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07. August 2017

Gäste kriegen unser Bestes

Ein guter Weg, um Einsamkeit zu verhindern: Warum Gastfreundschaft viel über uns verrät /.

  1. Foto: Karlheinz Schiedel

"Kriegen wir Besuch?", erkundigt sich der kleine Julius, ohne dabei von seinem Legoschiff aufzuschauen, das er gerade mit großem Eifer auftakelt. Verblüfft lässt seine Mutter den Lappen sinken, mit dem sie gerade leise fluchend die Fliesen in der Küche bearbeitet hat. "Wie kommst du denn jetzt darauf?", fragt sie. Dass am Freitagabend Oma und Opa kommen würden, hatte sie ihrem Sohn doch noch gar nicht erzählt! "Weil du so doll putzt!", gibt Julius achselzuckend zurück.

Recht hat er: Zwar kommen nur die Großeltern, aber da muss die Wohnung blitzen, die Fenster müssen geputzt sein, das Essen besonders aufwändig, der Tisch perfekt gedeckt, das Freizeitprogramm geplant. "Kuchen kaufen geht gar nicht. Der muss auf jeden Fall selbstgebacken sein. Die Frage ist nur: wann?" Die Berliner Architektin Ragna S. arbeitet Vollzeit. Ihr Sohn ist vier. Sie mag es durchaus, Gäste zu empfangen. Doch zu Höhepunkten der familiären Geselligkeit wie Geburtstag, Weihnachten oder Ostern fühlt sie sich zu Hochform gedrängt. Kompromisse, wie wenigstens den Kuchen beim Bäcker nebenan zu holen, kommen für Ragna S. nicht in Frage. "Das ist Ehrensache," lächelt sie matt, "und es geht doch auch um den guten Eindruck, den man hinterlassen will."

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Ideale Gastgeber sind

immer Menschenfreunde

Wer möchte nicht gern ein guter Gastgeber sein oder andersherum für einen gern gesehenen Gast gehalten werden? Gastlichkeit ist auf privater Ebene etwas, das zum gelungenen Leben gehört. Doch was bringt uns dazu, das, was wir haben, auch außerhalb der Familie mit Fremden, Bekannten und Freunden gerne zu teilen und was wir nicht haben, schleunigst zu beschaffen – und dabei Kosten und Mühen nicht zu scheuen? Das Recht des Gastes bewirtet, versorgt, geschützt und unterhalten zu werden, ist die Pflicht des Gastgebers seit Urzeiten. Vielleicht hat es in den Menschenhorden am Feuer begonnen, als einer dem hinzugekommenen Fremden das saftige Stück Fleisch gereicht hat. Damit wäre eine ursprüngliche Kulturleistung erbracht worden: Dem Fremden, der sich nähert, nicht den Schädel einzuschlagen, sondern ihn einzuladen und zu bewirten.

Und heute: Mögen wir Gäste? Wenn sie kommen, oder wenn sie gehen? Und wie gestalten wir die Zeit dazwischen? Braucht man Geld, um Gäste zu haben? Ist man zum Gastgeber geboren? Oder wird man dazu gemacht – auch von den anderen, den Gästen? Wie die Rollen idealerweise besetzt sind, beschrieb die Münchener Journalistin Ursula von Kardorff so: "Ideale Gastgeber sind manchmal Verschwender, öfter Lebenskünstler und immer Menschenfreunde. Sie sind die sonnenwarmen Inseln im kaltstürmischen Ozean des Daseinskampfes. Wenn man sie zufällig besucht, finden sich meist ebenso zufällig andere Gäste ein. Stets ist der Korkenzieher in Bewegung, Fröhlichkeit belebt die Räume. Der gute Gastgeber hat etwas Königliches, gleichgültig, ob sein Palast das Zelt eines Beduinen, die Hütte eines Landarbeiters, das Schloss eines spanischen Granden oder das Untermietzimmer einer Berliner Sekretärin ist."

Und der ideale Gast? "Öffnet die Haustür, schenkt leere Gläser voll, saust nachts in die nächste Kneipe, um Zigaretten zu holen, besänftigt Aufbrausende, holt Beleidigte von der Palme, bringt Alkohol und Tanzmusik mit, leert schließlich selbstlos, wenn alle fort sind, die überfüllten Aschenbecher, räumt die halbvollen Gläser ab und verabschiedet sich, je nach Vertrautheit, liebevoll, gemessen oder überhaupt nicht von der Gastgeberin. Er versprüht eine solche Lust, gerade hier und heute eingeladen zu sein, dass er auch mattere Gestalten mitreißt. Ein einziger idealer Gast kann alle anderen dazu machen. Er lebe hoch. Leider ist er selten."

Den Gast umgibt etwas Magisches, Mythisches. Eine Quelle der Gastfreundschaft speist sich aus purer Angst vor dem Fremden: Wie, wenn der Unbekannte gar ein Gott wäre? Wie sich Götter prüfend in Gestalt von Fremden unter die Irdischen mischen, ist ein uraltes Motiv in antiken, jüdischen, muslimischen und germanischen Legenden. Die Geschichten von göttlichen Gästen beschreiben eine Regel: Sie warnen davor, den Fremden und die mit ihm möglicherweise verbündeten Kräfte zu verkennen und mahnen, ihn gut zu behandeln. Der Gastgeber erfuhr im Gegenzug durch den Fremden himmlischen Segen.

Weil man nie sicher sein konnte, wer sich unter der Verkleidung des Fremden wirklich verbarg, war Vorsicht geboten. Bei Homer, Herodot, Platon und Hesiod steht der Fremde unter dem Schutz der Götter. Ovid berichtet, dass Zeus und Hermes in Gestalt müder Wanderer auf Erden unterwegs sind und überall vor verschlossenen Türen stehen.

In vielen Redewendungen kommt die Ambivalenz dem Gast gegenüber noch heute zum Ausdruck. "Esst und trinket liebe Gäste, wer nicht isst, ist der Beste", heißt es im Nordwesten Deutschlands. "Esst und trinkt, aber schneidet nicht so große Stücke" oder "Esst und trinkt und seht euch satt", wird der Gast im Berlin der 20er-Jahre aufgefordert. Ergeben reimt der Volksmund schon vor hundert Jahren: "Und ist der Gast auch noch so schlecht, er kommt zuerst, das ist sein Recht." In der Eifel sagt man: "Hast du einen Gast, so gib ihm, was du hast. Ist er ein Mann von Ehr, so verlangt er nicht mehr." Kurze Besuche, so die einhellige Meinung in nahezu allen europäischen Redensarten, verlängern die Freundschaft. Denn: "Gäste und Fische", so ist von Italien bis Dänemark verbürgt, "stinken nach drei Tagen."

Wochen- und monatelange Gastfreundschaft, wie sie bei Griechen und Römern, gelegentlich auch bei Germanen vorkam, konnte nur ein sehr reicher Gastgeber bieten. Das Gastrecht war fast überall auf zwei bis drei Nächte und die Tage dazwischen begrenzt. Der in vielen Varianten belegte Rechtssatz: "Zwei Tage Gast, vom dritten Tag an Hausgenosse" schützt den Gastgeber, der nach germanischem Recht für das Tun und Lassen eines Gastes, den er länger als zwei Tage beherbergte, rechtlich zur Verantwortung gezogen werden konnte.

Gastfreundschaft haben Menschen schon immer eingesetzt, um Einfluss zu erlangen, Geschäfte einzufädeln, Verbündete zu gewinnen und Feinde zu versöhnen. Es gibt aber noch ein ganz einfaches, zutiefst menschliches Motiv, einzuladen und eingeladen zu werden: Gastfreundschaft ist der beste Weg, Einsamkeit zu verhindern oder zu überwinden. Wer Freunde finden und behalten will, muss sie einladen.

Doch einen einheitlichen Umgang mit Gästen gibt es auf unserem Kontinent nicht, weder historisch noch kulturell. Menschen halten es sehr unterschiedlich, was sie mit Gastlichkeit verbinden. Für Burkhard Liebsch, Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum ist der Begriff der Gastlichkeit in Europa stark ökonomisiert, beispielsweise in Hotellerie und Tourismusbranche, die mit Gastlichkeit wirbt, in Wirklichkeit aber ein Geschäft meint – also eigentlich zutiefst ungastlich ist. Die private Gastlichkeit in unserer modernen Gesellschaft sei eine Art Lebenskunst für Besserlebende, ohne weitere Verpflichtung, eine freiwillige Handlung für begrenzte Zeit. "Fühl dich wie zuhause" – dieser Satz ist ebenso schnell gesagt wie zurückgenommen, wenn sich der Gast dann wirklich wie zuhause verhält, und das dem Gastgeber missfällt.

Dass man sich in Deutschland überhaupt wieder mit Gastlichkeit befasst und um ein gemeinsames Vorgehen beispielsweise in der Asylfrage ringt, deutet Burkhard Liebsch so: "Das, was mit dem Nationalsozialismus verbunden ist und der Herrschaft, die er über uns gehabt hat, über Europa, da kann man von einer Erfahrung der Ungastlichkeit sprechen in einem sehr radikalen Sinne, und das ist eine Provokation für das Nachdenken über Gastlichkeit heute. Vor allem im Hinblick auf die Frage, ob sie einen Widerstand markiert gegen das, was man gegen andere tun kann, was man mit ihnen tun kann."

Aber sind die Flüchtlinge, die in Europa um Asyl bitten, überhaupt Gäste? Wurden sie eingeladen? "Ja, natürlich", sagt Daniel Schmicking, Philosoph an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. "Auf rechtlicher Ebene gibt es so etwas wie eine Einladung, denn wir sagen natürlich, dass Menschen, die wirklich bestimmte Bedingungen erfüllen, aufgenommen werden sollen, also Asyl erhalten. Insofern gibt es immer so etwas wie eine Einladung, auch dann, wenn man diese Einladung gar nicht ausgesprochen hat." Es reiche nicht, dass wir nur Gesetze sowie Aufnahme- und Abschiebeverfahren hätten. Hier müsse eine Bevölkerung auch eine menschliche Qualität mit hineingeben. "Dahinter steht ja auch die Idee, dass eine Kultur ohne Gastlichkeit monolithisch wird und ihre Dynamik verliert."

Oft genug verharren

wir in Distanz

Ist uns demnach die Lust am Gästehaben teilweise abhandengekommen? Was ist dran an der Klage über mangelnde oder mindestens komplizierte Gastfreundschaft in heutigen Tagen, auch im privaten Rahmen? Oft genug verharren wir in Distanz, besuchen einander nur nach Anmeldung und laden nur nach reiflicher Überlegung, umfangreicher Vorbereitung und mit zahnärztlicher Präzision geplanten Terminen alle Jubeljahre ein paar enge Freunde zum Abendessen ein. Wir reagieren verstimmt auf unerwarteten Besuch und räumen klammheimlich die Wolldecke vom Sofa und schalten den Fernseher aus, wenn es abends plötzlich klingelt – was ohnehin immer seltener überraschend passiert.

Gäste können stören. Sie setzen den Alltag außer Kraft. "Einerseits hat man es gerne, wenn überhaupt noch Gäste kommen, andererseits ist man froh, wenn sie das Haus verlassen haben. Denn Gäste machen Unordnung, nehmen die Dinge nicht ernst, mit denen man lebt, stellen Forderungen, reden zu viel, geben falsche Ratschläge und benehmen sich insgesamt so, dass man lieber auf sie verzichtet," so der Schriftsteller Reinhard Lettau in seinem Lamento über den Gast, der das Haus betritt, "bereit, lange zu bleiben."

Gäste, so heißt es auch in einem afghanischen Sprichwort, machen doppelt Freude: wenn sie kommen und wenn sie wieder gehen. Hoffentlich überwiegt die Freude an Gästen den Aufwand, den sie erfordern. Denn: Mit dem Gast pflegt man auch die Freundschaft. Wenn man aufhört, sich gegenseitig einzuladen, werden aus Freunden unversehens wieder Bekannte, aus entfernt Bekannten eines Tages wieder Fremde. Gäste haben was Gutes: Sie wollen unser Bestes, und das kriegen sie auch.

Autor: Gerlinde Unverzagt