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02. September 2011
Atomkraftwerk Cattenom in Lothringen
"Störfall für die gute Nachbarschaft"
Die umliegenden Länder streiten über das Atomkraftwerk Cattenom in Lothringen / Meiler wird gerade von der EU geprüft.
Im Abstand von einigen Wochen wiederholen sich die Bilder. Zuweilen sind es mehrere hundert, manchmal mehrere tausend Demonstranten, die seit der Katastrophe von Fukushima zum grenzüberschreitenden Protest gegen das französische Kernkraftwerk Cattenom in Nordlothringen mobil machen. Mal in Luxemburg, mal im saarländischen Grenzort Perl und mal in Cattenom selbst wird gegen die dortigen vier Reaktoren mit einer Gesamtleistung von 5200 Megawatt marschiert. Als einer der Hauptorganisatoren der Demos bezeichnet der saarländische Bund für Umwelt und Naturschutz den riesigen Atommeiler als "permanente Provokation der Grenzregion".
Die Nordostecke Frankreichs, Luxemburg, Trier und das Saarland durchleben eine Phase politischen Aufruhrs. Dass Nukleargegner und ihre Bürgerinitiativen aus diesem Landstrich seit Fukushima vermehrt Aktionen gegen Cattenom starten, ist nicht verwunderlich. Aufregend ist etwas anderes: Auch Parlamente und Regierungen auf regionaler und lokaler Ebene machen inzwischen mit Unterstützung ehemaliger Nuklearbefürworter aus dem konservativen und liberalen Lager Front gegen Cattenom.
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In diesen Reaktoren sieht der EU-Parlamentarier Jo Leinen (SPD) aus Saarbrücken einen "Störfall für die gute Nachbarschaft". Was vor Fukushima undenkbar war: Der Saar-Landtag fordert fraktionsübergreifend die Stilllegung der lothringischen Anlage. Für Umweltministerin Simone Peter von den Grünen ist Cattenom ein "akutes Sicherheitsrisiko". Oskar Lafontaine, Chef der Linken im Saar-Parlament, wettert, eine Nation dürfe ihre Atomanlagen nicht ohne Rücksicht auf die Nachbarn betreiben. Immerhin 70 000 Saarländer haben bei einer Unterschriftenaktion der Saar-Kommunen die Abschaltung der vier Reaktoren verlangt.
Im Namen zahlreicher Rathauskollegen in Luxemburg kritisiert Henri Knox, Bürgermeister von Remich, das Kernkraftwerk als Gefahr für das Großherzogtum. Geradezu sensationell ist indes dies: In Frankreich mit seiner proatomaren Philosophie gehen in Lothringen erstmals politische Verantwortungsträger auf antinuklearen Kurs. In einem interregionalen Parlamentarierrat, in dem Volksvertreter aus dem Saarland, Luxemburg und Lothringen sitzen, ließen die französischen Delegierten eine Resolution passieren, die für das Aus von Cattenom plädiert, so der Meiler den von Brüssel verfügten Stresstest bei den 143 EU-Kernkraftwerken nicht bestehen sollte: Zwei Abgeordnete aus Lothringen votierten für diesen von Saarländern und Luxemburgern getragenen Beschluss, vier enthielten sich.
Zwar ist in Cattenom 25 Jahre lang nichts passiert, auch wenn in dieser Zeit über 700 kleinere Zwischenfälle registriert wurden, die freilich ohne nukleare Auswirkung auf die Umwelt blieben. Aber Tschernobyl und Fukushima lehren, dass auch das eigentlich Undenkbare passieren kann. So geht in der Grenzregion die Sorge um, im Falle von Erdbeben, von Überschwemmungen der Mosel, von Abstürzen großer Flugzeuge, von Terrorangriffen oder von Stromausfällen samt dem Zusammenbruch von Kühlsystemen könne sich in dem Meiler ein großes Unglück ereignen.
Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagt: "Cattenom entspricht den Sicherheitsstandards Frankreichs", aber nach dem Super-GAU in Japan reiche das nicht mehr aus. Kann angesichts des geballten Widerstands die lothringische Anlage überhaupt noch eine Zukunft haben? Durchaus. Denn über Weiterbetrieb, Nachrüstung oder Abschaltung der Reaktoren wird nicht bei Demonstrationen und Parlamentsdebatten entschieden, sondern am grünen Tisch – nämlich auf der Basis der EU-Stresstests. Eine solche Kontrolle läuft derzeit auch in Cattenom, Paris hat sogar die Teilnahme eines Experten aus dem Saarland erlaubt. Das Gesamtergebnis dieser Prüfungen soll im Sommer 2012 veröffentlicht werden, für Cattenom werden erste Resultate im Dezember erwartet. Über eines dürfen sich Atomgegner keine Illusionen machen: Über die Bewertung von Sicherheitsdefiziten in dem lothringischen Kernkraftwerk wird die Pariser Regierung und letztlich Präsident Nicolas Sarkozy allein entscheiden. Brüssel kann nichts anordnen.
Was in Luxemburg und an der Saar gern übersehen wird: In Frankreich herrscht trotz Fukushima nach wie vor eine überwiegend nuklearfreundliche Stimmung. Die Region um Cattenom hat im Übrigen wirtschaftlich kräftig von dem Geldsegen der Betreibergesellschaft profitiert. Bei Protestaktionen stammt die Mehrheit der Teilnehmer aus dem Saarland, Trier und Luxemburg, die Lothringer machen nur eine kleine Minderheit aus. Die Wirkung solcher Demonstrationen auf Paris ist ohnehin begrenzt – eine für hiesige Atomkritiker natürlich frustrierende Erkenntnis.
Autor: Karl-Otto Sattler
