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24. November 2009

Vor Ort: China

Klimaschutz im Kaiserreich

In China liegen Klimaschutz und Klimasünden dicht beieinander, aber das Land arbeitet energisch am ökologischen Umbau

  1. Mittel gegen den Energiehunger: Windpark in der Provinz Yunnan Foto: AFP

Das nennt man eine verspargelte Landschaft: In der Geröllwüste der westchinesischen Provinz Xinjiang, außerhalb der Hauptstadt Urumqi, stehen mehr als 200 Windmühlen in Reih und Glied und drehen sich im scharfen Wind. Ihre Zahl steigt ständig, denn Urumqis Energiebedarf wächst mit zweistelligen Prozentzahlen; außerdem legt die Provinzregierung Wert auf das ökologische Prädikat, den größten Windpark Chinas zu betreiben. Doch dieses Idyll von Nachhaltigkeit existiert nur auf Prospektbildern und ist in der Wirklichkeit nur ein kleiner Ausschnitt. Im anderen, dem größeren Teil der Realität, ziehen schmutzigschwarze Rußwolken durch den weißen Turbinenwald. Sie stammen aus den Ziegeleien der umliegenden Dörfer, kleinen Fabriken mit kohlebetriebenen Öfen, die ihren Rauch ungefiltert durch den Schornstein schicken. "Klimawandel?", fragt einer der Brenne-reibesitzer mit ratlosem Blick. "Was soll das heißen?"

Klimaschutz und Klimasünden liegen in der Volksrepublik dicht beieinander. China produziert weltweit die meisten Treibhausgase und investiert zugleich Rekordsummen in die Nutzung neuer Energieträger. Während einige chinesische Unternehmen fortschrittlichste Umwelttechnologien entwickeln, laufen in anderen vorsintflutliche Anlagen. Obwohl die Regierung in Gesetzen die Weichen Richtung Nachhaltigkeit stellt, wird die Umsetzung in weiten Teilen des Landes nicht so ernst genommen.

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"China ist ein Entwicklungsland, aber wir räumen dem Klimaschutz trotzdem einen sehr hohen Stellenwert ein", sagt Pan Jiahua, Klimaforscher an der Chinesischen Wissenschaftsakademie und Mitglied der chinesischen Delegation für den UN-Klimagipfel in Kopenhagen. "Wir sehen darin nicht nur eine große Verantwortung, sondern auch eine große Chance." Die Klimaschutzindustrie soll zu einer Schlüsselbranche der chinesischen Wirtschaft werden und der Volksrepublik helfen, eine umweltfreundlichere Ökonomie zu entwickeln.

Neu ist der Plan nicht. "Die Regierung hat schon 2002 entschieden, dass Umwelt- und Klimaschutz ein zentraler Bestandteil des neuen Wachstumsmodells werden müssen", sagt Wu Changhua, Chinachefin der internationalen Klimaschutzorganisation The Climate Group. "Aber die Finanzkrise und der Kopenhagenprozess helfen ihr, das Ziel voranzutreiben." Als vor einem Jahr die Weltwirtschaft einbrach, habe China anders als die meisten Länder, ihr Konjunkturprogramm nicht darauf ausgerichtet, das Bestehende zu retten, sondern etwas Neues aufzubauen. Umgerechnet 300 Milliarden Euro will die Regierung bis 2020 für den Ausbau erneuerbarer Energien ausgeben. Hinzu kommen privatwirtschaftliche Investitionen, die den Effekt noch um ein Mehrfaches steigern.

China will bis 2020 mindestens 20 Gigawatt aus Sonnenenergie gewinnen – annähernd zweihundertmal so viel wie heute. Die Windkraftkraftkapazitäten sollen von derzeit zwölf Gigawatt auf 100 Gigawatt steigen. Die Expansion soll nicht auf China beschränkt bleiben. "Klima- und Umweltschutztechnologien sollen zu einer Exportindustrie werden", sagt Wu und sieht gute Chancen, dass die Rechnung aufgeht. "Wer am meisten baut, hat bald am meisten Erfahrung." Schon heute ist China einer der weltweit größten Hersteller von Solar- und Windkraftanlagen.

Als Paradebeispiel dafür, dass die Volksrepublik in Zukunftsindustrien technologisch selbstständig und international wettbewerbsfähig werden kann, gilt der Autohersteller BYD aus dem südchinesischen Shenzhen. Hinter der Abkürzung verbirgt sich der Slogan "Build your dreams", und tatsächlich scheint das sechs Jahre junge Unternehmen drauf und dran zu sein, einen Umweltschützertraum zu verwirklichen: Elektroautos. Im Dezember des vorigen Jahres ging BYD als erster Fahrzeughersteller mit einem batteriebetriebenen Stadtfahrzeug in die Serienproduktion. Die Reichweite des F3 gibt BYD mit 100 Kilometern an, danach kann ein Verbrennungsmotor zugeschaltet werden, der einerseits das Auto antreibt und andererseits die Batterie wieder auflädt. In der Garage wird das Fahrzeug an einer Steckdose über Nacht aufgeladen. 2000 Zyklen mache die Batterie das mit, bevor ihre Leistung auf 80 Prozent sinke, wirbt BYD.

"Die ersten Autos wurden im April an die Shenzhener Stadtverwaltung geliefert, die mittelfristig ihre ganze Flotte auf Elektrofahrzeuge umstellen will", sagt Unternehmenssprecher Paul Lin. "Wir haben Lieferabkommen mit 13 Stadtregierungen und auch einige Staatsunternehmen wollen ihre Fuhrparks mit Elektroautos bestücken." Für das nächste Jahr plant BYD den Einstieg ins Exportgeschäft.

Während chinesische Autohersteller von der internationalen Konkurrenz oft belächelt werden, wird der Vorstoß von BYD ernst genommen – nicht zuletzt weil der US-Großinvestor Warren Buffet dem Unternehmen sein Vertrauen demonstrierte, als er für 230 Millionen Euro einen Zehn-Prozent-Anteil übernahm.

Jährlich sollen bald 500 000
Elektroautos gebaut werden

Obwohl die chinesischen Hersteller auf dem Feld der herkömmlichen Technologien weit abgeschlagen sind, können sie mit neuen Ansätzen schneller vorne mitspielen – zumal wenn sie wie BYD 10 000 Forscher beschäftigen. Einen Teil der Kosten übernimmt die chinesische Regierung, die die Entwicklung von Elektrofahrzeugen zu einem Schlüsselprojekt erklärt hat. Beaufsichtigt wird das Projekt von Wissenschaftsminister Wan Gang, einem ehemaligen Entwickler von Audi. Ziel ist es, bis 2010 eine Produktionskapazität von 500 000 dieser umweltfreundlichen Autos aufzubauen. Sowohl VW als auch Daimler haben sich öffentlich dazu bekannt, dass sie gerne mit BYD kooperieren würden. "Elektroautos sind viel energieeffizienter als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren", sagt Klimaschützerin Wu. "Wenn die Technologie in China ihren Durchbruch erlebt, hätte dies gewiss weltweite Auswirkungen."

Doch obwohl China gerne den Eindruck vermittelt, den Beschlüssen der Regierung würden stets Taten folgen, sind längst nicht alle chinesischen Klimaschutzprojekte von Erfolg gekrönt. So werben seit Jahren etliche Provinzen mit dem Bau sogenannter "Null-Emissions-Städte", die zu Modellen für Nachhaltigkeit werden sollen. Den Anfang machte Schanghai: 2001 erklärte die Stadtregierung, dass auf der Jangtse-Insel Chongming die erste klimaneutrale Stadt der Welt entstehen solle. Journalisten aus aller Welt präsentierte man stolz Pläne mit solarzellengedeckten Gebäuden, Biogasanlagen und Versuchsfarmen, auf denen Frösche die Insektenvernichtung und Düngung übernehmen sollten.

Acht Jahre später liegt das Bauland brach. Weder in der Stadtverwaltung noch bei der Entwicklungsfirma Shanghai-Industrial-Group will man darüber sprechen. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, das Projekt von Anfang an nur betrieben zu haben, um von den Staatsbanken günstige Kredite zu bekommen. "Chongming ist tot", sagt Umweltschützerin Wu und macht keinen Hehl daraus, dass sie darüber keineswegs verwundert ist. "Null-Emissions-Städte sind kein realistisches und auch kein ehrliches Konzept."

Dennoch will eine Pekinger Baufirma im südchinesischen Shenzhen eine emissionsfreie Wohnanlage bauen, und im September erklärte die Berliner Projektbeschaffungsgesellschaft Z.E.R.A., einen Rahmenvertrag für eine Null-Emissions-Stadt in der chinesischen Region Anji abgeschlossen zu haben. Sie soll "in China zur Richtschnur für die ganz besonderen Anforderungen an die Stadtentwicklung der Zukunft werden". Schön wär’s. Wahrscheinlich ist es nicht.

Ein Dossier mit diesem und weiteren Beiträgen zum Thema unter www.badische-zeitung.de/klimakonferenz

Autor: Bernhard Bartsch