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25. Oktober 2010

"Omas müssen nicht modern sein!"

Warum ihre Beziehung zu Großmüttern so innig ist – eine offene Aussprache mit den Enkelinnen.

Großmutter – das Wort klingt altmodisch. Nach grauen Haaren, karierten Schürzen, Strickzeug und einer guten Suppe auf dem Herd. Doch nie waren die "Alten" so jugendlich und vital wie heute. Und sie werden gebraucht. Astrid Prange unterhielt sich mit Annemarie Scheid, Jahrgang 1934, und drei ihrer Enkelinnen über das Zusammenleben. Sie leben im Rheinland

BZ: Erteilen Sie Ihren Enkeln manchmal Ratschläge?
Annemarie Scheid: Ja, das kommt vor, zum Beispiel "Ordnung ist das halbe Leben" oder "Sucht die Fehler nicht immer bei anderen, sondern auch bei euch selbst". Ich muss zugeben, je älter ich werde, desto mehr verfalle ich diesen Sprichwörtern, denn sie bringen eine Aussage auf den Punkt. Meine Mutter hatte immer sehr viele Sprichwörter, und ich habe sie gehasst!
Matomene, 11: Ich erinnere mich an "Morgenstund’ hat Gold im Mund" oder "Spare dein Geld". Aber ich kann dich beruhigen, Oma, so viele Sprichwörter bringst du gar nicht.
Saskia, 24: Ich kann mich noch an einen anderen Ratschlag erinnern. Als ich einen Freund hatte, hast du zu mir gesagt: "Du

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brauchst da doch nicht so hinterher sein. Mach’ doch mal deine Sache und mach’ dich nicht zum Affen." Außerdem hast du mir geraten, ich solle mir mal jemand aus unserem Kulturkreis suchen.  

BZ: Schalten Sie sich in die Beziehungsprobleme Ihrer Enkelinnen ein?
Annemarie Scheid: Vorher sage ich nichts, aber wenn mal etwas schiefgelaufen ist, dann kann ich mich schon engagieren, um irgendeinen verbal zu vernichten, der mir überhaupt nicht zusagt. Oder ich sage aus meiner Erfahrung heraus: Das wird nichts.
Saskia: Ich würde der Oma trotzdem meinen Freund vorstellen, das ist mir wichtig.

BZ:  Verbringen Sie viel Zeit miteinander?
Saskia: Wir sehen uns einmal pro Woche. Als ich noch hier gewohnt habe, war es jeden Tag. Aber das liegt daran, dass die Oma so viel auf mich aufgepasst hat, weil meine Mutter noch jung war. Ich bin nach der Schule immer zu ihr gegangen, habe gegessen und Hausaufgaben gemacht.
Annemarie Scheid: Ja, ich erinnere mich, als du geboren wurdest, ging deine
Mutter noch zur Schule. Wenn die Kinder kleiner sind, ist man als Oma sehr gefragt. Für die elfjährigen Zwillinge, die sich immer Nudeln zum Essen gewünscht haben, bin ich heute noch "Oma Nunu". Früher haben wir viel zusammen unternommen. Doch je älter die Kinder werden, desto weniger findet das statt.
Matomene: Wenn ich mal ’ne ganz schlechte Note hätte, würde ich erst zur Oma gehen, oder vielleicht würde ich auch niemandem etwas sagen.

BZ: Sie sind mit 48 Jahren zum ersten Mal Oma geworden. Fühlten Sie sich damals zu jung für die Aufgabe?
Annemarie Scheid: Ich war Mutter und Oma gleichzeitig. Es fiel mir schwer, zurückzustecken, wenn meine Tochter und mein Schwiegersohn ihre Erziehungsmethoden durchsetzen wollten. Im Laufe der Jahre habe ich Zurückhaltung gelernt. Dazu gehört auch, Fehler zu sehen und auf sich beruhen zu lassen.

BZ: Beneiden Sie Ihre Enkel manchmal, dass sie so viele Möglichkeiten haben, ihr Leben zu gestalten?
Annemarie Scheid: Ich beneide überhaupt keinen jüngeren Menschen. Ich hab’ nichts verpasst. Als Kind wollte ich Tänzerin oder Schauspielerin werden, ich hatte immer einen Drang zur Bühne. Nur: Da ich überhaupt nicht auswendig lernen kann, fiel das flach.
Paula, 13: Oma ist die Einzige in der Familie, die schauspielerische Ambitionen hat. Immer wenn es darum geht, eine Rede zu halten, bei Familienfeiern, wird sie gefragt, weil sie es am besten kann.
Annemarie Scheid: Aber es muss humorvoll sein. Ich erheitere gerne Leute mit etwas. Ich habe zum Beispiel viel im Altenheim zu tun. Mich freut es, wenn ich andere zum Lachen oder wenigstens zum Lächeln bringen kann.

BZ: Findet ihr eure Oma modern?
Saskia: Wenn ich meine Oma beschreibe, sage ich immer, die ist total fit, rennt immer in der Gegend herum, macht hier und tut da und hilft. Omas müssen nicht modern sein. Alte Ansichten können auch mal weiterhelfen.
Paula: Omas müssen sich nicht supermodern anziehen, um in zu sein, ich erwarte keine Oma, die bauchfrei herumläuft. Ich habe Freunde, die erzählen mir, dass sie so eine hippe Oma haben, mit der sie immer shoppen gehen und die total moderne Sachen trägt. Für mich ist es ausschlaggebend, dass die Oma einfach da ist!
Annemarie Scheid: Ich kann mich noch an meine Oma erinnern. Sie war nicht modern, aber dafür sehr resolut! Ich hatte großen Respekt vor ihr. Ich erinnere mich daran, wie sie einmal unseren Nachbarn, den Schneider, richtig zur Schnecke gemacht hat. Der hatte sich nämlich beschwert, weil wir mit Rollschuhen an seinem Fenster vorbeigefahren waren.

BZ: Sehnen Sie sich manchmal nach der "guten alten Zeit"?
Annemarie Scheid: Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war. Aber vieles liegt heute nicht mehr im Trend, es fehlt an Durchhaltevermögen und Selbstkritik. Nach einem Ehestreit zum Beispiel kommt man mit ein bisschen Abstand meistens dazu, dass man selbst auch nicht immer alles richtig gemacht hat. Dass man einmal ein Wort benutzt hat, das den
anderen furchtbar getroffen hat. Auch der Einfluss der Medien auf Kinder und Jugendliche ist heute wesentlich stärker als früher. Mich ärgern diese Gewaltspiele. Warum müssen die unbedingt hergestellt werden?

BZ: Sprecht ihr mit eurer Oma über die jüngste deutsche Geschichte?
Paula: Wir haben in der Schule den Zweiten Weltkrieg durchgenommen. Da habe ich meine Oma gefragt, weil sie ja dabei war. Sie ist dann in unsere Klasse gekommen und hat erzählt, wie sie den Krieg erlebt hat.
Annemarie Scheid: Ich kann mich daran erinnern, dass wir immer zum Bunker
rennen mussten. Da habe ich meinen ersten Toten gesehen. Als ich an der Tür stand, da lag ein Soldat auf der gegenüberliegenden Mauer, das war ein schockierender Anblick. Nachher sind wir nicht mehr aus dem Bunker herausgekommen. Mein Opa ist da gestorben. Als Kind begreift man das alles nicht richtig. Ich habe dann irgendwann das Reden eingestellt. Nach dem Krieg habe ich lange gebraucht, um überhaupt Worte zu finden.

Autor: xfpr


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