Der Geschwister-Mythos

Silke Kohlmann

Von Silke Kohlmann

Mo, 18. Juni 2018

Liebe & Familie

An welcher Stelle der Geburtenreihenfolge jemand steht, hat wenig Einfluss auf seine Persönlichkeitsentwicklung / .

Liebeskummer, ein neues Jobangebot, die Auswahl eines neuen Sofas: Bei all diesen Fragen wendet sich Ben vertrauensvoll an seine ältere Schwester Sophia. Sie weiß Rat, nimmt sich Zeit – und oft genug die Sache in die Hand. So war das schon, seit beide denken können. Sophia war die beschützende, fürsorgliche große Schwester, Ben der vertrauensvolle kleine Bruder. Sie gewissenhaft und ernst. Er sorglos und verträumt.

Lange Zeit galten sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der Laienpsychologie genau diese Persönlichkeitsmerkmale für Geschwister als typisch. Erstgeborene sind ernsthaft und verlässlich, perfektionistisch und organisiert. Die Mittleren – sogenannte Sandwichkinder – sind kooperativ, Nesthäkchen dagegen rebellisch und manipulativ. Die Kernbotschaft: Aus einmal erworbenen Rollen kommt man nie wieder heraus. Doch so simpel ist es nicht. Zum Glück.

Alfred Adler, Begründer der Individualpsychologie, war in den 1920 Jahren der Erste, der einen Zusammenhang zwischen Geburtsrangplatz und Persönlichkeit herzustellen versuchte. In dessen Folge entwickelte unter anderem Kevin Leman, einer der bekanntesten Psychologen und Familienberater in den USA seine "Geschwisterkonstellationen". Lemans klare Aussage: Die Position unter den Geschwistern "beeinflusst alle Bereiche Ihrer Persönlichkeit: wen Sie heiraten, wie sie ihre Kinder erziehen, welchen Beruf Sie wählen und welche Vorstellung Sie von Gott haben".

Ob Erstgeborener, Mittelkind oder Nesthäkchen: Persönlichkeitsmerkmale wurden bis in die 1970 Jahre jeweils an der Position unter den Geschwistern festgemacht. Absolut nachvollziehbar beschreibt etwa der Kinderarzt und Heilpädagoge Karl König die besondere Rolle des ersten Kindes in einer Familie. "Kein anderes Kind wird so sehnlichst erwartet und mit solcher Freude und ehrfürchtiger Dankbarkeit begrüßt." Keinem der folgenden Geschwister werde ein so triumphaler Empfang bereitet.

Wegen dieser besonderen Konzentration von Mutter und Vater – manchmal dazu noch Großeltern, Tanten und Onkel – auf das Kind, ist es tatsächlich so, dass Erstgeborene in der Regel früher sprechen und laufen lernen als spätere Kinder. Weil es für Erstgeborene vor allem Erwachsene als Vorbilder gebe, übernähmen sie selbstverständlich Erwachseneneigenschaften, schreibt Leman. "Meist wachsen Erstgeborene zu Menschen heran, die althergebrachte Werte bewahren möchten. Sie sind kleine Erwachsene, die im Leben häufig leitende Funktionen übernehmen und Außergewöhnliches erreichen."

Während das mittlere Kind als vermittelnd, unabhängig, aber konfliktscheu beschrieben wird, macht Leman bei Nesthäkchen viele nicht gerade schmeichelhafte Eigenschaften aus: manipulierend und charmant, prahlerisch und frühreif; das Jüngste hat ein gewinnendes Wesen und gibt gerne anderen die Schuld.

In dieser frühen Geschwisterforschung wurde unterstellt "dass zwischen dem Geburtsrangplatz und der Persönlichkeitseigenschaft eine Ursache-Wirkung-Beziehung besteht", erklärt Entwicklungspsychologe und Familienforscher Hartmut Kasten. Dass Eltern ihre erstgeborenen Kinder anders behandeln, stellt er nicht grundsätzlich in Frage. Er bezweifelt allerdings, dass die Kinder dadurch dauerhaft geprägt werden und voneinander abweichende Persönlichkeitseigenschaften ausbilden, die ihr weiteres Leben bestimmen.

Noch weiter als Leman und König ging der österreichische Psychoanalytiker Walter Toman. Er war überzeugt, dass die Erfahrungen in der Herkunftsfamilie jede neue Beziehung, insbesondere die Wahl des Ehe- oder Lebenspartners maßgeblich beeinflussen: Je mehr die späteren Beziehungen denjenigen in der Herkunftsfamilie gleichen, desto glücklicher und erfolgreicher seien sie. Eine große Schwester wählt als Lebenspartner demzufolge am besten einen Mann, der selbst eine große Schwester hat; ein großer Bruder eine kleine Schwester.

Die psychoanalytische Grundannahme bei Toman stellt Kasten in Frage. "Diese behauptet, dass den frühkindlichen und familialen Erfahrungen zentraler Stellenwert im Leben des Menschen zukommt." Die moderne, dynamische Persönlichkeitspsychologie hat allerdings gezeigt, "dass auch in späteren Lebensphasen noch wichtige, tiefgehende Erfahrungen gemacht werden", so Kasten. Auch Letztgeborene können gewissenhafte Menschen werden, nicht aus jedem Erstgeborenen wird automatisch ein Anführer.

Eine großangelegte Studie aus dem Jahr 2015 bestätigt Kastens Aussagen. Psychologen der Universitäten Leipzig und Mainz analysierten die Daten von 20 000 Erwachsenen aus Deutschland, den USA und Großbritannien. Das Ergebnis: "Welche Persönlichkeit uns als Erwachsene auszeichnet, hängt kaum damit zusammen, wo wir in der Geburtenreihenfolge zwischen unseren Geschwistern stehen", fassen die Forscher zusammen. Mit Hilfe eines Selbsttests waren die fünf grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften – nämlich Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen – erfasst worden. "Unser zentraler Punkt ist, dass die Geschwisterposition für die Persönlichkeit keine große Rolle spielt", erklärt Stefan Schmukle, einer der Autoren der Studie und Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Leipzig. "Für Intelligenz und Intellekt finden wir sehr kleine Effekte, für die anderen Persönlichkeitseigenschaften gar keine, was sowohl prominenten psychologischen Theorien als auch verbreiteten Vorstellungen in der Bevölkerung widerspricht."

Ein Problem mancher früherer Studien war, dass die Geschwister nicht getrennt einzeln nach ihrer Persönlichkeit befragt worden seien, sondern sich selbst und ihre Geschwister eingeschätzt haben, erklärt Schmukle. "Das kann aber dazu führen, dass stereotypische Vorstellungen über Geschwisterpositionseffekte berichtet werden. Besser ist, alle Geschwister der Familie einzeln zu befragen." Zum anderen sei in früheren Studien oft nicht das Alter der Geschwister kontrolliert worden. "Wenn man aber die Geschwister einer Familie untersucht, so sind später geborene Geschwister ja zwangsläufig jünger als die früher geborenen Geschwister, so dass möglicherweise Unterschiede, die eigentlich auf das Alter zurückzuführen sind, fälschlicherweise als Geschwisterpositionseffekte interpretiert wurden."

Tatsächlich zeigt die Studie, dass die durchschnittliche Intelligenz vom Erst- zum Letztgeborenen leicht sinkt. "Dieser Effekt auf die Intelligenz lässt sich in großen Stichproben zuverlässig finden, ist aber auf der individuellen Ebene wenig aussagekräftig", erklärt Schmukle. "Wenn man zwei Geschwister vergleicht, wird dennoch in über 40 Prozent der Fälle das später geborene den höheren IQ haben. Und die gefundenen Effekte sind so klein, dass es zweifelhaft ist, ob sie für den Lebensweg bedeutsam sind." Kein Grund also für später Geborene, darüber mit den großen Geschwistern in Streit zu geraten.

Stichwort Streit: Den tragen die Geschwister meist in jungen Jahren miteinander aus – weil sie in diesem Alter so viel Zeit miteinander verbringen. Denn bereits Einjährige haben genauso viel Kontakt mit ihren älteren Geschwistern wie mit ihren Müttern, schon im Alter von drei Jahren verbringen sie weit mehr Zeit mit älteren Schwestern oder Brüdern als mit den Eltern. Da gibt es reichlich Gelegenheit zum Streit. Laut einer Studie der US-amerikanische Wissenschaftlerin Laurie Kramer geraten Geschwister, die zwischen drei und sieben Jahre alt sind, dreieinhalb Mal pro Stunde miteinander in Streit. Jüngere Geschwister zanken sogar noch häufiger: Zwischen Zwei- bis Vierjährigen kracht es durchschnittlich sechsmal in einer Stunde.

Grund für Differenzen ist häufig die Zuwendung der Eltern. Rivalität zwischen Geschwister, so erklärt Kasten, komme vor allem in der frühen und mittleren Kindheit und bei altersmäßig benachbarten Geschwistern vor – bei Brüdern häufiger als bei Schwestern. In der Pubertät, wenn die Geschwister unabhängiger voneinander werden, nimmt sie – zugleich mit der Nähe der Geschwister zueinander – ab. "Als Erwachsene, wenn die Geschwister dann ihren eigenen Haushalt gegründet haben, sehen sie sich vergleichsweise am seltensten", so Kasten.

Wenn die eigenen Kinder das Haus verlassen, wenn sie in den Ruhestand gehen und dadurch mehr Zeit zur Verfügung steht, suchen Geschwister oft wieder mehr Kontakt zueinander. Und dann ist es so, dass auch die Rivalität wieder aufflammen kann. Paradox? "Es ist jedoch einsichtig, dass Rivalität ein gewisses Maß an Nähe voraussetzt: Mit jemandem, der einem gefühlsmäßig gleichgültig ist, konkurriert man auch nicht", so Kasten.

Und in der Tat spielen Geschwister eine bedeutende Rolle. Laut einer repräsentativen Umfrage der GFK-Marktforschung Nürnberg gaben 72,5 Prozent der Befragten an, alles in allem ein sehr enges Verhältnis zu ihren Geschwistern zu haben. 74 Prozent der Befragten sagten, dass sie sich in Notlagen und persönlichen Krisen "voll und ganz" auf ihre Geschwister verlassen würden. Allerdings hat sich knapp jeder Fünfte als Erwachsener mit seinen Geschwistern auseinandergelebt. Trotz allen Streits in der Vergangenheit lohnt es sich aber die Nähe der Geschwister zu suchen. Die amerikanische Verhaltenspsychologin Deborah T. Gold fand heraus, dass Geschwister im Alter verzeihen und vergessen können. Mehr als 90 Prozent der von ihr befragten Menschen über 65 Jahren sagten, Rivalität spiele in der Beziehung zu ihren Schwestern oder Brüdern kaum noch eine Rolle.