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20. März 2017 00:00 Uhr

Duft

Parfums können mehr als nur gut riechen

Sie können Erinnerungen transportieren und sogar Schmerzen lindern: Wissenschaftler weltweit sich einig, dass Parfums sehr mehr können, als nur die Nase erfreuen.

  1. Parfums waren lange ein absolutes Luxusgut. Foto: Jessica Weiller (Unsplash.com)

  2. Ganz schön dufte. Foto: dpa-tmn

  3. Rosenduft macht Schmerz erträglicher, Jasmin beruhigt. Foto: Nik Merkulov

Jean-Baptiste Grenouille hat den perfekten Geruchssinn. Selbst ohne eigenen Körpergeruch auf die Welt gekommen, ist er in der Lage, kleinste Duftnuancen in seiner Umwelt wahrzunehmen. Er erkennt, welchen Zauber Düfte auf Menschen ausüben und entwickelt eine Zwangsidee, die fortan sein Leben beherrscht: das perfekte Parfum. Keiner soll sich ihm entziehen können, alle Menschen seiner Macht verfallen. Unerlässliche Zutat: der Körperduft junger Frauen. Um an diesen Duft zu kommen, muss Grenouille die Frauen zuvor ermorden.

Was sich als Patrick Süskinds faszinierende literarische Vision erwies und weltweit ein Millionenpublikum in den Bann zog, entlockt Wissenschaftlern – rein fachlich betrachtet – nur ein müdes Lächeln. Manfred Milinski etwa, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön und Professor an der Universität Kiel, hat einen sehr rationalen Zugang zum Thema: "Ein Superparfum, das alle Menschen der Welt in den Bann schlägt, also auf alle gleichermaßen anziehend wirkt, ist reine Fiktion, das zeigen unsere Experimente", stellt der Forscher klar.

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Lieblingsduft und Partnerwahl hängen zusammen

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Ihr Lieblingsparfum so riecht, wie es riecht, und Sie nicht ein ganz anderes zu Ihrem Favoriten erkoren haben? Und haben Sie sich schon gefragt, warum Ihre beste Freundin oder Ihr bester Freund immer wieder zu olfaktorischen Missgriffen neigt, wo es doch so viele angenehme Düfte gibt? Warum stoßen uns manche Parfums ab, die andere Menschen lieben, selbst wenn wir ihren Geschmack ansonsten teilen?

Parfums werden seit über 5000 Jahren hergestellt, ursprünglich als Räucherwerk, um mit den Göttern zu kommunizieren, später dann auch für die Körperpflege. Lange ein absolutes Luxusgut, wurden sie seit dem 20. Jahrhundert für alle Gesellschaftsschichten erschwinglich. Doch seit den Anfängen hat sich an den etwa 100 häufigsten und immer wieder neu kombinierten Duftstoffen nur wenig verändert. Pflanzenteile, vor allem Blüten, Gewürze, aber auch auf den ersten Blick Unappetitliches wie Ambra, die ausgewürgten Beutereste von Pottwalen, oder Moschus, ein Drüsensekret des Moschushirschs, wurden verarbeitet, heute meist nur noch in synthetischer Form aus dem Chemielabor.

So immens die Auswahl an Düften, so wählerisch sind Menschen, wenn es darum geht, sich auf ihren Favoriten festzulegen. Viele halten einem Duft jahrzehntelang die Treue ungeachtet aller Neuentwicklungen. Und das hat offenbar nicht nur mit dem persönlichen Geschmack zu tun, sondern komplexere Gründe. Parfum soll nämlich nicht nur Körpergerüche übertünchen, sondern hat, wie Manfred Milinski herausfand, eine viel wichtigere Funktion: "Unser Lieblingsduft verstärkt unser individuelles Immunsignal an die Mitmenschen – und spielt damit eine wichtige Rolle bei der Partnerwahl."

Parfums haben psychologische Effekte

Über die Biologie hinaus zeigt Parfum auch überraschende psychologische Effekte. Die Duftmoleküle nämlich gelangen über die Atemluft von der Lunge ins Blut und werden von dort ins Gehirn transportiert, wo sie auch verschiedene Wirkungen auf die Psyche entfalten. Die Aromatherapie galt lange Zeit als esoterische Strömung, oft mehr belächelt als ernst genommen. Doch aktuelle Studien scheinen ihr teilweise Recht zu geben. Ein Beispiel: Der in der Parfumherstellung traditionell häufig verwendete süße Duft von Rosen und Mandeln hilft, Schmerzen besser zu ertragen, wie Serge Marchand und Pierre Arsenault an der Universität Quebec herausfanden.

Die Forscher baten 20 Männer und Frauen, eine Hand möglichst lange in heißes Wasser zu tauchen. Durften weibliche Testpersonen dabei den Rosen- und Mandelduft einatmen, hielten sie die Tortur deutlich länger aus als in einem duftfreien Raum. Wurden sie dagegen dem üblen Geruch von Essig ausgesetzt, hielten sie dem Schmerz kürzer stand. Die Männer dagegen reagierten völlig unabhängig von Gerüchen in allen Duftsituationen gleich. Sie zogen ihre Hand stets gleich schnell aus dem Wasser, egal wonach der Raum gerade roch. Damit könnte die Studie auch eine Antwort auf die Frage liefern, warum gerade Frauen seit jeher so großen Wert auf Parfums und Raumdüfte legen, offenbar nehmen sie sie intensiver wahr und werden in bestimmten Situationen auch stärker davon beeinflusst.

Einer anderen Wirkung des Rosendufts ging ein Team von Neurowissenschaftlern an der Universität Lübeck und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nach. Sie fanden heraus, dass Rosenduft während des Tiefschlafs Gedächtnisinhalte reaktiviert und damit die Gedächtnisbildung fördert. Dazu baten sie im Institut für Neuroendokrinologie der Universität Lübeck 18 Versuchspersonen, sich die Position von Bildpaaren einzuprägen, ähnlich wie in einem Memory-Spiel. Während des Spiels wurden die Probanden in Rosenduft gehüllt. Wurde diese Beduftung in der darauffolgenden Nacht während des Tiefschlafs wiederholt, erinnerten sie am nächsten Tag mehr Bildpaare (97 Prozent) als nach einer Nacht ohne den Duft (86 Prozent). Das heißt, der Geruch reaktiviert im Schlaf die Erinnerung und verstärkt sie auf diese Weise. Bei einer Übernachtung der Versuchspersonen im Kernspintomografen zeigte sich: Wurde der beim Spiel dargebotene Rosenduft im Tiefschlaf erneut verströmt, aktiviert dies den Hippocampus, also eine Hirnregion, die auch für die Speicherung der Bildpaare während des Spiels zuständig ist. Duft wirkt also unmittelbar auf Gedächtnisareale, die für Erinnerung zuständig sind.

Das Diktum von Karl Lagerfeld, ein Duft müsse die besten Momente des Lebens wieder wachrufen, könnte mit dieser Studie also durchaus Rückendeckung bekommen. Auch in der Literatur wird immer wieder das faszinierende Phänomen beschrieben, wie ein vertrauter Duft das biografische Gedächtnis aktivieren und ganze Episoden aus der Vergangenheit wachrufen kann. In Marcel Prousts Erzählung "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" etwa erinnert sich der Protagonist – angeregt durch den Duft von Madeleine-Gebäck – intensiv an seine Kindheit.

Nicht nur die Rose, auch die intensiv duftenden Blüten der Jasminpflanze sind eine uralte Parfumzutat und werden vielen Klassikern, etwa dem legendären Chanel N°5, beigemischt. Und auch diese Vorliebe könnte auf einem psychologischen Mechanismus beruhen, dem Forscher aktuell auf der Spur sind: Ein synthetischer Nachbau des nach Jasmin riechenden Dufts der Pflanze Gardenia Jasminoides wirkt ähnlich wie moderne Beruhigungsmittel. Bochumer Forscher um Hanns Hatt entdeckten in Zusammenarbeit mit Forschern der Universität Düsseldorf, dass dieser Duft den gleichen molekularen Wirkmechanismus hat wie Benzodiazepine und Barbiturate, die zu den am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka zählen. Ebenso wie Narkosemittel wirkt der Duft auf bestimmte Rezeptoren der Synapsen, er verstärkt den körpereigenen hemmenden Botenstoff GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Schon geringe Dosen reichen aus, um die Wirkung von GABA zu steigern. Der Effekt: Man wird ruhiger. Die Forscher testeten mehrere hundert Duftstoffe in ihrer Wirkung auf GABA-Rezeptoren bei lebenden Mäusen und an menschlichen Rezeptoren in der Zellkultur. Ergebnis: Der synthetische Gardenienduft wirkte am stärksten. Er konnte die GABA-Wirkung um mehr als das Fünffache steigern und zeigte damit ähnlich starke Effekte wie gebräuchliche Medikamente. Diese Ergebnisse sehen die Forscher durchaus als wissenschaftlichen Nachweis der Aromatherapie.

Beim Parfum gibt es kulturelle Unterschiede

Parfum fasziniert seit Jahrtausenden quer durch alle Kulturen. Dabei gibt es durchaus kulturelle Unterschiede. So finden beispielsweise Briten den Duft von Chrysanthemen romantisch, während er bei Franzosen eher die Assoziation mit Tod und Friedhöfen weckt. Es gibt allerdings durchaus auch kulturunabhängige Vorlieben, sprich Düfte, die Menschen mögen, ganz egal, in welcher Kultur sie leben. Eine Studie des britischen Parfumherstellers Quest International zeigte laut einem Bericht des New Scientist, dass Versuchspersonen aus verschiedenen europäischen Ländern und Japan vor allem süße, moschusartige Düfte mögen und sich dabei merklich entspannen, wie Messungen von Gehirnströmen zeigten. John Behan, einer der beteiligten Wissenschaftler, erklärt diesen kulturübergreifenden Wohlfühleffekt so: Süße und moschusartige Düfte erinnern an den Geruch der Muttermilch und vermitteln dadurch unbewusst ein stark entspanntes Gefühl. Welche Duftstoffe das genau sind, verraten die Forscher allerdings nicht, sondern nutzen die Erkenntnisse stattdessen für die eigene Produktentwicklung.

Die Olfaktorik, also die wissenschaftliche Riechforschung, ist nach wie vor eine Nischendisziplin. Nur rund 1000 Forscher weltweit sind den genetischen Voraussetzungen unseres Riechorgans sowie den körperlichen und psychologischen Wirkungen von Düften auf der Spur. Wie ein Geruch von den Riechzellen der Nase ins Gehirn gelangt und dort verarbeitet wird, gibt nach wie vor viele Rätsel auf. Doch hier und da gibt es überraschende Erkenntnisse, wie zum Beispiel im Labor des australischen Biomediziners Nickolas Lavidis von der University of Queensland. Gemeinsam mit der Pharmakologin Rosemarie Einstein entdeckte er, dass der Geruch von frisch geschnittenem Gras entspannt und sogar verhindern kann, dass Stress Schäden in den Hirnzellen verursacht. Lavidis stellte fest, dass beim Schneiden von Gras und grünen Blättern Chemikalien mit stressreduzierenden Eigenschaften freigesetzt werden. Einige davon arbeitete er in ein Spray ein, das Anwendern helfen soll, die negativen Wirkung von Stress auf das Nervensystem zu verringern. "Der neue Duft wirkt direkt auf das Gehirn, insbesondere auf die für Emotion und Gedächtnis verantwortlichen Regionen Amygdala und Hippocampus. Sie gehören zum limbischen System und beeinflussen unter anderem das Hormonsystem, das die Ausschüttung von Stresshormonen steuert", erklärt der Forscher.

Die Forschungsergebnisse zeigen: Die Suche nach dem eigenen Lieblingsparfum kann sich, schon rein psychologisch betrachtet, lohnen – und hin und wieder offenbar auch ein Blick in die aktuelle Arbeit wissenschaftlicher Labors. Und sei es nur, um Anregungen für nachweislich wirksame Inhaltsstoffe zu bekommen.

Autor: vfxh