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30. Januar 2012
Mit roter Nase gegen das Vergessen
Clowns sind nicht nur etwas für Kinder: Ulrich Fey gibt Demenzkranken in Frankfurt ein Stück Identität zurück.
Die alte Dame sitzt schon seit Minuten bewegungslos da, die Augen hinter den Brillengläsern halb geschlossen. Doch als der Mann mit der großen bunten Fliege und der knallroten Schaumstoffnase beginnt, ihr vorzulesen, ist sie plötzlich ganz da. Obwohl die Frau schwer dement ist, erkennt sie den Text sofort. "Max und Moritz", sagt sie.
Der Mann mit der roten Nase heißt Ulrich Fey, und er ist kein gewöhnlicher Clown. Fey hat sich auf die Arbeit mit Demenzkranken spezialisiert. Einmal die Woche kommt er in das Altenpflegeheim Justina von Cronstetten Stift im Frankfurter Westend, um mit Betroffenen zu plaudern, zu lachen und zu singen. Manchmal passiert auch gar nichts. Das könne man nie wissen, erzählt Fey, während er sich in sein Alter Ego, Clown Albert, verwandelt – mit karierter Hose, Sonnenblume im Knopfloch und zu großen Schuhen.
Der Clown kümmert sich der Reihe nach um jede einzelne der vier Damen am Tisch des Aufenthaltsraums. Um eine legt er den Arm. "Ach Schätzchen!" ruft die Weißhaarige fröhlich – im Gegensatz zu vorher ist sie klar zu verstehen. "Menschen mit Demenz geht ein Teil ihrer Identität verloren. Wenn sie dann merken, ich gucke sie an und fasse sie an, bekommen sie wieder das Gefühl, eine Person zu sein. Sie spüren ,ich bin noch da, mich gibt es noch‘", sagt Fey. Die extrem beängstigende Erfahrung, die Kontrolle über sein Gedächtnis zu verlieren, führe bei vielen zu einem starken Bedürfnis nach einer festen Struktur. Was Fey meint, wird klar, als eine der Alten das gemeinsame Singen immer wieder unterbricht, um ängstlich zu fragen, ob denn der Hut auch auf seinem Kopf bleibe. Aber es gibt auch lustige Momente. Als in dem Lied "Das Wandern ist des Müllers Lust" von tanzenden Steinen die Rede ist, bemerkt die Frau trocken: "Die sind auch bescheuert."
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Es sind solche Augenblicke, weshalb Feys Arbeit mit alten Menschen ihn nach mehr neun Jahren immer noch erfüllt. Dabei war sie für den ehemaligen Lehrer und Sportredakteur zunächst nur ein Weg, um von seiner Arbeit als Clown leben zu können. Denn der 54-Jährige arbeitet nicht ehrenamtlich wie viele Clowndoktoren, sondern für Geld. Für drei Stunden als Clown nimmt der Friedberger laut seiner Webseite 250 Euro.
"Ich bin kein Altruist. Ich mache das, weil es mir Spaß macht." Viele seiner Clown-Kollegen schreckten nicht nur Runzeln, falsche Zähne und eventuelle schlechte Gerüche ab. "Langsam sein, Zeit haben und auszuhalten, dass manchmal nichts passiert – das ist das ganze Geheimnis." Dafür seien Clowns jedoch eigentlich nicht ausgebildet.
Für die 52-jährige Angelika Heise, im Heim zuständig für Dementen-Betreuung, sind die Besuche des Clowns eine Bereicherung. "Gerade das Singen von bekannten Liedern mit bekannten Texten", sagt sie. Die Erinnerung daran befinde sich in einem anderen Hirnareal als dem, das die Demenz angreife. "Das Langzeitgedächtnis ist bei vielen noch erhalten."
Autor: dpa
