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02. Juli 2012

Mama-Partei gegen Papa-Partei

Familienbündnisse: Wer mit wem zusammenhält und wann es problematisch wird.

  1. „Ätsch Mami, Papi, hat’s erlaubt“: Der Vater-Tochter-Pakt ist ein klassisches Familienbündnis. Foto: dpa

Vater und Tochter gemeinsam gegen Mama. Oder: Sohn und Mutter paktieren gegen Papa. Und die beiden Kinder untereinander halten sowieso zusammen. Solche und andere Koalitionen gibt es in fast jeder Familie, die meisten ganz offen, einige verschwiegen und geheim. Manche dieser Bündnisse sind gut, andere hingegen brenzlig.

"Was für eine Schmiererei!" Inga hat mal wieder Ärger mit ihrer Mutter. Die Elfjährige hat zwar ihre Matheübung bearbeitet, aber nicht ordentlich genug. Meint jedenfalls ihre Mutter – und hält eine Moralpredigt. Inga ist genervt, will gerade zurückzicken, als ein Lichtblick naht: Papa kommt nach Hause, hört kurz zu und versucht sofort, seine Frau zu beschwichtigen: "Sei doch nicht so streng. Hauptsache, die Aufgaben sind richtig."

Mama-Partei und Papa-Partei heißen solche Mini-Bündnisse in der Familie. Jedes Familienmitglied kennt sie und ist immer mal wieder Teil eines solchen Paktes. Mal gewinnt die "Mama-Partei", mal die von Papa. Keiner ist dauerhaft ausgeschlossen oder ständig Leidtragender. Unter solchen Voraussetzungen, sagt die Hamburger Diplom-Psychologin Kora Krüger, sind Familienbündnisse völlig normal. Anders liegt der Fall, wenn sich in immer derselben Konstellation Fronten unversöhnlich gegenüber stehen. Dann ist der Familienfrieden insgesamt in Gefahr. Für wichtig hält die Expertin daher, dass sich Eltern grundsätzlich einig sind in der Erziehung und die Kinder spüren lassen, dass sie alle gleich lieb haben.

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Gemeinbünde weisen auf

ungelöste Konflikte hin

Familien-Fraktionen sind wichtig für die Entwicklung der Kinder: Sie müssen lernen, Bündnisse einzugehen, sei es, um sich Gehör zu verschaffen, etwas durchzusetzen oder nur um einander zu helfen. Letzteres tun die meisten Kinder ganz von selbst. Ein Praxisbeispiel: Auf dem Familiencomputer ist plötzlich der Bildschirm schwarz. "Wer war’s?" fragt der Vater. "Ich nicht", lautet die Antwort der Kinder, die auch dabei bleiben, als die Indizien erdrückender werden: Der Bruder hat beschlossen, seine Schwester in Schutz zu nehmen.

In solchen Momenten neigen Eltern dazu, Geständnisse durch Einzelverhöre zu erzwingen. Dem Versuch sollte man unbedingt widerstehen, rät Diplom-Psychologin Krüger: "Die Solidarität der Kinder sollte von Eltern nicht gebrochen werden, sie ist wichtig für eine Geschwisterkoalition, die das Fundament für ein Vertrauensverhältnis bildet, das lebenslang hält und sich in großen Krisen bewährt."

Geschwister üben Koalitionen aber nicht nur aus, wenn sie etwas ausgefressen haben, sondern auch, wenn sie versuchen, die Erziehungsfront ihrer Eltern zu knacken. Aus ihrer Sicht sind sich Vater und Mutter zum Beispiel viel zu oft einig darüber, wann der Nachwuchs nach Hause kommen soll oder wann das Zimmer aufgeräumt werden muss. Dass es jedoch in solchen Fällen keine Siegchance für die Kinder-Partei gegen die Eltern-Partei und keine Gelegenheit gibt, den Spaltersatz "Papa hat’s aber erlaubt" anzubringen, ist völlig okay, wenn Eltern klar darlegen, dass sie zusammenhalten, weil sie nach einheitlichen Regeln erziehen wollen und nicht, um die Kinder zu ärgern.

Gefährlich wird’s mit dem Paktieren, wenn Geheimbünde geschmiedet werden, etwa nach diesem Muster: Der Sohn soll im Auftrag der Mutter in der Schule "mal die Augen aufmachen", was seine ältere Schwester dort so treibt. Für den Jungen ist dies unter Umständen ein willkommener Anlass: Enttäuscht darüber, dass seine Schwester ihn ignoriert, wenn sie sich auf dem Schulhof begegnen, schaut er jetzt gerne genauer hin und meldet zu Hause, dass die Schwester raucht, Unterricht schwänzt und oder nicht auf direktem Wege nach Hause radelt. Dabei genießt er – als stille Rache an der Schwester – den Streit zwischen Mutter und Tochter und sonnt sich in der Rolle als Mamas Verbündeter und guter Sohn.

"Verdeckte Bündnisse weisen auf unausgesprochene Konflikte in der Familie hin", sagt Psychologin Krüger. "Nicht selten entstehen sie aus Ärger, Enttäuschung oder überzogenen Erwartungen eines Familienmitglieds." Umgekehrt drohe ein tiefes Zerwürfnis oder zumindest ein enormer Vertrauensverlust, wenn ein Familienmitglied oder mehrere Opfer von Bündnissen sind und diese oft gar nicht durchschauen. Kommen solche geheimen Pakte dann heraus, wird dem Opfer klar, dass es von den eigenen Eltern oder Geschwistern hintergangen wurde. Offene Koalitionen sind demgegenüber für jedermann sichtbare Zweckbündnisse zur Durchsetzung von klar definierten Interessen.

Kinder durchschauen meist nicht die Folgen derart perfiden Spiels. Sie glauben, dass sie ihrer Mutter helfen, wenn sie versprechen, Papa kein Sterbenswörtchen über Mamas heimlich gekaufte und im Kinderzimmer versteckte neue Kleider zu sagen. Das bringt Kinder in schwierige Loyalitätskonflikte. Kommt der Geheimkauf dann raus und hat einen lautstarken Ehekrach zur Folge, stehen die Kinder da wie vom Donner gerührt, fühlen sich mitschuldig. Derart eingespannt werden Kinder besonders häufig, wenn die Eltern geschieden sind.

Wie aber erkennt man nun, ob die Bündnisse in der eigenen Familie harmlos oder problematisch sind? "Man muss die Beziehungen in der Familie offen und ehrlich aufschlüsseln", erläutert Psychologin Krüger. Meist ist das gar nicht so einfach, denn jeder ist unter Umständen Teil eines Bündnisses und durchschaut seine eigene Rolle darin gar nicht. Häufig klappt es aber, wenn sich alle zusammensetzen und in Ruhe über Koalitionen und ihre Hintergründe reden. Krüger empfiehlt dringend, dies nicht bei einem gerade ausgebrochenen Streit zu tun, sondern in einer harmonischen Situation, nachdem sich die Wogen wieder geglättet haben. Bei der Analyse sollte man zudem Oma und Opa nicht vergessen. Besonders, wenn sie in der Nähe oder mit unterm gemeinsamen Dach wohnen, sind sie oft Teil von Familienbündnissen.

Im zweiten Schritt muss geklärt werden, ob jemand sich durch Bündnisse ernsthaft ausgenutzt, ausgeschlossen oder geschädigt fühlt. Wenn es in einer fairen, offenen Aussprache gelingt, Konflikte oder Emotionen anzusprechen, ist ein großer Schritt gemacht, um verdeckte Bündnisse aus der Welt zu schaffen. Anderseits: Je starrer die Struktur, je unauflöslicher die Bündnisse, desto eher wird die Familie Hilfe von außen brauchen, um Konflikte zu erkennen und zu lösen.

Autor: Stephan Brünjes


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