Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
12. Dezember 2011
Das Gemeinsame sehen
Wenn in der Familie einer glaubt und einer nicht, müssen Vater und Mutter Kompromisse finden.
Er fällt nicht auf, obwohl er gar nicht so richtig hierher gehört. Wie einige andere Väter hat Harry seine Frau Astrid * dabei und seine beiden Töchter. Aber vielleicht muss man besser schreiben: Astrid hat ihren Mann dabei. Der geht nämlich nicht von sich aus in die Kirche. Astrid sagt: "Er macht das mir zuliebe." Harry sagt: "Sie ist der Anlass." Astrid, die praktizierende Christin, und Harry, der Wissensmensch bar jeder Spiritualität, kreisen um Begrifflichkeiten.
Er sitzt trotzdem da, in der zweiten Reihe: Familiengottesdienst in Merzhausen bei Freiburg an einem Adventssonntag. Das Orgelintro verklingt. In der evangelischen Johanneskirche sind noch Plätze frei. Das ist dem Paar mit den zwei Töchtern egal. Es genießt den Gottesdienst. Harry legt seinen Arm um Astrids Schulter, die antwortet mit einem verliebten Blick. Die sechsjährige Amelie dagegen schaut nach vorne, über die Zöpfe ihrer kleinen Schwester hinweg zu Pfarrer Martin Auffarth. Amelie kichert, Pfarrer Auffarth erzählt nämlich so lustige Sachen. Hanna blättert derweil im Bilderbuch. Sie ist erst drei.
Werbung
Kirche spürt, ist ihm fremd.
Während des Gottesdienstes gibt es nichts zu diskutieren. "Wann hat man das denn schon", wird Astrid am späten Nachmittag sagen, "eine besinnliche Stunde gemeinsam mit der Familie, die Gedanken schweifen lassen, sich auf Weihnachten einstimmen, zur Ruhe kommen?" Und vor allem heute – mit Harry.
Normalerweise geht Astrid alleine oder mit den beiden Mädchen in die Kirche. Aber heute nutzt sie die Kirchenflatrate. "In der Adventszeit hat Astrid zwei Gottesdienstbesuche bei mir frei", sagt Harry mit einem Augenzwinkern. Der Zauber, den seine Frau in der Kirche spürt, ist ihm fremd. Die Spiritualität wurde von Wissen und Wissenschaft verdrängt. Aber: Bei ihnen zu Hause steht ein Adventskranz mit dicken, roten, brennenden Kerzen auf dem Wohnzimmertisch. Das ist gar keine Frage. Etwas Zauber gehört zur Kindheit, meint Harry. Deswegen erfüllt auch das Christkind die Weihnachtswünsche. Aber nur, solange die Kinder diese Geschichte nicht hinterfragen. "Ich will später nicht in einen Konflikt geraten. Ich will Wissen nicht relativieren", sagt Harry.
Für den Zauber, für Spiritualität und Religion ist Astrid zuständig. Und darauf möchte sie auf keinen Fall verzichten. "Vor der Hochzeit war mir schon wichtig, klarzustellen, dass unsere Kinder getauft werden", sagt Astrid. Harry bestätigte bei der Taufe dann mit "Ja", statt mit "Ja, mit Gottes Hilfe". Es geht zwischen Harry und Astrid oft um Begrifflichkeiten, aber um die entscheidenden. "Wenn sich die Partner im Glauben nicht einig sind, wird der Gläubige den Begriff Gott weiter fassen", sagt Pfarrer Auffarth. Es kommt häufiger vor, dass Eltern in der Religionserziehung verschiedene Ansichten haben. Kompromisse sind dann gefragt. Schließlich gibt es viele verschiedene Lebensentwürfe. Auffarth spricht daher von Gott als einem Feld der Möglichkeiten. Und dieses beackern Harry und Astrid. Da heißt es abends nicht "Lieber Gott, wir danken dir". Vielmehr wird über die Erlebnisse des Tages gesprochen und überlegt, was schön war. Für Astrid steckt göttliche Führung dahinter, für Harry wird alles im Diesseits bestimmt. Oder Astrid singt mit den Kindern das Lied "Weil ich Jesu Schäflein bin" nach dem 23. Psalm: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Damit kann Harry leben. Fragen die Kinder aber nach, klärt Harry sie auf: Das sind Geschichten, Geschichten von früher. Amelie kennt das schon. Sie holt sich gerne die verschiedenen Antworten bei den Eltern ab.
So wie die Geschichte von Adam und Eva. Kürzlich war es Thema, wo die Menschen herkommen. Astrid hat aus der Kinderbibel vorgelesen und gleich dazugesagt, dass der Papa das anders erklärt. Der musste sich mit der Evolution abmühen. Kindgerecht ist das gar nicht so einfach. Und noch schwieriger ist kindgerecht, wenn es um den Tod geht. Da muss sogar der Wissenschaftler Harry kapitulieren: "In ihrem Alter kann ich den Kindern keine Vorstellung vom Tod geben, die ihnen hilft." Astrid fällt das leichter: Der Seele geht es gut, sagte sie den Mädchen beispielsweise, als der Körper der Uroma begraben wurde.
Trost, Geborgenheit und Stärke holt sich Astrid aus dem Glauben. Das war schon in ihrer Kindheit so. Wissenschaft und Religion sind für sie kein Widerspruch. Es schaudert sie etwa, wenn sie einen Regenbogen sieht: das Versöhnungszeichen von der Arche-Noah-Geschichte. Ein Zeichen dafür, dass Gott an die Menschen denkt. Und doch ist ihr klar, dass der Regenbogen ein naturwissenschaftlich zu erklärendes Phänomen ist: einfach aus Regen und Sonne – ganz ohne Zauber.
Genau so sitzt Harry in der Kirche – ganz ohne Zauber. Er lauscht und selektiert: Spricht Pfarrer Auffarth über Weltliches, verbindet Harry das Gesagte mit seinem Weltbild. Spricht Pfarrer Auffarth über Spirituelles, schweifen Harrys Gedanken ab. Er denkt dann an das konsumkritische Poster, das an der Pforte der Kirche hängt. Das passt ganz gut zu seinem Leben. Später resümiert er: "Ich stehe der Wertegemeinschaft der Christen nahe, aber nicht der Glaubensgemeinschaft."
sich und die Welt
* Die vollständigen Namen sind
der Redaktion bekannt.
Autor: Manuela Müller
