BZ-Interview

Autor: Wir sollten Tiere so achten wie Menschen

Sonja Zellmann

Von Sonja Zellmann

Mo, 28. Mai 2018 um 11:55 Uhr

Liebe & Familie

Eine Katze, die Freudensprünge macht, als sie ihre Besitzerin sieht: Tiere und Menschen sind sich nicht so unähnlich. Jürgen Teipel hat Geschichten gesammelt, die das zeigen. Im BZ-Interview spricht er über sein Buch.

Eine Katze, die Freudensprünge vollführt, als sie ihre Besitzerin wieder sieht. Ein Esel, der einem Pferd beibringt, Tore zu öffnen. Ein Ozelot, der einer jungen Frau nicht von der Seite weicht. Ebenso rührende wie spannende Geschichten über Tiere und Menschen hat Jürgen Teipel in seinem Buch "Unsere unbekannte Familie" zusammengetragen. Es sind Geschichten, die das Zeug haben, den Blick des Lesers auf Tiere zu verändern, weil sie demonstrieren, dass diese offenbar häufig ganz ähnlich ticken wie wir Menschen. Sonja Zellmann hat mit dem Autor gesprochen.

BZ: Herr Teipel, wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?

Teipel: Als Kind hatte ich viel mit Tieren zu tun – meine Oma hatte eine kleine Landwirtschaft, Ziegen, Hühner, Hasen, Gänse –, doch dann lebte ich meist in Großstädten. Mit der Zeit stellte ich fest, dass etwas Schönes aus meinem Leben verschwunden war, und ich fragte mich, wo mein Tierbezug hingekommen war. Zu der Zeit habe ich von Bekannten immer wieder Geschichten über ihre Tiere gehört und angefangen, einige davon aufzuschreiben. Tiergeschichten packen einen einfach. Das zog sich über fünf, sechs Jahre. Ich wusste noch gar nicht genau, wie daraus ein Buch werden sollte. Ein Aha-Erlebnis war dann meine Begegnung mit Orang-Utans im Krefelder Zoo, genauer die Geschichte von Sita, einer Orang-Frau, die sehr gern malte und eine innige Beziehung zu ihrer Pflegerin hatte. Bei dieser Gelegenheit erlebte ich, was für eine Empathie von einem Tier – und seiner Geschichte – ausgehen kann, und das machte mir klar, in welche Richtung mein Buch gehen sollte: Ich wollte mir Tiergeschichten erzählen lassen und sie dokumentieren, in klarer, einfacher Sprache.

BZ: Sie wollten also nicht "missionieren" oder gar aufrütteln im Sinne des Tierschutzes? Ihr Buch heißt ja "Unsere unbekannte Familie", was nahelegt, dass es darum gehen könnte, dass wir Menschen diese Familienangehörigen auch als solche behandeln sollten.

Teipel: Ich wollte zuerst tatsächlich nur Geschichten erzählen. Dennoch habe ich schon bei der zweiten oder dritten Recherche – auf einem Gnadenhof – gemerkt, dass das Buch ohne einen starken ethischen Aspekt nicht funktioniert, denn man stolpert unweigerlich über Geschichten, die das Thema Tierschutz berühren. Es gibt im Buch auch eine Schilderung von Tierrechtlern, die nachts in Schweinemastanlagen einsteigen, um die verheerenden Zustände dort zu dokumentieren. Ich selbst bin aus Tierschutzgründen schon lange Vegetarier und denke oft: "Wie wir mit den Tieren umgehen, das darf eigentlich nicht sein." Dennoch wollte ich die ethische Seite nicht überstrapazieren, sondern die Leute einfach erzählen lassen. Der Leser soll für sich rausfiltern, was für ihn gut ist. Es gibt auch lustige Geschichten, wie die von einem Eichhörnchen, das so eine große Zuneigung zu einem Mann entwickelte, dass es ihm nicht mehr von der Seite wich – es folgte ihm sogar unter die Dusche. Oder Atemberaubendes wie die Geschichte von einem Tierfotografen, den ein Walbaby von seinem Rücken hat rutschen lassen.
"Schließlich tauchte das Glattwalbaby ab, und ich blieb an der Wasseroberfläche zurück. Und dann kam es wieder hoch! Direkt unter mir! Aber langsam. Und ich blieb. Und es hob mich ganz behutsam – auf seinem Rücken – aus dem Wasser. Ich lag mit einem Mordsherzklopfen auf diesem Rücken. Und am Ende ließe es mich abrutschen; drehte dieses Spiel (das es vorher mit seiner Mutter gespielt hatte, Anm. d. Red.) aus eigenem Antrieb also völlig um." Aus der Geschichte "Die Rutschpartie"

BZ: Wie haben Sie die ganzen Leute und ihre Geschichten gefunden?

Teipel: Meist war es so, dass ich mich jemandem gesprochen habe, der mir wieder jemand anderen empfohlen hat, so nach dem Motto: "Ach, da fällt mir einer für dich ein, der macht was mit Elefanten..." Das war wie ein Dominoeffekt, ein ganz entspanntes Arbeiten.

BZ: Gibt es etwas, das diese Menschen, die so nah mit Tieren in Kontakt sind, ausmacht im Vergleich zu anderen?

Teipel: Das Tolle war die Begeisterung dieser Menschen. Dieses "Hey, ich hab da was, was mich wirklich berührt hat". Die Leute haben aus den Erlebnissen mit ihren Tieren viel mitgenommen, haben einen anderen Blick auf die Welt – ja, ich denke, einen empathischeren. Ich komme aus der Punk-Bewegung. Da wurde ja ebenfalls nach Erfüllung gesucht: teilweise in Gewalt, in Drogen, aber auch im Schreiben und Musikmachen. Die Leute waren ständig auf der Suche nach etwas, an dem sie sich im Leben orientieren können. Doch das konnten weder Drogen noch Musik bieten, denn beides funktioniert nur jeweils auf bestimmten Ebenen. Beziehungen aber – auch zwischen Mensch und Tier – können Erfüllung bringen, denn dazu braucht es Liebe und Miteinander. Die Beziehung zu einem Tier ist etwas Reales, eine Art Erdung. Ein direkter Kontakt, nichts Erdachtes.
"Und dann rollte der Dachs sich wieder ganz fest ein und schlief weiter. Ganz langsam atmend. Und das hörte man. Und wenn man es eine Weile gehört hatte, verliebte man sich in ihn. Ich hätte ihm ewig zuhören können. Man hörte ihn schnarchen. Man hörte ihn träumen. Er träumte vom Essen." Aus der Geschichte: "Gestreifter Stoiker"

BZ: Was bedeuten Ihnen Tiere? Sind sie wie Menschen für Sie?

Teipel: Selbstverständlich sollten wir Tieren ebenso viel Achtung entgegenbringen wie Menschen. Wir sind ja eigentlich selbst Tiere. Unsere Kultur tut aber immer wieder so, als ob das nicht der Fall ist. Dadurch realisieren wir gar nicht, wie eng wir verwandt sind. Dennoch gibt es natürlich zwischen Tieren und Menschen, aber auch zwischen den Tierarten, große Unterschiede. Viele Tiere haben Fähigkeiten oder agieren auf Ebenen, die uns nie zugänglich sein werden, weil sie ganz andere Sinnesleistungen haben. Ich lese zum Beispiel gerade ein Buch über Orcas, die sich anhand von Tönen im Ultraschallbereich orientieren wie unsereins mit den Augen. Aber ich glaube, auf den Ebenen, auf die es ankommt – den Ebenen des Mitgefühls, der Gefühle überhaupt – sind wir uns sehr ähnlich. Auch in der Wissenschaft wird das in den letzten Jahrzehnten immer mehr bestätigt. Methoden der Hirnforschung haben ergeben, dass bei Tieren und Menschen dieselben Gehirnareale angesprochen werden, wenn sie eine gefühlsmäßig ähnliche Situation erleben. Dazu passt ein Erlebnis, von dem mir ein Meeresforscher erzählte: Er wollte eine Meeresschnecke von einem Tauchgang mitnehmen, um sie später zu präparieren. Nun hatte er aber kein Behältnis für sie dabei. Daher setzte er sie auf seinen Oberarm und paddelte mit ihr davon; so ne halbe Stunde waren sie unterwegs. Der Forscher war durch seine Flossen verhältnismäßig schnell. Plötzlich sah er, wie sich die Schnecke aufrichtete, die Fühler in den "Fahrtwind" streckte und so guckte, als dächte sie: "Wow, so schnell war ich ja noch nie!" Er hatte das Gefühl, dass sie das sehr genossen hat.

BZ: Meinen Sie nicht, dass wir in solche Situationen eine Menge hineinprojizieren?

Teipel: Natürlich kann man all das nicht beweisen, aber zum Glück wollen eben auch Wissenschaftler heute nicht mehr in erster Linie Beweise sehen, sondern sagen: "Wenn du den Eindruck hast, dass die Schnecke etwas Bestimmtes wahrnimmt, kannst du dir da trauen. Weil das Tier ähnliche Erfahrungen macht wie du, und du daher einen Bezug dazu hast, was es erlebt." Ich glaube, abgeleitet aus der Erkenntnis, dass Tiere in vielen Situationen ähnlich fühlen wie wir, steht ein Schritt für uns als Gesellschaft an: Diese Einsicht kann oder sollte uns dazu bringen, bewusster mit Tieren umzugehen und weniger achtlos zu sein – zum Beispiel beim Fleisch essen.
"Sita (die Orang-Utan-Frau, Anm. d. Red.) malte dort stundenlang. Sie arbeitete sehr, sehr konzentriert. Wenn auf dem Blatt ein Fleck war, dann wurde es umgedreht. Alles musste schön ordentlich sein. Oder auch, dass sie ihre Stifte meist im Mund behielt, weil sie wusste: Der Chef der Gruppe isst die gerne. Das sind ja Bienenwachsstifte..." Aus der Geschichte "Eine tolle Orangfrau"

BZ: Faszinieren uns Tiergeschichten auch deshalb, weil wir uns so ähnlich sind?

Teipel: Vielleicht. Außerdem hat das, glaube ich, mit unserem archaischen Erbe zu tun, das noch in uns schlummert und das mit der Welt von Computern und Düsenflugzeugen nicht viel zu tun hat. Ich schätze, die Geschichten sprechen eine Sehnsucht nach diesem Erbe an, eine Verbindung zur Natur, die für viele im Alltag leider keine Rolle mehr spielt.

BZ: Würden Sie sagen, dass Tiere die besseren Menschen sind?
Teipel: Das kann man so nicht sagen. Das kommt auf die Tierart an. Schimpansen zum Beispiel können sehr grausam und berechnend sein. Bonobos oder Orang-Utans dagegen sind völlig gewaltfrei; fast schon Hippies.

Jürgen Teipel (56) kam über die Herausgabe einer Punk-Zeitschrift zum Schreiben. Sein Buch "Verschwende deine Jugend" über Punk und New Wave war ein Bestseller. Teipel lebt bei München.

Lesetipp: Jürgen Teipel: Unsere unbekannte Familie. Wahre Geschichten von Tieren und Menschen. Suhrkamp, Berlin 2018. 285 Seiten, 18 Euro.