" Ohne emotionale Öffnung geht es nicht"

Christiane Ignaczak

Von Christiane Ignaczak

Mo, 03. September 2018

Liebe & Familie

BZ-INTERVIEW mit dem Berliner Paartherapeut und Psychologen Matthias Angelstorf über Strategien bei Beziehungsproblemen.

Geht es darum, eine kriselnde Beziehung zu retten, dann ist die letzte Instanz oft die Paartherapie. Matthias Angelstorf ist Paartherapeut in Berlin. Er hilft Paaren dabei, hinter oberflächlichen Streitereien die wahren Probleme zu erkennen. Christiane Ignaczak hat mit ihm über richtige Kommunikationsweisen und den Einfluss neuer Medien gesprochen.

BZ: Herr Angelstorf, welche Probleme haben Paare, die zu Ihnen kommen?
Angelstorf: Oft sind das Kommunikationsprobleme aufgrund von negativen Zyklen in der Beziehung.
BZ: Was heißt das?
Angelstorf: Wir lernen in unserer Gesellschaft über lineare Kausalität. So zu denken lernen wir in der Schule. Wenn wir ein Problem haben, dann suchen wir zunächst die Ursache. Und das ist das Schwierige in Paarbeziehungen. Wenn der eine sich verletzt fühlt, fragt er nach der Ursache und die Ursache ist der Partner. Das führt nur zu gegenseitigen Schuldvorwürfen. Die Wahrheit ist nicht linear, sondern zirkulär. Fühlt sich ein Partner verletzt, dann reagiert dieser häufig reflexartig und aus Selbstschutz auch verletzend. Das kann man sich nach dem Prinzip vorstellen: Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus. Wird dann in der Beziehung nicht klärend über die Verletzung gesprochen, kann sich dieses Muster über Jahre festigen.
BZ: Wie entkommen Paare diesen negativen Zyklen?
Angelstorf: Der Grundstein einer funktionierenden Beziehung ist die gegenseitige emotionale Öffnung beider Partner. Ohne emotionale Öffnung kann keine emotionale Bindung geschlossen und keine erfüllte Beziehung geführt werden. Um den negativen Zyklen zu entkommen, müssen sich die Partner gegenseitig verletzlich zeigen. Ziel in den Paargesprächen ist es, dass beide über ihre Empfindungen sprechen. Verletzlichkeit wird in unserer Gesellschaft jedoch oft negativ assoziiert. Besonders für Männer, die sich an einem starken maskulinen Idealbild orientieren, stellt sie eine Schwäche dar.
BZ: Teil unser Kultur sind auch Datingplattformen oder Applikationen wie Tinder. Welchen Einfluss haben sie auf unsere Beziehungen?
Angelstorf: Datingplattformen erleichtern zunächst die Suche nach einem Partner. Das ist erst einmal gut. Auf Datingplattformen fehlt aber der direkte Kontakt. Die Nutzer verlieren sich oftmals in einer optimierten Selbstdarstellung und lernen sich nicht mehr richtig kennen. Das reichhaltige Angebot bei Tinder macht den Nutzern bewusst, dass auch sie selbst austauschbar sind. Der Eindruck von Austauschbarkeit verhindert tendenziell, dass man sich überhaupt auf eine Beziehung einlässt. Die Angst vor Verletzung verhindert emotionale Öffnung dem anderen gegenüber.
BZ: Sehen Sie in den Veränderungen unserer Zeit eine Tendenz für andere Beziehungsmodelle wie offene Partnerschaften und lockere emotionale Bindungen?
Angelstorf: In unserer Gesellschaft werden diese Partnermodelle möglich, weil sie moralisch nicht mehr ganz so verwerflich sind wie früher. Heutzutage stehen die Chancen verletzt zu werden höher als die Chancen wahrhaft geliebt zu werden. Ich denke aber, dass der Mensch auf der Suche nach Sicherheit und Geborgenheit sein kann. Dies ist aber auch immer von seiner individuellen Bildungsgeschichte abhängig.

Matthias Angelstorf ist Master-Diplom Psychologe, auf Paartherapie spezialisiert und arbeitet in Berlin.