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20. Oktober 2017 08:26 Uhr

76 Prozent Rückgang

Alarmierender Befund: Die Insekten verschwinden

In einer großangelegten Studie haben Forscher einen dramatischen Rückgang der Zahl geflügelter Insekten in Deutschland dokumentiert. In fast 30 Jahren schrumpfte der Bestand um mehr als drei Viertel.

  1. Gefährdet: die Kleine Goldschrecke im Naturschutzgebiet Murnauer Moos in Bayern Foto: DPA

Der Nabu erklärte, zwischen 1998 und 2009 seien außerdem knapp 13 Millionen Vogelbrutpaare verloren gegangen. Für die Insekten-Studie, die in der Online-Fachzeitschrift Plos One erschienen ist, hatte das internationale Expertenteam zwischen 1989 und 2016 das Insektenaufkommen in 63 deutschen Naturschutzgebieten gemessen. Sie stellten dazu Klebefallen auf und maßen immer wieder die Biomasse der darin befindlichen Tiere. Über den Zeitraum von 27 Jahren ergab sich dabei im Schnitt ein Rückgang um 76 Prozent, so die Wissenschaftler.

Zwar ist schon seit längerem bekannt, dass Schmetterlinge und Bienen in Europa und Nordamerika allmählich verschwinden. Aber die Studie ist die erste, die belegt, dass sämtliche geflügelte Insekten massiv von dem Aussterben betroffen sind. Insgesamt sei der Schwund der Biomasse bei Insekten "viel schwerwiegender als gedacht", erklärte der an der Studie beteiligte Caspar Hallmann. Insekten spielen als Bestäuber von Pflanzen und als Nahrung etwa für Vögel eine zentrale Rolle im Ökosystem. Die Befunde lassen nach Ansicht der Studienautoren daher auch den Rückgang der Zahl von Vögeln und Säugetieren in einem völlig anderen Licht erscheinen.

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Zwar könne die Studie nicht sagen, welche Arten zurückgegangen seien; außerdem seien die meisten Standorte nur ein oder zweimal gemessen worden, kritisiert Alexandra-Maria Klein, Landschaftsökologin von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dennoch seien Dauer und Ergebnis der Studie wichtig: "Sollen wir jetzt ein optimales Studiendesign machen, 30 Jahre weiter forschen, bis wir dann endlich sagen können, ,Jetzt wissen wir es ganz genau’? Für manche Arten wird es dann wohl zu spät sein."

Der Nabu veröffentlichte am Donnerstag parallel zudem eine eigene Auswertung, wonach die Zahl der Vogelbrutpaare in Deutschland in den zwölf Jahren zwischen 1998 und 2009 um rund 12,7 Millionen schrumpfte. Das entsprach demnach einem Rückgang von 15 Prozent. Besonders betroffen seien unter anderem der Haussperling (minus 22 Prozent) und der Star (minus 42 Prozent), der gerade erst zum Vogel des Jahres 2018 gewählt wurde. Die Organisation wertete Bestandsdaten aus, die die Bundesregierung 2013 an die EU meldete. Neuere Zahlen werden erst 2019 erwartet.

Über die Ursachen für das dramatische Insektensterben in Deutschland äußerten sich die Autoren der Studie selbst nicht. Sie wiesen lediglich darauf hin, dass viele Naturschutzgebiete von Agrarflächen umgeben seien und Pestizide dabei eine Rolle spielen könnten. Umweltschützer indes fanden hier klare Worte: "Hauptgrund ist die ständige Intensivierung der Landwirtschaft", erklärte WWF-Experte Krüger. Der WWF forderte unter anderem die Senkung des Pestizideinsatzes und ein Verbot hochwirksamer Neonikotinoide. Grünen-Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter erklärte, Artenschutz müsse "maßgeblicher Teil der Landwirtschaftspolitik des Bundes werden".

Trotz der schlechten Nachricht: Für die Bienen war 2017 ein gutes Jahr. Die badischen Imker ernteten deutlich mehr Honig als im Jahr zuvor.

Autor: AFP/dpa