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19. Dezember 2011
"Es reißt uns aus dem Alltag"
BZ-INTERVIEW mit dem Psychotherapeuten Volkmar Huppertz über das familiäre Konfliktpotential an Weihnachten.
Weihnachten gilt als Fest der Liebe. So richtig liebevoll ist das aber nicht immer, was sich neben dem Weihnachtsbaum abspielt. Da gibt es Gereiztheiten, Empfindlichkeiten sowie handfeste Streits. Und wer allein lebt, der möchte an Heiligabend sowieso in die Karibik. Martina Philipp sprach mit dem Freiburger Psychotherapeuten Volkmar Huppertz (60) über das weihnachtliche Konfliktpotential und darüber, was man tun kann, wenn die Verwandtschaft an Heiligabend nur meckert oder man ein übergroßes Nachthemdmonster geschenkt bekommt.
BZ: Herr Huppertz, ist Ihr Terminkalender rund um Weihnachten voller als sonst?Huppertz: Es gibt im Dezember ein paar mehr Neuanmeldungen, aber das geht auch schon im November los, wenn die Tage dunkler werden und die Wolken aufziehen.
BZ: Weihnachten liegt manchen Menschen ziemlich im Magen. Warum?
Huppertz: Das hängt zum einen mit der Vorweihnachtszeit zusammen, in der sich die Leute von den ganzen Weihnachtsvorbereitungen gestresst fühlen. Zum anderen haben viele Menschen negative Erinnerungen an Weihnachten. Etwa, weil sich ihre Eltern damals immer gestritten haben oder Alkohol ein Problem war.
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BZ: Trotzdem haben wir jedes Jahr aufs Neue hohe Erwartungen, selbst die Menschen, die nicht religiös sind.
Huppertz: Unglaublich hohe sogar. Wir wünschen uns an diesen Tagen Harmonie, Liebe und Geborgenheit. Dabei reißt uns Weihnachten oft aus dem Alltag heraus. Wir fahren woanders hin, sind dort nur zu Besuch, fühlen uns nicht zuhause, müssen früher zu Bett als daheim. Allein das kann schon Konflikte fördern.
BZ: War früher alles einfacher, als es noch nicht so viele Trennungen, Patchworkfamilien und Alleinstehende gab?
Huppertz: Klar, durch die verschiedenen Lebensmodelle heutzutage treffen mehr Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen an Weihnachten aufeinander. Es ist aber natürlich auch eine Chance, weil Weihnachten dadurch bunter werden kann.
BZ: Wenn es in der aufgeladenen Atmosphäre an Weihnachten in einer Familie zu Streitigkeiten kommt: Liegt das daran, dass Dinge an die Oberfläche geraten, die zuvor unterschwellig eh schon vor sich hin brodelten?
Huppertz: Es ist tatsächlich oft so, dass – obwohl wir heutzutage so viele technische Mittel der Kommunikation haben – der persönliche Austausch mit dem Partner, mit der Familie oft zu kurz kommt und in der Tat Probleme lange Zeit nicht angesprochen werden – bis sie dann unkontrolliert an die Oberfläche kommen. Wenn das so ist, rate ich dringend davon ab, wichtige Entscheidungen zu treffen. BZ: Gehen wir zwei, drei Szenen durch, die an Heiligabend für gereizte Stimmung sorgen könnten. Was mache ich beispielsweise, wenn ich von meinem Partner ein Nachthemdmonster Größe XXL geschenkt bekomme und es ganz schrecklich finde.
Huppertz: Wichtig ist, dafür nicht am selben Abend eine Lösung finden zu wollen. Sie können Ihre Enttäuschung sicher nicht ganz verbergen, da Sie ja auch nonverbal kommunizieren. Lernen Sie es auszuhalten – das schaffen Sie – und meckern freundlich und sachlich frühestens am Tag danach.
BZ: Ist Humor erlaubt? Nach dem Motto: Ich wollte ein Nachthemd und kein Vier-Mann-Zelt?
Huppertz: Klar, wenn Ihnen danach zumute ist, ist Humor sicher eine wunderbare Methode. Beim sogenannten Sender-/Empfänger-Modell, das ich in meinen Therapiesitzungen oft anspreche, geht es allerdings weniger darum, was ich aussende, als vielmehr darum, dass meine Nachricht konstruktiv beim Empfänger ankommt. Ihr Partner sollte also in dem Fall Humor verstehen können, sonst ist er ja womöglich ebenfalls beleidigt.
BZ: Zweite Szene: Die Schwiegermutter meckert den ganzen Abend am Christbaum, am Kartoffelsalat und an den Kindern herum. Was tun?
Huppertz: Schwierig. Wenn ich als Erwachsener die Einladung ausgesprochen habe, weiß ich ja in der Regel, was auf mich zukommt. Vorab gibt es die Möglichkeit, die Schwiegermutter eventuell zu bitten, sich bei den und den Themen bitte zurückzuhalten. Währenddessen bleibt dann aber vermutlich nichts anderes übrig, als es auszuhalten.
BZ: Was macht man, wenn der Braten misslungen ist, der Kopf schmerzt, das Enkelkind Cola auf den Perserteppich schüttet und mir alles zu viel wird?
Huppertz: Sich kurz entschuldigen, für zehn Minuten aus dem Raum gehen und sich eine Auszeit gönnen. Grundsätzlich empfiehlt es sich, eine über eine längere Zeit angespannte Stimmung aufzulockern, indem man ein Spiel spielt, singt oder gemeinsam spazieren geht.
BZ: Kann man sich auch selbst überlisten und sich sagen: Eigentlich ist es ja nur ein Abendessen mit Verwandten, bei dem man sich halt auch noch beschenkt?
Huppertz: Na ja, versuchen Sie mal, sich am 5. März an einer Bushaltestelle einzureden, dass Heiligabend ist. Andersherum funktioniert das auch nicht. Dazu ist der Mythos Weihnachten zu stark.
BZ: Und selbst wenn man plötzlich Weltmeister in Gelassenheit wird, macht die Verwandtschaft bei dieser WM ja nicht automatisch mit ...
Huppertz: Es kann helfen, sich zu überlegen: Wer ist an diesem Abend da, der mich eventuell verärgern oder treffen könnte? Wenn das die 80-jährige Oma ist, die mich als Enkelin ständig fragt, wann ich endlich heirate und Kinder kriege, dann kann ich mir durchaus sagen: Sie darf das, auch wenn es mir nicht passt. Eigentlich ist sie ganz in Ordnung.
BZ: Menschen, die allein leben, fühlen sich an Weihnachten oft einsam, und würden sich wahrscheinlich sehr gern über jemanden ärgern.
Huppertz: Ja, in der Tat, auch wenn sich jemand, der allein ist, nicht automatisch einsam fühlen muss. Es kann schon helfen, das Alleinsein zu akzeptieren, auch wenn man es nicht gut findet. Allerdings sind die Geschäfte und Kinos am Heiligabend zu, da sind die Alternativen schon eingeschränkt. Es gibt aber Leute, die einfach darauf warten, dass um 22 Uhr die Kneipen wieder öffnen, und sich dann gemütlich auf ein Glas Rotwein treffen.
BZ: Unabhängig davon, ob man eine Familie hat oder nicht: Kann Weihnachten eine Chance bieten? Dass man mal genauer dahin schaut, wo’s im Leben harzt?
Huppertz: Natürlich. Weihnachten ist ein hoffnungsvolles Fest. Das Christkind ist geboren, der Blick richtet sich nach vorn. Die Chance besteht darin, einfach im Moment zu sein und zu schauen, was ist und was werden soll.
Autor: phi
