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02. November 2009
Der Faktor Mensch
Technik kann im Alter vieles erleichtern – doch ihr Einsatz hat auch Grenzen
Mit einem Lächeln steht Otto B. vor seinem Garagentor in Freiburg-Zähringen und versprüht eine Stimmung wie beim Genfer Autosalon. Er will seine neueste Errungenschaft präsentieren. "Den Rolls Royce der Senioren", verkündet er. Wo in den vergangenen 50 Jahren immer die aktuellen Markenmodelle einer Mittelklassenlimousine ihren Standort hatten, steht er nun: Kein chromblitzender, PS-starker, vierrädriger Untersatz, sondern ein 7,3 Kilo Leichtgewicht, einfach handhab- und zusammenklappbar – ein Gehwagen oder Rolla-tor, oftmals liebevoll Rolli getauft. Eine Bordsteinkante stellt kein Hindernis dar und – nebenbei betrachtet – bietet der Gehwagen Gelegenheit, sitzenderweise eine Verschnaufpause einzulegen.
Ausgestattet werden kann der Gehwagen mit einem Einkaufskorb oder -netz, einem Halter für den Gehstock oder den Regenschirm. "Eine prima Sache", findet seine Ehefrau, die den Gehwagen als persönlichen Schutzengel ihres Mannes empfindet. Der Grund für die Anschaffung waren neben einer eingeschränkten Sehfähigkeit auch Schwierigkeiten beim Gehen. Geht das Ehepaar getrennte Wege, ist Otto B. mit Rolli unterwegs. Bei gemeinsamen Unternehmungen hakt sich der 80-Jährige bei seiner Frau unter und nimmt den Gehstock.
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"Jetzt fehlt nur noch das Navi am Gehwagen", scherzt die Nichte und spielt auf die Technikverliebtheit des ehemaligen Ingenieurs an. Ottos Neugierde ist geweckt. Marktreif ist das Assistenzsystem zur sicheren Fortbewegung noch nicht. Doch einen Prototypen hat die Forschergruppe um Professor Elisabeth Steinhagen-Thiessen, der Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie des Berliner Universitätsklinikums Charité, entwickelt. Die Theorie: alten Menschen mit Orientierungsschwierigkeiten eine technische Hilfe anzubieten. Das Ziel: eine einfache technische Neuerung, die sich problemlos in den Alltag alter Menschen integrieren lässt.
Mit Blick auf den Bildschirm, der zwischen den Handgriffen des Gehwagens angebracht ist, weist ein roter blinkender Pfeil den Senioren den Weg. Gedacht ist das für große Pflegeheime und Krankenhäuser, in denen sich ältere Menschen auf den Fluren schon mal verirren können. Doch was theoretisch bestechend klingt, betrachten die Praktiker im Pflegealltag mit Skepsis. Rudolf Edelmann, Direktor des Friesenheimer Seniorenzentrums Kur- sana-Domizil, sagt: "Technikgläubigkeit löst die Probleme im Blick auf den demografischen Wandel nicht." Für alte Menschen gebe es nichts Schöneres, als wenn ein Mensch sich um sie kümmert, weiß er aus seinem Alltag im Seniorenheim.
Auch Marion Traber vom AWO-Seniorenzentrum in Denzlingen bestätigt die Ansicht des Kollegen aus Friesenheim. Seit 27 Jahren ist die Pflegedienstleiterin und stellvertretende Heimleiterin in der Pflege tätig. "Nach einer begleitenden Eingewöhnungsphase finden sich die Senioren in der Regel zurecht. Wer aufgrund seiner Grunderkrankung Orientierungsschwierigkeiten hat, der kommt auch mit einem Navi am Rollator nicht zurecht."
Weder der Reha-Mitarbeiter bei Mattern und Koller in Lahr, Christian Vogel, noch seine Kollegin im Freiburger Sanitätshaus Pfänder, Ursula Eichler, können sich vorstellen, "dass ein Gehwagen mit Navi ein Renner auf dem Markt wird." Schon jetzt könnten sich viele Senioren nur das schwere, unhandliche Kassenstandardmodell leisten. Sicherheit stehe an oberster Stelle, was technische Hilfsmittel angehe. Die Praktiker, die nah an den alten Menschen arbeiten, sind sich sicher: Die Idee eines Navi am Gehwagen müsse am grünen Tisch entworfen worden sein. Das Geld für die Forschung – das Bundesministerium für Forschung und die Wirtschaft stellen einen zweistelligen Millionenbetrag bereit – könne sinnvoller ausgegeben werden. Edelmann und Traber wünschen sich Finanzspritzen für mehr Personal. "Kontakt, Ansprache, Wärme, Verständnis und Zuwendung brauchen alte Menschen vorrangig." Otto B. freut sich, dass er den Rolls Royce unter den Rollatoren hat. "Das Kassenmodell ist verflucht schwer." Und das Navi? "Brauch’ ich nicht. Ich kenn’ mich z’Friburg aus."
Autor: Bettina Schaller
