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19. Dezember 2011

MOMENT MAL!: Unwirkliche Begegnung

Von Martina Philipp.

Egal, ob es nachts um zwölf, eins oder sogar noch später war: Alle Lichter in der Erdgeschosswohnung um die Ecke brannten immer hell, das Fenster zur Straße war weit geöffnet und der Rollladen nur so weit heruntergezogen, dass immer noch ein großer Spalt offen blieb. Von außen sah man sie im Bett liegen, keine fünf Meter vom Gehweg entfernt. Eine sehr alte Frau im geblümten Nachthemd, die starr zur Decke blickte und so wirkte, als ob sie das Bett alleine nicht mehr verlassen konnte. Dieses zu jeder Jahreszeit stets offene Fenster mitten in der Nacht, der nie ganz heruntergezogene Rollo, das erschien wie eine Einladung. Fast wie eine Bitte. Oft entstand im Vorbeigehen vor dem inneren Auge eine Szene: Es ist mitten in der Nacht, ein Mann in schwarzen Klamotten steht vor dem Fenster, legt schnell ein Bein über den niedrigen Fenstersims und gleitet vornüber gebeugt unter dem Rollladen hindurch in das Zimmer. Er ignoriert die alte Frau, blickt sich hektisch um, greift nach der ersten Schublade. "Schön, dass Sie mich besuchen kommen, junger Mann", sagt in der Szene die alte Frau und lächelt, "bitte schauen Sie sich in Ruhe um, vielleicht finden Sie etwas, das Ihnen gefällt". Schon seit Monaten steht das Fenster nachts nicht mehr offen, die Lichter brennen auch nicht mehr. Neue Gardinen hängen vor dem Fenster. Die alte Frau fehlt. Was bleibt, ist das Bedürfnis, bei anderen öfters vorbeischauen zu wollen.

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Autor: phi