthemen erleben derzeit eine Renaissance wie nie zuvor. Nehmen wir zum Beispiel die Sexualität. Da ist einerseits viel Positives passiert. Viele Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind gleichberechtigter geworden. Die Sozialwissenschaftler sprechen von einer einvernehmlichen Sexualität der Gegenseitigkeit – und das gehört ja zu den Zielen des Feminismus. Gleichzeitig haben wir es mit einer umfassenden Pornografisierung der gesamten Kultur zu tun. Das durchzieht jetzt alle Medien, ist allgegenwärtig. In den neuen Medien auch in allerhärtester Form. Wir haben hier von einer Medienwissenschaftlerin gehört, dass Jungs mit elf Jahren in den Pornokonsum einsteigen. Und wir wissen von Untersuchungen, dass diese Pornografisierung von frühester Jugend an das ganze Gefühl brutalisiert. Es gibt also Fortschritt und unter dem sichtbaren Fortschritt gibt es eine Unterwelle, die ihm die Beine unterm Körper wegschlägt.
BZ: Und den Medien weisen Sie dabei eine Schlüsselrolle zu?
Schwarzer: Ja, sie spielen eine fatale Rolle im Emanzipationsprozess, eine rückschrittliche Rolle.
BZ: Woran machen Sie das fest?
Schwarzer: Jemand wie ich hat viel mit Menschen zu tun. Ich bin sozusagen das öffentliche Gesicht des Feminismus. Ich kriege massenhaft Briefe, gerade auch von Jugendlichen. Deshalb kann ich sagen: Die Medien sind rückschrittlicher als die Menschen. Da gibt es eine Propaganda, die uns wieder die alten Rollen zuweist, die sagt: Das ist eine richtige Frau, und das ist ein richtiger Mann. Und dann gibt es den Versuch der Generationenspaltung: Mal schicken die Medien uns sogenannten Altfeministinnen die Girlies entgegen, dann kommt die nächste Welle, die Alpha-Mädchen heißt. Das sind alles Medienprodukte, es ist ein Versuch, uns geschichtslos zu machen. Was bedeuten würde, dass die nächste Generation nicht an die Erfahrungen und Erkenntnisse, die gemacht wurden, anknüpft und ihr eigenes Ding macht, sondern wieder bei Null anfangen muss.
BZ: Sie betreiben diese Generationenspaltung doch selbst mit: Auf Ihrer Homepage etwa wird eines Ihrer Bücher beworben mit dem Slogan "Das Wort einer Frau, kein Mädchengelaber".
Schwarzer: Es gibt keine Generationenspaltung, die ist ein Medienphänomen. Aber es gibt eben junge Frauen, die versuchen, sich bei den herrschenden Männern anzubiedern, indem sie sich vom klassischen Feminismus distanzieren. Das kann man sich einmal anhören, zweimal und dann sagt man: Das Wort einer Frau und kein Mädchengelaber.
BZ: Für viele junge Frauen ist die Frauenbewegung tatsächlich kein Thema mehr. Das mag auch Ihrem Erfolg geschuldet sein...
Schwarzer: Sie meinen, dass sich die Frauenbewegung selbst überflüssig gemacht hat? Ja. Das kommt natürlich schon daher, dass es gar keine Frauenbewegung mehr gibt. Man kann von einer Frauenbewegung im politischen Sinne nur bis Anfang oder Mitte der 80er Jahre sprechen – ich meine eine Bewegung, die einen Zusammenhalt hat, die untereinander kommuniziert. Das gibt es nicht mehr und das ist auch normal bei einer Bewegung, sie ist wie eine Welle, die sich dann verläuft. Die Feministinnen meiner Generation sind in die Gesellschaft gegangen, sind Journalistinnen geworden... Das ist einerseits gut, denn wir sind überall, und der Feminismus ist ein Stück weit Teil des selbstverständlichen Denkens geworden. Andererseits ergibt sich daraus eine Schwäche: Wir sind kein Machtfaktor, der Einfluss auf die Politik nehmen kann.
BZ: Ist so etwas wie das Buch von Kristina Schröder, "Danke, emanzipiert sind wir selber", nicht Ausdruck des Denkens, das ein Gutteil der jungen Frauen heute hat? Nämlich dass das Private wieder privat ist?
Schwarzer: Das Buch ist Ausdruck eines Denkens, auf das ein Gutteil der jüngeren Frauen – aber durchaus auch ältere – Gefahr läuft, wieder reinzufallen. Das ist das, was man im amerikanischen Backlash nennt. Nach dem Aufbruch der neuen Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre hatten wir bereits ab Mitte des Jahrzehnts den Backlash. Da war die Rede von der neuen Weiblichkeit, die die alte war, von der neuen Mütterlichkeit, die ebenfalls die alte war, und so weiter. Und da haben Teile der Frauenbewegung mitgemacht. Das ist der besondere Charme der Emanzipationsbewegung der Frauen. Sie sind selbst zerrissen und laufen Gefahr, dass es ihnen zu anstrengend wird. Ich versteh’ das ja alles. Wir sind ja auch keine homogene Gruppe.
BZ: Warum fällt Frauen dieses Wir-Gefühl so schwer?
Schwarzer: Das ist eine Frage, die mich schon lange umtreibt. Über Jahrtausende waren Frauen abhängig vom Wohlwollen eins Mannes. Das Auftauchen einer anderen Frau hat sie existenziell bedroht. Daher kommt diese tiefe Rivalität. Und dann wissen wir ja, dass das weibliche Geschlecht Demütigungen erfährt, mehr als die Männer. Das zerstört das Selbstwertgefühl. Viele Frauen verachten sich selbst. Das ist natürlich ein Teufelskreis. Da müssen wir den Mut haben, den zu durchbrechen.
BZ: Sie sagen, es gibt einen Rückschwung. Dennoch ist in den Medien gerade eine Renaissance von Frauenthemen zu beobachten – von Frauenquote über Betreuungsgeld bis zum Buch von Kristina Schröder...
Schwarzer: Vielleicht erleben wir gerade einen Moment, an dem die Kluft zwischen dem realen Leben und der Politik sowie den medialen Darstellungen sichtbar wird. Die Lage ist ja ernst. Die Frauen, die Teilzeit arbeiten, steuern unaufhaltsam auf eine dramatische Altersarmut zu. Junge Frauen müssen – wenn sie sich dem gesellschaftlichen Druck beugen – den fast nicht machbaren Spagat hinkriegen zwischen "ich will begehrt sein" und Karriere machen. Diese Rollenzuweisungen, die man Männern in der Form nicht zumutet, werden in verschärfter Weise erwartet. Vielleicht sind wir an einem Moment angekommen, an dem ein neuer Leidensdruck entsteht.
BZ: Ein Leidensdruck, der ja oft beide Partner betrifft...
Schwarzer: Natürlich. Es ist ja auch eine Zumutung für die Männer. In der "Zeit" hat eine 29-jährige Journalistin kürzlich die neuen Männer als Jammerlappen und Flaschen bezeichnet. Das ist eine Verhöhnung des zurecht irritierten Mannes, der sich fragt, was denn jetzt seine Rolle ist. Wir haben den klassischen Mann ja mit gutem Grund in Frage gestellt. Weil er auf dem Rücken der Frauen stand. Wir haben gesagt, runter mit dir. Stell dich mal gegenüber und guck mich an – wer bist du? Das ist für uns Frauen eine neue Rolle, aber für die Männer auch. Da sind wir in Zeiten des Umbruchs und der Irritation. Und das geht gar nicht anders. Ich finde den irritierten Mann sympathisch.
BZ: Wenn etwas beklagt wird, dann auch eher seine mangelnde Sexyness.
Schwarzer: Ich finde ihn sexy. Ich hab’ mein Leben lang immer schon eher Männer sexy gefunden, die schüchtern sind und nicht so breitbeinig angelatscht kommen. Sexy ist das Unerwartbare. Es geht auch nicht, zu sagen, im Berufsleben will ich gleichberechtigt sein, aber im Bett soll er mir den Tarzan geben. Das ist doch lächerlich. Schluss jetzt mit diesem Männerbild. Wenn wir in allen Bereichen ein Gegenüber sind, dann kann er auch mal der Schwächere sein.
BZ: Zum Schluss noch ein Ausblick: Welche Schritte wären nötig, um den Backlash zu überwinden?
Schwarzer: Es brauchte die Kraft für einen realistischen Blick, die Kraft, zu erkennen, dass der ganze Kitsch, der uns verkauft wird, uns in Wahrheit wieder in die alten Verhältnisse zieht. Als zweites brauchte es ein Ernstnehmen von uns selbst. Und als drittes, unbedingt, nicht immer geliebt werden zu wollen. Pfeif drauf! Wir müssen wieder lernen, uns unbeliebt zu machen. Das war der Charme der frühen Feministinnen. Wir haben die Türen eingetreten, den Jungs die Mikros aus der Hand genommen, wir haben gesagt, Schluss mit eurem Gelaber, jetzt sagen wir mal, worauf es ankommt. Da hat uns niemand für geliebt, aber wir fanden’s klasse.
Autor: kam





