Alles inklusive

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mo, 06. August 2018

Liebe & Familie

In einer Ferienanlage in Friedrichshafen packen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam an /.

Eine Flotte mit Hunderten von Schwänen dümpelt pittoresk im Bodensee zwischen Friedrichshafen und dem Naturschutzgebiet Eriskircher Ried herum, laut tutend quert die Fähre hinüber nach Romanshorn. Und als sei das nicht schon genug Postkarten-Idylle, schiebt sich auch noch ein Zeppelin als gigantischer Wal durch das Sommer-Wolkenmeer mit Alpenblick. Bestes Urlaubsambiente!

An der Rezeption der Ferienanalage CAP Rotach ist der Teufel los: Das Telefon klingelt im Minutentakt, Fahrradtouristen und Kinder mit Eislust stehen Schlange, vor der Tür schleppen die Betreuer einer Freizeit für Menschen mit Behinderung gerade tonnenweise Gepäck Richtung Fahrstuhl. Ein Schild macht Spontanbesuchern wenig Hoffnung: Pension und Hotel sind restlos ausgebucht, auch das Camper-Symbol hat seit heute Morgen einen roten Balken, lediglich für Zelte lässt sich noch das ein oder andere Plätzchen finden.

Gut, dass das Rezeptionsteam solchen Ansturm gewöhnt ist – Sascha Seiwert jedenfalls behält Nerven und Freundlichkeit, ab und an schießt er in seinem Rollstuhl im Affenzahn über das Gelände, um Interessierten einen der heiß begehrten Stellplätze zu zeigen.

Steuerzahler statt

Hilfsempfänger

Was die meisten Gäste gar nicht wissen: CAP Rotach hat nicht nur die Ecocamping-Auszeichnung, sondern ist auch eine inklusive und barrierefreie Ferienanlage. Lediglich das Banner am Hotel weist dezent darauf hin: CAP – das steht für "Chancen, Arbeit, Perspektiven". 2003 als gemeinnütziger Integrationsbetrieb nach Paragraf 132 Sozialgesetzbuch IX unter der Fachaufsicht des KVJS-Integrationsamts eröffnet (KVJS steht für Kommunalverband für Jugend und Soziales), schreibt das vielfach ausgezeichnete Projekt seitdem Erfolgsgeschichte: Über 30 000 Übernachtungen jährlich, 18,5 Vollzeitstellen für 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Hälfte davon mit Schwerbehinderung.

Ihnen gelang hier der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt mit regulären, sozial-versicherungspflichtigen Verträgen. Statt Hilfsempfänger sind sie jetzt Beitrags- und Steuerzahler. Rund neunzig große und kleine Inklusiv-Unternehmen gibt es mittlerweile in Baden-Württemberg, sie alle experimentieren mit ähnlichem Konzept: Waren Menschen mit Behinderungen lange Zeit weitgehend ausgegliedert und unsichtbar, mischen sie sich hier ungefragt in den Markt. "Wir bitten nicht mehr um Teilhabe, sondern sie wird uns aufsuchend entgegengebracht", so Geschäftsführer Fritz-Heinrich Bauer. Attraktive Dienstleistung statt "Behindertenbonus", denn Löhne und Betriebskosten werden beim CAP weitgehend selbst erwirtschaftet.

Hört sich traumhaft an – dabei ist der Spagat zwischen Wettbewerbsfähigkeit und sozialem Beschäftigungsauftrag nicht immer einfach: So fordert die 2009 in Kraft getretene UNO-Behindertenrechtskonvention zwar uneingeschränkte Inklusion und Teilhabe aller Menschen in allen Lebensbereichen, unsere gesellschaftliche Realität aber ist die einer Leistungsgesellschaft, in der permanent um Erfolg, Schönheit und Belastbarkeit konkurriert wird. Exklusivität wird gesucht – "all inclusive" bedeutet zumindest im Tourismus meistens das Gegenteil. "Als pädagogische Spinnerei" wurde Fritz-Heinrich Bauers Idee damals abgetan, bis eine alternative Bank den Kredit zum Kauf des Ufergeländes gab und damit den Startschuss für Deutschlands ersten und noch immer einzigen inklusiven Campingplatz. Sein Standortvorteil führte zur Rentabilität: Die Innenstadt von Friedrichshafen ist zu Fuß erreichbar, das benachbarte Naturschutzgebiet bietet Erholung, die Messe füllt auch in den Wintermonaten das 2014 eröffnete 3-Sterne-Hotel.

"Eine selbstverständlich gelebte Normalität" sieht Bauer dabei nicht nur in den CAP-Teams selbst, sondern auch im Alltag der Ferienanlage: Hier treffen Gäste unterschiedlicher Nationen, Schichten und Lebensstile aufeinander, mittendrin und sichtbar agieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als wichtige Funktionsträger in den Bereichen Gastronomie, Hauswirtschaft, Gartenpflege und Verwaltung. Positive Rückmeldung der Gäste bedeutet da doppelte Wertschätzung. Diese Erfahrung macht auch die hauswirtschaftliche Leiterin Andrea Koch. Sie arbeitet seit zwei Jahren bei CAP Rotach, vorher war sie in einer exklusiven Privatklinik angestellt. In ihrem Team sind drei Frauen und ein Mann mit Schwerbehinderung. "Ich sehe das gar nicht mehr, ich arbeite fürchterlich gerne mit meiner Mannschaft zusammen. Die ist echt klasse! Es ist einfach ein Miteinander", erzählt sie. Als sie sich auf die Stelle bewarb, hatte sie allerhand Befürchtungen, die sich schnell zerstreuten: "Aus der Gastronomie kenne ich vor allem Stress und Druck, der von Oben nach Unten weitergegeben wird. Die klassische Chefrolle liegt mir nicht, für mich ist es so sehr viel entspannter und sozialer." Und auch der angehende Arbeitserzieher Stefan Dohmen ist von den Erfahrungen seines dreimonatigen Praktikums angetan: "Hier habe ich Kollegen, keine Klienten. Wir lernen voneinander."

Platzwart Patrick Schmidt kam vor sieben Jahren über den Integrationsfachdienst – und ist mittlerweile ein alter CAP-Hase. "Einer hat mal an der Rezeption gefragt, ob er hier Behinderte angucken kann", erzählt er und lacht dabei. Überhaupt werden hier viele Witze über Behinderungen gemacht, auch über die eigenen. Ein lockerer Umgang. Natürlich braucht es neben dem passenden Arbeitsplatz dafür auch ein gutes Betriebsklima. "Den nichtbehinderten Kolleginnen und Kollegen die Wichtigkeit sozialer Kompetenzen zu vermitteln, das ist mitunter die größte Herausforderung", so Fritz-Heinrich Bauer. Er sieht eine positive Führungskultur vor allem in den klassischen Variablen nach Carl Rogers, einem bedeutenden Vertreter von personenzentrierter Gesprächsführung: Echtheit, Empathie und bedingungsfreie, leistungsunabhängige Wertschätzung. Diese Prämissen würden auch nicht-inklusiven Betrieben gut anstehen.

Genauso wie die gleichberechtigte Wichtigkeit aller Arbeiten: Müllmanagement ist da nicht "niedriger" als Zimmerservice oder Arbeit in der Rezeption. Denn alle leisten einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg. Ein Anspruch, der zwischen den Teams an den Schnittstellen ihrer Arbeitsbereiche immer wieder verhandelt wird. Vor allem im Eifer des Hochsaison-Gefechts, wenn sich rundherum die Feriengäste vergnügen oder gar langweilen, während für die CAP-Beschäftigten totale Urlaubssperre herrscht und in Mehrfachschichten fast rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche gearbeitet wird. Arbeiten, wo andere Urlaub machen, das hat eben auch seine Schattenseiten.

"Hier guckt keiner blöd."

Eine Besucherin
Patrick Schmidt hat sich an die atemlosen Sommermonate gewöhnt und mag den Trubel. Erst im November hat er Urlaub, "dann reicht’s mir aber auch!". Auf dem Gelände ist er Herr von Rasenmäher und Heckenschere, entmüllt, pflegt und repariert. Dabei kann er sich seine Arbeit weitgehend selbst einteilen und ist durch seine ständige Präsenz oft Ansprechpartner für die Gäste. Einem hat er letztens erst die Leiter geholt, weil der wegen einer verklemmten Wohnmobiltür durch das Dachfenster klettern musste. Solche Anekdoten gibt es viele. "Hier ist immer was los, ich arbeite gerne hier", sagt er. Auf die Frage, ob die Jahre in CAP Rotach sein Selbstbewusstsein gestärkt hätten, antwortet er prompt: "Unbedingt!" So klärt er auch den ein oder anderen Gast am Müllhaus darüber auf, dass Bierdosen nichts im Altpapier verloren haben. "Aber das nützt meistens eh nix." Vor allem aber verdient Patrick Schmidt hier fast fünfmal so viel wie in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen – das ermöglicht ihm auch in seiner Freizeit ein selbstbestimmtes Leben.

Das CAP-Konzept kennen und schätzen vor allem Gäste, die selbst Erfahrung mit Behinderungen haben – und das nicht nur wegen der Barrierefreiheit: "Wir machen seit vielen Jahren hier Urlaub, weil es für uns viel entspannter ist als auf einem ,normalen’ Campingplatz. Hier guckt keiner blöd", erzählt eine Frau, deren Sohn im Rollstuhl sitzt. Inklusion, das bedeutet Teilhabe, Selbstverständlichkeit und Umgang auf Augenhöhe. Eine Utopie? Nicht mehr.