Neue Wege in der Pflege

Franziska Dölling

Von Franziska Dölling

Mi, 10. Oktober 2018

Liebe & Familie

Senioren-WG als Modell für die stationäre Betreuung.

Seit Inkrafttreten des Wohn-, Teilhabe- und Pflegegesetz können pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen zwischen betreuten und vollständig selbstverantworteten Wohnformen oder stationären Einrichtungen wählen. Laut einem Bericht des Staatsministeriums Baden- Württemberg von 2017 haben seitdem sowohl die selbstverantworteten als auch die ambulant betreuten Wohngemeinschaften an Bedeutung gewonnen.

In stationären Einrichtungen sind Wohngemeinschaftskonzepte bisher die Ausnahme. Die Evangelische Stadtmission ist Träger des Pflegehauses Nouvelle am Münsterberg in Breisach und hat ein Hausgemeinschaftskonzept entwickelt, das ab Herbst 2018 umgesetzt werden soll.

Das Pflegehaus legt Wert auf die Gemeinschaft: In sechs Wohngruppen, auf jeder Etage zwei, leben jeweils zwölf bis dreizehn Bewohner. Die WG sind durch ein gemeinschaftlich genutztes Wohnzimmer miteinander verbunden. So kann ein Austausch auch zwischen den Wohngemeinschaften stattfinden. Jeder Bewohner hat ein 16 Quadratmeter großes Einzelzimmer mit Bad, für Ehepaare gibt es auch größere Zimmer. Bisher gebe es etwa 30 Anfragen für die 75 Plätze, sagt Yvonne Mutter, zukünftige Leiterin des Hauses. "Das Durchschnittsalter der zukünftigen Bewohner beträgt etwa 87 Jahre. Grundsätzlich gibt es aber keine Altersbegrenzung. Auch jüngere Menschen mit Unterstützungsbedarf können hier einziehen. Es stellt sich nur die Frage, ob sich diese unter den Senioren auch wohlfühlen", sagt Mutter.

Das erklärte Ziel des Hausgemeinschaftskonzepts: Die Normalität des Alltags so weit wie möglich erhalten. Das spiegelt sich zum einen in der Architektur des Heims: Der Eingangsbereich mit Cafeteria und Gartenterrasse erinnert an eine Hotellobby. Die Büro- und Lagerräume sind im hinteren Teil und ausschließlich im Erdgeschoss untergebracht. "Die Infrastruktur soll für die Bewohner so wenig wie möglich sichtbar sein, um den Wohnhauscharakter nicht zu stören", sagt Martin Bäumle, verantwortlicher Prozessmanager. So gebe es keine Großküche, sondern stattdessen in jeder Wohngruppe einen eigenen Wohn- und Essbereich. Das Mittagessen liefert ein Caterer an. Die Mahlzeit kann dann auch zu einem späteren Zeitpunkt verzehrt werden. Alternativ kochen die Bewohner mit den Betreuern selbst. Für Frühstück und Abendessen wird selbst eingekauft. Auch ein Beschäftigungsprogramm nach Stundenplan gibt es für die Senioren und Seniorinnen nicht. Aktivitäten und Freizeitgestaltung erfolgen in Absprache mit allen Bewohnern.

Die dezentrale Arbeitsweise bringt Änderungen bei der Personalplanung mit sich: Alle Mitarbeitenden sollen alle anfallenden Aufgaben übernehmen. Eine Ausnahme sind Vorbehaltsaufgaben, die ausschließlich Pflegefachkräfte ausführen dürfen. Sogenannte Präsenzkräfte begleiten die Senioren als feste Bezugspersonen im Alltag. So entstehe ein enger, persönlicher Kontakt zwischen Bewohnern und Personal, was die Kommunikationswege verkürze und das Arbeiten erleichtere, ist Bäumle überzeugt. Die Präsenzkräfte können aus den Bereichen Hauswirtschaft oder Heil- und Erziehungspflege kommen, auch Ehrenamtliche sollen mit eingebunden werden.