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30. Juli 2012

Wenn aus dem Urlaubsflirt Liebe wird...

Der gemeinsame Alltag von Paaren aus zwei Nationen wird nicht nur durch Einreisebestimmungen erschwert.

Ob Urlaubsreise oder Auslandssemester – es bieten sich viele Gelegenheiten, Freundschaften mit Menschen aus fernen Ländern zu schließen. Wenn aus so einer Freundschaft Liebe wird, wird es allerdings häufig kompliziert. "Viele binationale Paare sind von Anfang an mit rechtlichen Restriktionen konfrontiert, die ihnen das entspannte Kennenlernen erschweren", sagt Swenja Gerhard vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften (IAF) in Frankfurt. Denn gegenseitige Besuche oder gar ein gemeinsamer Alltag werden häufig durch die Einreisebestimmungen erschwert.

"Menschen im heiratsfähigen Alter aus bestimmten Ländern, vor allem aus Afrika, haben in Deutschland meiner Erfahrung nach kaum eine Chance auf ein Touristenvisum", sagt Marianna Nestoris, die bei der Evangelischen Auslandsberatung in Hamburg binationale Paare betreut. Da der Lebensstandard in den meisten visumspflichtigen Herkunftsländern niedriger sei als hierzulande, gingen die Behörden in der Regel davon aus, dass die Person gar nicht zurückkehren möchte. Wenn der Antrag auf ein Touristenvisum abgelehnt wird, ist für viele Paare eine Heirat schon nach kurzer Zeit der einzige Weg, um ihre Partnerschaft überhaupt weiterführen zu können, berichten die beiden Expertinnen.

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Auch die Tatsache, dass einer der beiden ein neues Leben in einem fremden Land beginnen muss, mache es betroffenen Paaren oft schwer. "Manchmal war der Partner vorher noch nie im Herkunftsland des anderen und spricht auch die dortige Landessprache nicht", berichtet Nestoris. Nun muss er vieles lernen, was für seinen einheimischen Partner bereits selbstverständlich ist. "Oft entsteht in dieser Situation ein großes Ungleichgewicht in der Beziehung", sagt Swenja Gerhard. Der Zugezogene sei plötzlich abhängig von seinem Partner – auch in finanziellen Dingen. "Meist können die Einwanderer hier auch erst mal kein Geld verdienen, wegen mangelnder Sprachkenntnisse oder weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt werden", sagt die Juristin und Paar- und Familientherapeutin. Diese Phase könne sich lang hinziehen und sei oft für beide Partner frustrierend. "Binationale Paare sollten sich also darauf einstellen, dass mit der geglückten Migration nicht alle Probleme gelöst sind", empfiehlt Gerhard.

Um dem ausländischen Partner das Einleben zu erleichtern, sei es wichtig, dass der Einheimische dessen Selbstständigkeit fördere. "Beispielsweise sollte man dem anderen Telefongespräche auf Deutsch nicht immer abnehmen", sagt die Beraterin. Für das Selbstbewusstsein des zugewanderten Partners sei es zudem wichtig, dass er einen sinnvollen Beitrag zum Alltagsleben leisten kann: "Vielleicht kümmert sich derjenige um den Haushalt, übernimmt ein Ehrenamt oder unterrichtet Menschen in seiner Muttersprache", schlägt Gerhard vor.

Binationale Paare haben häufig eine gute Streitkultur

Marianna Nestoris empfiehlt Betroffenen, Deutschland nach Möglichkeit auch immer wieder ohne ihren Liebsten zu erkunden. "Bei einem Integrationskurs kann man beispielsweise Menschen in ähnlichen Lebenssituationen kennenlernen und eigenständig Freundschaften knüpfen", sagt die Pastorin mit deutsch-griechischen Wurzeln. Innerhalb der binationalen Beziehung gilt es, kulturelle Besonderheiten zu erkennen und zu meistern. Denn auch wenn die Partner nicht gerade von zwei verschiedenen Kontinenten stammen, werden sie doch im Alltag immer wieder auf unterschiedliche Wertvorstellungen stoßen. "Während für den einen ein gesichertes Einkommen die Voraussetzung für die Familiengründung ist, steht für den anderen das Kinderkriegen über allem", sagt Swenja Gerhard.

"Für binationale Paare ist es besonders wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben", erklärt Marianna Nestoris. Auch wenn man gerade in der Anfangszeit den Kopf oft mit organisatorischen Problemen voll habe, sollte man sich die Zeit nehmen, sich über wichtige Aspekte wie etwa die religiöse Erziehung gemeinsamer Kinder zu unterhalten. Und auch später müsse man immer wieder miteinander reden, um Missverständnisse auszuräumen. "Dadurch, dass man so vieles miteinander klären muss, entwickeln binationale Paare allerdings auch häufig eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit und Streitkultur", betont Swenja Gerhard.

Trotz aller Hindernisse sehen beide Expertinnen auch große Chancen für Paare unterschiedlicher Herkunft: "Wenn es gelingt, sich aufeinander einzulassen, dann ist eine binationale Partnerschaft ein unendlicher Schatz", ist Marianna Nestoris überzeugt.

Mehr Informationen unter http://www.verband-binationaler.de

Autor: dapd