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30. Januar 2012

Eine kleine Sensation

Israelische Frauen bringen Palästinenserinnen bei, wie man mit gewalttätigen Männern fertig wird.

Krachend geht der Riesenkerl zu Boden. Anwar, die Schmächtige, hat ihn auf die Matte gelegt. Dabei schaute sie am Anfang drein, als ob sie am liebsten weglaufen würde. Hinter sich die Trainerin zur psychologischen Rückenstärkung. Vor sich ein Hüne von einem Mann. Von der Seite die Anfeuerungsrufe der anderen Frauen. Anwar hat ihren Mut zusammengefasst, die Ärmel ihres Mantels hochgeschoben und losgelegt. Ein Schlag ins Gesicht des Angreifers, dann mit dem Fuß in dessen Weichteile. Schüchtern war gestern. Als Anwar dann noch mehrmals nachtritt, gibt es in der Sporthalle von Wadi al-Dschos kein Halten mehr.

Eine nach der anderen legt einen Goliath auf die Matte. Von denen gibt es drei, alle tragen einen verstärkten Styroporhelm mit Sichtklappe auf dem Kopf und sind auch sonst an den empfindlichen Körperteilen mit dicken Schaumstoffschichten gepolstert. Die drei Männer sind Israelis und ausgebildete Kampfsportler. Sie haben hier den schwersten Job, aber davon später.

Anwar ist eine von zehn Palästinenserinnen, die sich von israelischen Frauen in der Kunst der Selbstverteidigung unterrichten lassen. "Verschwinde", schreit sie auf Arabisch in Richtung Angreifer, der sich in seiner Mondmenschmontur in gespielter Theatralik krümmt. So wie Lehrerin Nina Alon es ihnen eingetrichtert hat. "Verschwinde", rufen die Frauen, fast durch die Bank Kopftuchträgerinnen, im Chor. Der Kerl rappelt sich auf und gratuliert Anwar per Handschlag: "Kol ha-Kavot!" Was in Hebräisch so viel heißt wie: "Bravo, gut gemacht!" Rund 200 palästinensische Frauen haben bereits einen Kurs bei El Halev (Zum Herzen) gebucht. Einer israelischen Organisationen, die sich nicht nur weiblichen Gewaltopfern annimmt, sondern auch zeigt, wie frau mit aggressiven Männern fertig werden kann. "Gewalt gegen Frauen", sagt Judith Sidikman, Mitbegründerin von El-Halev, "ist in der ganzen Welt ein Problem. Wir Frauen müssen uns gegenseitig helfen, sonst wird es niemand tun." Für sie ist damit die Frage beantwortet, warum der israelisch-palästinensische Konflikt bei dieser Kooperation keine Rolle spielt.

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Der Konflikt spielt bei

dem Kurs keine Rolle.

Dennoch ist das für alle Beteiligten Neuland. Gewöhnlich meiden Israelis Wadi al-Dschos, einen vernachlässigten Stadtteil in Ost-Jerusalem, in dem der Müll aus offenen Straßencontainern quillt. Hierher kommt sonst nur, wer in einer billigen Garage sein Auto reparieren lassen will. Unter vielen Palästinensern wiederum sind gemeinsame Projekte mit den Israelis verpönt, die in diesen politisch gespannten Zeiten als "falsche Normalisierung" gelten. Dass sich Frauen beider Seiten zusammentun, ist insofern eine kleine Sensation. Entstanden aus dem persönlichen Bedürfnis, das stärker als der Hang ist zur nationalen Abschottung. Dafür spricht schon, dass sich beim israelischen Krisentelefon überdurchschnittlich oft verzweifelte arabische Frauen melden. Meist geht es um häusliche Gewalt, von Schlägen bis hin zu sogenannten Ehrenmorden. Zu 80 Prozent, heißt es bei El Halev, sind auch Vergewaltiger keine Fremden. Gerade in Ost-Jerusalem mit seinen dunklen Ecken und dem Gewimmel auf den Märkten, sagt Adi Wimer, "trauen sich viele Palästinenserinnen nicht allein aus dem Haus". Unterricht in Selbstverteidigung vergrößert da ihren privaten Radius an Freiheit.

"Politik hat hier nichts zu suchen", findet auch Sahar (37), die mit ihrer jüngeren Schwester Samir teilnimmt. "Wir wollen einfach lernen, was man in bedrohlichen Situationen tun kann." Da komme es doch nicht drauf an, ob eine jüdisch oder arabisch ist. Das Selbstbewusstsein der Beiden ist seit dem fünfwöchigen Kurs jedenfalls enorm gestiegen. "Ich fühle mich viel stärker als zuvor", sagt Samir. Das ist auch bitter nötig. Als geschiedene Frau mit zwei Kindern im Alter von sechs und neun Jahren ist sie in der traditionellen palästinensischen Gesellschaft besonders schutzlos. Bislang hat sie vor dem Ex-Ehemann in ständiger Angst gelebt. Die Familie darf nicht mal wissen, dass die zwei Schwestern sich in Selbstverteidigung haben ausbilden lassen. Aber nach dem erfahrenen Training, hofft Samir, "wird mein Körper ohne langes Nachdenken in jeder gefährlichen Situation richtig reagieren".

Das ist leichter gesagt als getan. "Zu kämpfen ist eine emotionale wie physische Herausforderung", hat Nina Alon ihnen erklärt,"auch für den eigenen Kopf." Das beginnt damit, die eigene Stimme einzusetzen, laut und deutlich. "Lacht nicht, wenn Ihr Nein sagt! Setzt klare Grenzen, vertraut Eurer Intuition!" Die Aktivistinnen bringen den Frauen die Techniken bei, um sich zu wehren und die Schwachstellen des Gegners zu nutzen. "Damit sie bei Gefahr handeln, statt vor Schock zu erstarren."

Alon kommt aus einer religiösen Familie und hat ihre Haare nach Art frommer jüdischer Frauen unterm Kopftuch versteckt, das im Nacken zusammengebunden wird. Gerade weil sie mit dem ultraorthodoxen Judentum vertraut ist, in der die weibliche Rolle eine untergeordnete ist, hat sie einen besonders guten Draht zu den arabischen Frauen. "Ich bin stolz, Euch zu kennen", bescheinigt sie ihnen am Ende des Kurses.

Auch Ike, der Jiu-Jitsu-Kämpfer, ist gläubiger Jude. Unter seinem Helm trägt er eine jüdische Kippa. Sich im Dienste der Sache als menschlicher Punchingball herzugeben, sei noch die leichteste Übung, meint er grinsend. "Dank Schutzanzug fühlt man keinen Schmerz, nur die Schlagenergie." Weit mehr Überwindung koste es ihn, wie von den Trainerinnen verlangt, die Frauen mit üblen Beleidigungen zur Gegenwehr zu provozieren. Schimpfwörter wie "Hure" und "Schlampe", die Männer wie Ike sonst nie in den Mund nehmen. Für das geringe Entgelt, das "El Halev" ihnen zahlt, tun sie es auch nicht. "Bei diesem Kurs geht es um Menschenrechte", sagt Ike. "Deshalb machen wir mit."


Autor: Inge Günther