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30. Januar 2012

Eine Tonne voll Energie

Von der Mülltonne zur Verbrennungsanlage: Der Weg unseres Abfalls kostet und liefert Energie zugleich.

  1. Lokführer Norbert Dekrell fährt den Müll mit dem Zug nach Eschbach. Foto: Michael Bamberger

  2. Kranführer Reinhardt von Staa hat ungefähr 3,5 Tonnen Müll im Greifer. Foto: Michael Bamberger

  3. Seit sechs Jahren fährt Vincenzo Brunetti den Seitenlader. Foto: Michael Bamberger

Später Abend. Winterlicher Kamingeruch liegt in der Luft. Weiße Rauchschwaden steigen in 50 Meter Höhe aus dem Schornstein der Müllverbrennungsanlage in Eschbach. Hier ist die Endstation unseres Hausmülls. Und hier wird Energie gewonnen.

Am Morgen ist weiter im Norden an Kaminduft noch nicht zu denken. Im Gegenteil – es riecht nach Müll. In Reih’ und Glied stehen die grauen Tonnen in Holzhausen in der March am Straßenrand und warten auf Vincenzo Brunetti – kurz Enzo – mit seinem Müllfahrzeug. Genauer gesagt seinem Seitenlader. "Mit dem Hecklader braucht man noch zwei Leute, die links und rechts die Mülltonnen ranholen", erklärt der Italiener. Schwungvoll untermalt er seine Worte mit den Händen.

Der Seitenlader hat einen Greifarm, den der Fahrer mit der linken Hand bedient. Sein Sitz ist auf der rechten Seite. Fünf Mülltonnen nebeneinander heißt fünf Mal 50 Zentimeter fahren. Enzos Arbeitsalltag: anfahren, bremsen, anfahren, bremsen. An einen Fünf-Liter-Verbrauch ist da nicht zu denken. Das 15-Tonnen-Gefährt kommt auf 85 Liter Diesel auf hundert Kilometer. Enzo fährt Slalom um Hauswände, Bäume und parkende Autos. Eineinhalb Meter Distanz braucht er für das Anheben der Mülltonne. Rückspiegel im Blick, Tonne einhaken, Tonne anheben – eine Sache von Sekunden. Fehlt der Abstand, leidet die Hauswand. Der Blick fällt auf eine demolierte Dachrinne. Für solche Schäden gibt es wenig Verdächtige. "Das war ich aber nicht", sagt Enzo. Sowas sind Anfängerfehler.

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Endlich heißt es Gas geben. Mit dem gesamten Hausmüll Holzhausens und Eichstettens fährt Enzo über die Landstraße zum Eichelbuck, dem Umschlagplatz. Der Weg des Mülls führt durch ein Waldstück zu dem stillgelegten Müllberg. Seit 2005 wird hier nichts mehr abgeladen. Dafür aber verladen: Müllautos bringen täglich zwischen 150 und 200 Tonnen Rest- und Sperrmüll. Er kommt in große Container. Auf dem Berg thront jetzt ein Solarfeld. Freiburgs größte Photovoltaikanlage hat eine Leistung von 2,5 Megawatt. Mit anderen Worten: ein Jahr lang Strom für 1000 Haushalte.

Es ist 14.30 Uhr. Eine dreiviertel Stunde später als sonst erreicht Enzos Müllauto die ehemalige Deponie. Viele der 970 Mülltonnen hingen heute länger in der Luft, die Joystickhand musste beim Erklären helfen. Enzo hält an der Pforte zum Wiegen. Eine rote Zahl: 24 860 Kilogramm wiegt das Auto mit Inhalt. Das heißt, gut neun Tonnen Restmüll haben die Eichstetter und Holzhausener in zwei Wochen produziert.

"March" steht auf dem Zettel, den Enzo eilig raussucht und hinter die Windschutzscheibe klemmt. Er wird durchgewunken. Vor ihm lädt bereits ein Fahrzeug an einer großen überdachten Grube ab, hinter ihm folgen weitere. Staub wirbelt durch die Luft. Blaue und graue Säcke stapeln sich, zwischendurch ein Salatkopf, ein Kissen – der Rest eine bunte Masse. Bagger mit Schaufeln verladen den Müll in große grüne Container. Neben den Müllbergen wirken die Bagger winzig. Während sie hektisch hin und her fahren, kann Enzo einfach einen Knopf betätigen und sich zurücklehnen. Seine Ladefläche setzt sich in Bewegung und der Hausmüll rutscht herunter. Wumms, ein lautes Grollen und Krachen. In der Fahrerkabine ist davon nichts zu hören. Nur Enzos zufriedenes Lächeln füllt die Kabine: Feierabend.

Für den Hausmüll ist es erst der halbe Weg. In Containern fährt er auf Lastwagen zum Freiburger Güterbahnhof. Ab hier übernimmt Lokführer Norbert Dekrell. Denn den restlichen Weg legt der Hausmüll auf der Schiene zurück. "Der Zug besteht aus neun Waggons, die zusammen drei Container transportieren, egal, ob diese voll sind oder nicht", sagt er. Füllstand hin oder her: Mit einer Zugfahrt erspart Dekrell 14 Lkw-Fahrern den Weg nach Eschbach.

Noch eine letzte Kontrolle – in leuchtendem Orange pirscht Dekrell um den Zug – und los geht’s. Er fährt die Rangierlok mit einer Fernsteuerung aus der Halle. Ganz gemächlich mit 20 Stundenkilometern: Waggons mit vollen Müllcontainern aufs Rangiergleis stellen, die leeren vom Vortag in die Lagerhalle schieben, die vollen wieder abholen. Die Lok ruckelt hin und her. Dekrell ist die Ruhe selbst. Das muss er auch sein, denn von einem strikten Zeitablauf kann nicht die Rede sein: Der Müll muss warten bis die Gleise frei sind von ICE-Zügen und Regionalbahnen.

Nach getaner Feinarbeit kann Dekrell, wie Enzo wenige Stunden zuvor, endlich Gas geben – im Zug gen Eschbach. Unter Brücken hindurch, raus aus Freiburg. Die Häuserfront lichtet sich, gibt den Blick frei auf Berge und Reben. Alle zwei Tage werden dafür etwa 1400 Liter getankt. Die 68 Tonnen schwere Diesellok benötigt 100 bis 120 Liter in der Stunde. Dennoch liegt der Verbrauch 60 Prozent unter dem der 14 Lastwagen.

Dekrell findet die Verbrennungsanlage sinnvoll. "Hauptsache der Müll wird ordentlich entsorgt und nicht irgendwo vergraben. Oder noch schlimmer: So wie es die Leute aus den Schrebergärten tun ..." Er deutet neben die Schienen, und tatsächlich erinnern die Zustände an den Umschlagplatz Eichelbuck. Das Gleisbett ersetzt hier vielen die graue Tonne.

In Eschbach ist es bereits dunkel. Erst kurz vor der Ankunft ist die thermische Restabfallbehandlungs- und Energieerzeugungsanlage, kurz Trea, zu sehen. So heißt der graue Koloss, dessen Schornstein in die Nacht ragt. Endspurt: Lkw übernehmen wieder die Müllcontainer samt Inhalt – 250 Tonnen Hausmüll. Diesmal ist die Grube zwölf Meter tief. Es hallt, wenn der Müll unten landet. Kissen und Salatköpfe fallen nicht auf. Nur Matratzen lassen sich im Müllchaos noch gut erkennen. Es stinkt: die bekannte Müllnote.

In der Kommandozentrale der Trea sitzt Reinhardt von Staa. Er ist Kranführer, sitzt hoch oben, vom Müll durch dickes Glas getrennt. Er lässt den Greifarm hinabgleiten. 3,5 Tonnen – ungefähr halb so viel wie in Enzos Müllauto passt – kann von Staa mit einem Mal greifen. Geschmeidig lässt er den Greifarm wieder heraufgleiten, der Müll verschwindet nebenan im Trichter. Im Hintergrund Joan Jetts röhrige Stimme: "I love rock ’n’ roll".

Die Energiegewinnung beginnt. Bei 1100 Grad verbrennt der Müll aus der Region. Heraus kommen Strom, Wärme und Schlacke. "Wir produzieren hier Strom für 25 000 Haushalte", sagt Holger Heinig, der Werksleiter der Trea. Davon könnten 20 Megawatt als Wärmeenergie ausgekoppelt werden. Und 63 Prozent des Stroms könnten weiterhin eingespeist werden. Die Wärme soll dabei helfen, Biogas und Holzpellets zu erzeugen. Damit könnten die Südbadener dann ihre Stuben heizen. An der technischen Umsetzung wird gerade gearbeitet.

Später Abend. Draußen ist es zwei Grad kalt. Winterlicher Kamingeruch liegt in der Luft. Weiße Rauchschwaden steigen in 50 Meter Höhe aus dem Schornstein der Müllverbrennungsanlage in Eschbach. Endstation.

Autor: Franziska Wissemann (Text) und Michael Bamberger (Fotos)