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30. Januar 2012

Ein Leben unter Strom

Gastbeitrag: Designer Christoph Thetard über die Elektrifizierung unseres Alltags.

  1. Was wir vor zehn Jahren noch mit eigener Muskelkraft erledigten, macht heute eine Batterie – zum Beispiel Korken ziehen und Pfeffer mahlen. Foto: fotolia.com/vege, PR Adhoc/enjoymed

Unser Strom wird in absehbarer Zeit aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Unsere Kaffeemaschinen gewinnen Nachhaltigkeitspreise, weil sie 30 Prozent weniger Energie verbrauchen als ihre Vorgänger. Und unsere Autos stoßen in Zukunft auch keine Abgase mehr aus. Das schlechte Gewissen des Umweltsünders brauchen wir also nicht mehr. In Zukunft wird einfach alles elektrisch und mit Ökostrom betrieben. Schließlich fügt die Stromproduktion der Umwelt keinen Schaden mehr zu. Eigentlich könnten wir uns also recht entspannt zurücklehnen.

Was jedoch leider allzu oft vergessen wird, sind die Produktion von Tonnen von Elektroschrott und der hohe Verbrauch der Ressourcen. Menschen in Afrika und Asien verbrennen unseren Elektroschrott auf offener Flamme. So kommen sie an die wertvollen Ressourcen, und wir können wieder neue Spielereien herstellen: elektrische Zahnbürsten und Salzmühlen, Brotbackautomaten, die in unseren Schränken verstauben.

Die Elektrifizierung, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts eingesetzt hat und massiv durch die Stromproduzenten forciert wurde, führt zu immer abstruseren Produkten. Elektrische Korkenzieher, batteriebetriebene Saucenrührer und beleuchtete Pfeffermühlen sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Mahlt die elektrische Mühle in irgendeiner Form besser? Steigen Saugleistung oder Funktionalität eines Staubsaugers durch eine digitale Füllstandsanzeige?

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Auch der viel gepriesene Zeitgewinn von Küchengeräten im Privathaushalt wurde bereits in den Achtzigern wissenschaftlich widerlegt. Neuestes (Schein-)Argument der Elektrogerätehersteller für neue elektrisch betriebene Produkte ist die Generation 50 plus. In dieser Zielgruppe lassen sich sogar Rosenscheren mit Akku vermarkten. Wiegen Sie auch im Vergleich zu hochwertigen Handscheren so viel, dass man nach kurzer Zeit keine Kraft mehr hat und die Hand beim Schneiden wechseln muss.

Natürlich wollen auch wir einen Computer und ein Handy betreiben. Und das geht nicht ohne Elektrizität. Aber benötigen wir wirklich überall dort Elektrizität, wo wir sie verbrauchen?

Es wird in Zukunft nicht genügen, effiziente Elektrogeräte noch ein bisschen effizienter zu gestalten. Der insgesamt steigende Konsum hebt die Einsparung um ein Vielfaches auf. Wir müssen viel- mehr  genau  hin- schauen,  wo  wir Elektrizität  über- haupt  benötigen, statt so vieles blind damit zu betreiben.

Modernste Produktionsprozesse und Hightech-Materialien machen es heutzutage möglich, uralte Techniken so zu gestalten, dass sie eine Alternative zu elektrischen Geräten darstellen können. Die meisten manuellen Hilfsmittel werden aber leider noch so hergestellt wie vor hundert Jahren. Eine Weiterentwicklung hat es durch die einsetzende Elektrifizierung quasi nicht gegeben.

Ein gutes Gegenbeispiel ist das Fahrrad, lassen wir die Pedelecs mal außer Acht. Obwohl moderne Fahrräder genauso aussehen und funktionieren wie ihre Vorgänger, sind sie heutzutage Hightech-Produkte. Auch andere Beispiele existieren. Die Firma Skysail vertreibt eine Art Drachen für Hochseeschiffe. Dieses computergesteuerte Segel nutzt die Höhenwinde und spart so etwa 30 Prozent des Treibstoffs. Gartenhandgeräte aus sehr leichten, hochfesten Kunststoffen und hochwertigen Klingenstählen werden mit einfachen, geschickten Mechaniken versehen und ermöglichen so Krafteinsparungen von 30 Prozent. Die Liste ließe sich fortsetzen – und sie muss dringend fortgesetzt werden. Industrie und Konsumenten sind da gleichermaßen gefragt.

Der Gastautor ist Produktdesigner in Berlin und hat sich schon während des Studiums mit nachhaltigen Konzepten beschäftigt. Seine manuelle Küchenmaschine R2B2 mahlt Kaffee und püriert Suppen ohne Hilfe aus der Steckdose, was weltweit auf Interesse stößt.

Autor: Christoph Thetard


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