Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. Juli 2012 13:19 Uhr

Ziel: Erleuchtung

Rühr! Mich! An! Das Geschäft mit Tantra-Massagen boomt

Das Geschäft mit Tantra-Massagen boomt: Momentaufnahmen einer Branche, die göttliche Erleuchtung sucht, aber Lust verkauft

  1. Massage. Foto: fotolia.com/Yanik Chauvin

Neulich hat ein Kunde versucht, ihr an die Brust zu grapschen. Sie stand da ganz nackt, wie immer, wenn sie Männer massiert, erst die Arme und Beine, denn den Rücken, und ganz am Ende auch die Intimzone – Po und Penis.

Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann sie unsittlich berührte oder Wünsche äußerte, die nicht in diesen Raum gehörten. Man könnte sagen, das sei in ihrem Gewerbe unvermeidbar. Jana Rubinya Richter verdingt sich als Tantra-Masseurin. Sie berührt ihre Kunden am ganzen Körper, mal streichelnd, mal massierend. So schafft sie Momente höchster Intimität. Dabei, betont sie, gehe es ihr nicht darum, den Menschen zum sexuellen Höhepunkt zu bringen. Das würde der hinduistischen Philosophie widersprechen, auf die sich ihre Zunft beruft.

Sie ist der Gegenentwurf zur Askese im Yoga, doch auch ihr Ziel ist Erleuchtung. Der Massierte soll jede Faser seines Körpers spüren und dabei eins werden mit einer Macht, von der die Masseurin sagt: "Sie ist göttlich, und sie steckt in jedem von uns – auch in dir." Die Frau lächelt entrückt. Rubinya, so hat sie sich nach ihrem Lieblingsedelstein benannt. Sie sagt, der entspreche ihrem Wesen. Sie strahle so ein dunkelrotes Funkeln aus. Sie ist barfuß, ihr gelenkiger Körper steckt in einem geblümten Kleid. Um den Hals hat sie sich eine Perlenkette geschlungen. In ihrem früheren Leben hat Rubinya als Psychotherapeutin gearbeitet: Eheprobleme, Scheidungen, das war ihr Pensum, die Aufarbeitung: rein kognitiv.

Werbung


Für die Einen ist es ein Weg, das Herz zu öffnen

Sie sagt, mit der Tantra-Massage habe sie eine Form der Diagnostik gefunden, die ihr einen unmittelbaren Zugang zu den Kunden eröffne – auch ohne Worte. Sie ermöglicht es ihr, Blockaden zu lösen. Sie sagt, es komme regelmäßig vor, dass Männer und Frauen beim Orgasmus weinten – "vor Glück".

Sie sagt, denen müsse sie nicht erklären, dass die Massage kein Selbstzweck sei. Denen brauche sie erst gar nicht mit einer Meta-Ebene zu kommen. Warum der Sache einen spirituellen Mantel umhängen, wenn die Wirkung für sich spreche? "Es geht darum, die sexuelle Energie zu wecken und auf den gesamten Körper zu übertragen", sagt Rubinya. Weil sie ihre Kunden dabei auch an Stellen berührt, die intim sind, wird ihr Gewerbe immer noch eher im Rotlicht-Milieu verortet als dort, wo sie sich selbst sieht, auf der Schwelle zwischen Therapie und Wellness. Was vielleicht erklärt, warum die Dienstleistung zu 70 Prozent von Männern genutzt wird – auch von solchen, die mit ihren Wünschen besser in einem Bordell aufgehoben wären.

Rubinya bemerkt es seufzend. Sie hockt barfuß auf einem Sitzkissen auf einem orange-farbenen Teppich und schaut in den wandhohen Spiegel gegenüber. Das ist ihr Arbeitszimmer – die "Diamond Lotus Tantra Lounge" in Berlin-Kreuzberg. Es ist Deutschlands ältestes Tantra-Studio, es gehört zu einer Praxis für Sexualtherapie. Ihr Gründer Andreas Rothe, in der Szene besser als "Andro" bekannt, hat die Geschäftsidee vor 30 Jahren von einem Selbstfindungstrip nach Indien mit nach Hause gebracht. Man findet sein Studio in einem Altbau in einer Seitenstraße, nur ein leuchtend-rotes Schild in der verdunkelten Scheibe eines Ladenlokals weist darauf hin, dass hier eine Zunft etwas verkauft, von dem Kritiker sagen, es sei eigentlich unverkäuflich: Berührungen. Dabei scheint die Nachfrage zu steigen. Alleine in Berlin sind seit der Jahrtausendwende 15 Tantra-Studios entstanden. Dazu kommen ungezählte Anbieter, die ihre Dienste im Internet oder in Kleinanzeigen anbieten – so wie der "schöne, reife und sportliche Mann", der auf Abruf ins Haus oder ins Hotelzimmer kommt – mit einer eigenwilligen Interpretation von erotischer Ganzkörpermassage: "Körper auf Körper".

Fragt man Rubinya, wie sie zertifizierte Anbieter von Callboys oder Trittbrettfahrern unterscheidet, sagt sie: "Ich würde immer zuallererst nach der Ausbildung fragen." In Bayern gilt das, was sie macht, als Prostitution. Tantra-Studios dürfen sich deshalb nur im Sperrbezirk ansiedeln. Für den Tantramassage-Verband ist das ein Schlag ins Gesicht. Seine 13 Mitglieder wollen das zwielichtige Image einer Branche abstreifen, von der nicht einmal sie selbst sagen können, wie groß sie ist und was sie im Jahr umsetzt. Darum haben sie sich vor einigen Jahren zusammengeschlossen. Sie kämpfen für eine zertifizierte Ausbildung und darum, dass es Tantra künftig auf Krankenschein gibt.

Ihre Erfolgschancen sind jedoch ungewiss. Bei der größten gesetzlichen Krankenkasse, der AOK, heißt es: "Tantra wird als Methode zur Selbstfindung und zur sexuellen Befreiung angesehen. Zu Heilzwecken im medizinischen Sinne ist die Lehre nicht geeignet."

Den Preis, rund 200 Euro für eine zweistündige Behandlung, müssen die Kunden vorerst also aus eigener Tasche bezahlen. Was dann passiert, ahnt man, wenn man Atman in seinem Studio besucht. Atman heißt eigentlich Jörg, er ist "um die 30" und etwas einsilbig, wenn man ihn nach seinem beruflichen Background fragt.

Von einer bewegten Geschichte ist dann die Rede und davon, dass er auf Umwegen als Masseur beim Tantra gelandet ist. Er ist einer der wenigen Männer in der Branche. Ein Mann wie aus der Armani-Werbung. Ein schöner geschwungener Mund, ergraute Schläfen, lange, schlanke Hände, ein Sixpack. Seine Kunden schwärmen von seinem Einfühlungsvermögen und seiner Berührungskunst – vor allem die Frauen. Eine von ihnen ist Kiki, 32 Jahre alt und seit sechs Monaten verheiratet. Sie sagt, nein, ihr Mann sei nicht eifersüchtig auf den professionellen Berührer gewesen. "Ich habe ihm danach eine Tantra-Massage bei einer Frau geschenkt." Sie sind seit der Schulzeit ein Paar. Die Erfahrung habe ihr Sexleben enorm bereichert. Kiki ist gut organisiert. Der Typ Frau, der morgens mit Schirm das Haus verlässt, wenn der Wetterbericht Regen prophezeit. Sie sagt, sie habe es einfach nur genossen, den Kopf auszuschalten und sich verwöhnen zu lassen.

Sie sagt, jede Massage sei anders, und jedes Mal sei sie überwältigt gewesen. "Die warmen Wellen, die du beim Sex sonst nur im Unterleib spürst, waren plötzlich überall, im Fuß, im Knie, im Bauch. Ich habe noch tagelang danach das Gefühl gehabt, ich könnte Bäume ausreißen." Ist das die göttliche Erleuchtung, von der Rubinya geschwärmt hatte? Ein Ganzkörper-Orgasmus? Oder kann man das eine vom anderen etwa gar nicht trennen? Ist Sex also heilig?

Atman guckt, als hätte man ihn dabei ertappt, dass er den auswendig gelernten Text einer Rolle vergessen hat, wenn man ihm diese Frage stellt. "Es ist eine bodenständige Form von Heiligkeit", sagt er. Man muss ihn an seinem Arbeitsplatz besuchen, um zu verstehen, was er damit meint. Eine kleine Erdgeschosswohnung in einem Altbau im Prenzlauer Berg, links davon ist das "Zentrum für ganzheitliche Therapien", rechts sitzt das "Zentrum für Pilates und integrative Körperarbeit".

Für die Anderen ist es

Sinnlichkeit to go

In diesem Umfeld betreibt Atman den "Garden of Earthly Delights", doch einen Hinweis an der Klingel sucht man vergeblich. "Wir verhandeln noch mit dem Vermieter", sagt er. Eine Matratze, Kerzen, leise tröpfeln sphärische Klänge aus den Lautsprecherboxen eines I-Pods. Atman hat sich ausgezogen und ein rotes Tuch um den Unterleib geschwungen. Ihm gegenüber steht eine Kollegin. Sie hat die Augen geschlossen. Sie simulieren ein Vorspiel.

"Spür dein Herz, deinen Körper", flüstert er. Beinahe zärtlich streicht er ihr über Arme und Beine. Er geht dafür bis auf die Knie. Es sieht aus, als würde er sie anbeten. Man versteht jetzt, warum er sagt, er schaffe höchstens 20 Termine im Monat. "Das ist keine Akkordarbeit." Hier gehe es um Respekt, um Annahme, um Hingabe. Es ist ein Angebot, das zunehmend von Frauen genutzt wird. Warum, kann man in Erfahrungsberichten im Internet nachlesen. Da schreibt "Bunter Herbst", sie sei Single, wolle aber auch mit über 50 nicht auf Erotik verzichten. Andere suchen nach einer Trennung körperliche Nähe ohne Verbindlichkeit oder einen Weg, die Lust zu wecken, die in einer jahrelangen Beziehung eingeschlafen ist. Von göttlicher Erleuchtung spricht keiner – außer denen, die damit ihr Geld verdienen.

"Tantra, das ist eben ein Weg, um das Herz zu öffnen", sagt Atman. "Ob du es mit psychologischen, medizinischen oder spirituellen Begriffen füllst, bleibt dir überlassen." Es ist die kapitalistische Selbstbedienungsmentalität, nur auf die Erotik übertragen: Nimm dir, was du brauchst – Sinnlichkeit to go. Die Hingabe, sie stößt jedoch an eine Grenze. Rubinya sagt, erotische Schwingungen seien immer im Raum, doch sobald sie merke, dass sie ein Mann auch privat anziehe, versuche sie, auf Distanz zu gehen.

Umgekehrt ist es offenbar leichter. Ihre eigenen Grenzen aufzuzeigen, das hat die Mutter eines erwachsenen Sohnes nach ungezählten Sitzungen gelernt. Der Kunde, der versucht hat, sie zu begrapschen, bekam das zu spüren. Sie hat einmal tief Luft geholt und auf ihre unnachahmlich liebevolle Art gesagt: "Du bist hier beim Bäcker, nicht beim Schlachter. Wenn du Wurst willst, bist du hier verkehrt."

Autor: Antje Hildebrandt