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16. Januar 2012
Eine Frau und 5700 PS
Von wegen Traumberuf für kleine Jungen: Zehn Lokführerinnen sind für die Deutsche Bahn in Südbaden unterwegs.
Freiburg Hauptbahnhof, 7.34 Uhr: Nadine Sous schaut noch mal aus dem Fenster auf den Bahnsteig, löscht die Türfreigabe und blickt auf die Instrumententafel der E-Lok vom Typ 146. Zwischen den drei Bildschirmen leuchtet ein grünes T auf. Die Lokführerin bewegt den Fahrhebel behutsam nach vorne und weckt 5700 PS zum Leben. Langsam setzt sich RE 5335 in Richtung Basel in Bewegung, wie jeden Werktagmorgen. Um 6.34 Uhr ist Nadine Sous in Offenburg mit sieben Doppelstockwagen losgefahren, 480 Tonnen wiegt ein voll besetzter 204 Meter langer Regionalexpress. In Freiburg ist sie um 6.29 Uhr pünktlich angekommen. Hier hat der Zug fünf Minuten Pause, zwei Wagen werden abgehängt, weil das Fahrgastaufkommen auf dem zweiten Teil der Strecke geringer ist.
Maximal 160 Stundenkilometer ist eine 146 schnell, zwischen Basel und Freiburg liegt die Höchstgeschwindigkeit bei 140. Und weil RE 5335 unterwegs nur vier Mal hält, braucht der flotte Regionalexpress für die Strecke bis Basel SBB gerade mal eine Minute länger als ein ICE.
Nadine Sous ist eine von zehn Lokführerinnen auf den südbadischen Strecken der Deutschen Bahn, zwei weitere werden demnächst dazu kommen. Mit ihren 240 männlichen Kollegen bedient sie die Strecken der DB Regio zwischen Offenburg und Basel, zwischen Karlsruhe und Konstanz. 460 Frauen stehen insgesamt ihren Mann in den Führerständen von Regional-, Fern- und Güterzügen der Deutschen Bahn – bei einem gesamten Personalbestand von rund 20 000 Lokführern. Seit wann Frauen den Traumberuf kleiner Jungen ausüben, das weiß man in der Berliner Zentrale gar nicht so genau. Konrad Triebswetter, südbadischer Betriebsmanager und zuständig für Lokführerinnen und Lokführer meint, dass 1989 oder 1990 die erste Frau im Führerstand saß. Je vier Lokführerinnen fahren im Rheintal und am Hochrhein, zwei auf der Höllentalbahn, und Nadine Sous bedient auch noch die Schwarzwaldbahn von Karlsruhe nach Konstanz.
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haben ihren Reiz.
Nadine Sous fährt seit 1999 Regionalbahnen durch Südbaden. Dabei war das keineswegs ihr Traumberuf, den sie schon als kleines Mädchen im Sinn hatte. Nach der Mittleren Reife hat die Lahrerin vielmehr erst eine Ausbildung als Fahrdienstleiterin gemacht. Das Stellen und Überwachen von Signalen und Weichen in einem Stellwerk schien ihr allerdings nicht so interessant wie der Platz in einem Führerstand. Also absolvierte sie die dreijährige Ausbildung und fuhr zum ersten Mal im Alter von 20 Jahren einen Zug. Und hat es nicht bereut. Sie plant auch keinen Wechsel vom Regional- zum Fernverkehr. Schließlich hat sie mit Rheintal- und Schwarzwaldbahn zwei abwechslungsreiche, weite und schnelle Strecken, im Winter auch noch mit verschneiten Bergen. Und so ist es doch noch ein Traumberuf geworden: am "Steuer" einer starken Maschine und dabei die eigene Chefin.
Nach Bad Krozingen wird die Fahrt von RE 5335 richtig flott. Es ist ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl, mit Tempo 140 in den Nebel hinein zu fahren. Immerhin gibt die Technik auf der Strecke zwischen Offenburg und Basel doppelte Sicherheit. Freie Signale bedeuten, dass mindestens 1000 Meter Bremsweg garantiert sind. Und die Linienzugbeeinflussung, erkennbar an einem Kabel zwischen den Schienen, verschafft weitere vier Kilometer Überblick, sichtbar an einem leuchtenden Balken zwischen den Bildschirmen. Auf einem Bildschirm hat Nadine Sous ihren Fahrplan. Hier sind die Bahnhöfe mit und ohne Halt aufgeführt, Ankunfts- und Abfahrtszeiten sowie die zulässige Geschwindigkeit der einzelnen Streckenabschnitte. Temporäre Geschwindigkeitsbeschränkungen wegen Bauarbeiten sind rot markiert. Der Fahrplan wird vor Abfahrt des Zuges über eine Datenfernleitung aufgespielt, wenn die ausfällt, erhält die Lokführerin ihren Fahrplan per Fax.
Fünf Hebel muss Nadine Sous beim Fahren und Bremsen betätigen. Einer ist fürs Gasgeben zuständig, ein weiterer dient als Tempomat. Gleich drei Hebel sind fürs Bremsen da: einer für den ganzen Zug, einer für die Lok und ein dritter betätigt die Feststellbremse. Und dann gibt es noch den roten Pilz für den Fall der Fälle, den Nothalt. Mit den Füßen wird der Totmannschaltung signalisiert, dass die Fahrerin noch lebt – und wenn sie es mal vergisst, dann ertönt eine sanfte männliche Stimme: "Sifa" – wenn nötig auch zweimal. Doch damit nicht genug der Sicherheit. An den Schienen sind die Magneten der Indusi, der induktiven Zugsicherung angebracht, die zum Beispiel einen Zug zum Stehen bringt, wenn ein Haltesignal überfahren wird. Manche dieser Befehle wollen quittiert werden, mit einem Hebel, der treffend mit "wachsam" bezeichnet ist. Nur um eines muss sich die Lokführerin nicht kümmern: um die Haltestellenansage. Die wird per GPS gesteuert.
Um 8.13 Uhr rollt RE 5335 in den Badischen Bahnhof von Basel. Der Regionalexpress ist einer von fünf Zügen pro Tag, die weiterfahren bis zum Schweizer Bahnhof SBB. Was die besondere Wachsamkeit von Nadine Sous erfordert, denn auf Schweizer Strecken, auf denen links gefahren wird, stehen auch die Signale links. Das erfordert im Gleisgewirr des SBB Konzentration. Auch die Zahl der Magneten und damit Informationen an den Zug ist hier höher. Drei Schweizer und ein deutsches Indusi-Signal wollen beachtet sein.
Um 8.20 Uhr kommt der Zug am Bahnsteig 1 A auf einem stumpfen Gleis zum Stehen. 17 Minuten bleiben Nadine Sous, die Lok abzurüsten, etwa zu kontrollieren, dass die Lampen der Lok auf Rückleuchten umgeschaltet haben, dann auf die Gegenseite zu gehen und den Steuerwagen aufzurüsten. Auf dem Rückweg hat der Regionalexpress die neue Nummer 5332 und wird fast zur Bummelbahn. Er hält bis Müllheim auf jedem, danach auf fast jedem Bahnhof. Eine Stunde und sieben Minuten dauert die Rückfahrt nach Freiburg, um 9.44 Uhr kommt der Zug in Freiburg an. Hier hat RE 5332 dann 19 Minuten Aufenthalt – und Nadine Sous eine Pause von eineinhalb Stunden. Um 11.15 Uhr fährt sie wieder nach Basel und anschließend zurück nach Offenburg, wo der Arbeitstag um 14.50 Uhr endet.
An Lokführer und Lokführerinnen ist Bedarf. Bis kurz vor Jahresende hat die DB Regio Personal mit Aufklebern in den Regionalzügen gesucht. Doch seit kurzem hat Triebswetter die nötige Personalstärke erreicht. Wobei sein kritischer Blick nach Süden gerichtet ist. Denn die Schweizer SBB ist gerade in Grenznähe ein ernsthafter Konkurrent auf dem Arbeitsmarkt – und sucht selbst. Seit 20 Jahren sind Frauen als Lokführerinnen unterwegs, hat die SBB im Dezember stolz verkündet. "1991 hat die erste Frau die Ausbildung zur Lokführerin bei der SBB bestanden." Noch heute ist sie als Lokführerin tätig. In den 90er Jahren folgten ihr sechs weitere Frauen. 2004 wurde eine Lokführerinnen-Frauenklasse in Biel eingerichtet. Heute sind bei den Schweizerischen Bundesbahnen 71 Frauen im Einsatz bei einer Gesamtzahl von rund 2500 Lokführern. In den nächsten zehn Jahren werden 1000 neue Lokführerinnen und Lokführer eingestellt. Dabei sollen vermehrt auch Frauen gewonnen werden – nicht zuletzt durch das Angebot von Ausbildung und Tätigkeit auf Teilzeitbasis. Voraussetzungen sind eine abgeschlossene Berufslehre oder Abitur, ein Alter zwischen 20 und 40 sowie – Schweizer Besonderheit – die Beherrschung von zwei Landessprachen.
Seit dem Frühjahr 2011 sitzt Marisa Grolimund im Führerstand von SBB-Lokomotiven. Auch für sie war das nicht unbedingt ein früher Traumberuf, obwohl es in ihrer Familie Bähnler gegeben hat. Sie hat zuerst eine Ausbildung als Zahntechnikerin absolviert, doch eine Informationsveranstaltung der SBB hat ihr Interesse an Lokomotiven geweckt. Sie war so fasziniert von der Technik, dass sie sich beworben hat.
gehört dazu.
"Die Landschaft genießen, in den Morgen hinein fahren und dabei so viele Passagiere sicher transportieren" – das macht für die junge Lokführerin den Reiz ihres verantwortungsvollen Berufs aus. Spaß an der Technik gehört ebenso dazu wie die Bereitschaft, sich auch mal die Finger schmutzig zu machen. Und sie ist immer noch fasziniert, wenn sie durch den Maschinenraum einer modernen Lokomotive geht – und stolz, wenn es ihr mit dem erworbenen Wissen gelingt, eine technische Störung zu beheben.
Für die Zukunft kann sich Marisa Grolimund auch einen Standortwechsel in die Innerschweiz vorstellen, wo sie dann zur Cisalpino-Gruppe gehören würde, zu jenen Lokführern, die durch und über die Alpen fahren. Ob sie den Beruf ein ganzes Leben lang ausüben will, weiß sie nicht. Die Idee, sich eines Tages für eine Führungs- oder Lehrposition bei der SBB weiterzubilden, hat schließlich auch ihre Reize.
Autor: Rolf Müller
