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08. Februar 2012
Schamgefühl
Pflegepersonal muss Intimsphäre achten
Pflege und Privatsphäre – passt das zusammen? Für Außenstehende ist das schwer vorstellbar, jedoch tatsächlich möglich.
Pflege und Privatsphäre – passt das zusammen? Für Außenstehende ist das schwer vorstellbar, jedoch tatsächlich möglich. Dies veranschaulicht die Aktion "Was Pflege leisten kann" des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, die zeigen soll, wie wichtig Pflegeberufe sind.
Mit einem Sektglas stößt eine 84-jährige Senioren mit sich selbst an. Und teilt auf einer Postkarte mit, dass sie dank der Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst wieder baden könne. Dieses Motiv ist eines von vieren, mit denen auf die Leistungsbreite der Pflegeberufe hingewiesen wird. Das Motiv macht zudem deutlich: Pflege ist immer auch ein Eingriff in die Intimsphäre des zu Pflegenden. Gerade im Bereich der Ganzkörperpflege fühlen manche Betroffene sich unbehaglich, wenn sie von einem Pfleger des anderen Geschlechts betreut werden. Vorwiegend seien dies Frauen, so Patrick Bolanz vom Privaten Pflegeservice aus Freiburg. Rund ein Drittel der Seniorinnen empfinde so, was mit schlechten Erfahrungen zu tun haben könne. Natürlich werde in solchen Fällen darauf geachtet, dass diese Seniorinnen von Pflegerinnen betreut werden. Männer seien da pflegeleichter. "Männern stellen sich diese Frage nicht, sie freuen sich eher, wenn eine Frau sie besucht", sagt Bolanz. Er habe es in 20 Jahren Berufserfahrung noch nie erlebt, dass ein Mann unbedingt nur von einem männlichen Pfleger betreut werden möchte.Werbung
Bolanz unterstreicht: "Wir treten als Pfleger geschlechtslos auf – wir sind Krankenpfleger im neutralen Sinne." So sehe es auch der Großteil der Senioren. Allerdings sei es ein Unterschied, ob man daheim gepflegt wird oder in einem Pflegeheim, wo wegen der höheren Bewohnerzahl größere Einschränkungen in Sachen Privatsphäre gemacht werden müssten.
In der häuslichen Pflege jedoch seien die Pfleger Gast, die Routine sei nicht so sehr vorhanden. "Wir kommen zu den Patienten, nutzen ihre Waschlappen, ihr Bad, ihr Umfeld – dadurch wird die Intimsphäre gut gewahrt", sagt Bolanz. Generell sei es für ihn aber schwierig, in Kategorien zu denken – also weiblicher oder männlicher Pfleger, weiblicher oder männlicher Pflegebedürftiger: "Ich komme als Krankenpfleger und helfe einem Menschen in seiner Gebrechlichkeit, in einer schwierigen Situation zurecht zu kommen. Dies spürt dann auch mein Gegenüber, so dass spätestens dann jedes Schamgefühl vergessen sein sollte."
Nun kann es aber auch sein, dass Auszubildende zu Beginn unsicher sind, was die Pflege von Senioren – noch dazu des anderen Geschlechts – angeht. Dies kennt Jutta Scheele-Schäfer, Lehrerin an Ausbildungsstätten für Gesundheits- und Krankenpflege im Raum Karlsruhe und Mitglied des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, nur zu gut. "Natürlich gibt es Schüler, für die es am Anfang noch ungewohnt ist, beispielsweise einen Mann zu waschen, der auch ihr Großvater sein könnte. Sollte der Gepflegte ein Schamgefühl empfinden, helfe es immer, eine Beziehung zu dem Menschen aufzubauen. "Wer jemanden kennt und mag, dem fallen private Situationen wie das Gewaschen werden wesentlich leichter. Denn Scham ist ein Gefühl, und das Gefühl hat mit Beziehungen zu tun. Wenn also ein Pfleger einer Dame sympathisch ist, macht ihr die Hilfe eines Mannes oft nichts aus."
Ganz wichtig sei es darüber hinaus, dass das Thema Schamgefühl gleich bei der Aufnahme der Pflege angesprochen wird. So könnten die Pflegekräfte erfahren, was dem pflegebedürftigen Menschen unangenehm sei. Und es hilft auch, eine gemeinsame Ebene zu finden. "Dies ist zudem ein guter Einstieg, um eine tragfeste Beziehung zwischen dem zu Pflegenden und dem Pflegenden aufzubauen – ganz egal welchen Geschlechts dann das Gegenüber ist", empfiehlt Scheele-Schäfer.
Autor: kas
