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11. November 2017

Im Labyrinth des Tigers

An der Grenze zwischen Indien und Bangladesch liegt der größte Mangrovenwald der Erde. Der Bau von neuen Dämmen und Industrieanlagen bedroht das Unesco-Welterbe /.

  1. Bizarre Landschaft: die Sundarbans. Spurensuche: Naturschützer und Filmer Tanjilur Rahman (rechts oben) Foto: waldorf27 (stock.adobe.com)

  2. Foto: Winfried Schumacher

  3. Foto: Soumyajit Nandy

  4. Artenvielfalt am trüben Wasser: reiche Tierwelt mit dem Tiger als Star Foto: Soumyajit Nandy(2)

  5. Foto: Winfried Schumacher

  6. Traditionelle Art der Jagd: Angeleinte Otter treiben Fische in ausgespannte Netze. Foto: Winfried Schumacher (3)

Die Fährte stammt von letzter Nacht", sagt Tanjilur Rahman und legt seine Hand neben den Pfotenabdruck im trockenen Uferschlamm. Deutlich zeichnen sich dort die mächtigen Pranken eines Tigers ab. Eine Schleifspur ins Gebüsch lässt erahnen, was sich an dieser Stelle wohl erst vor wenigen Stunden abgespielt hat. Die Raubkatze muss einen Axishirsch überrascht und in die Mangroven gezerrt haben. "Die Hirsche sind seine Hauptbeute", sagt der Tierfilmer.

Es ist noch früh am Morgen und der Wald schweigt. Aus einiger Entfernung sieht ein Silberreiher zu, wie der kleine Mann mit dem ergrauten Rauschebart entlang eines zur Ebbe freigelegten Uferstreifens wandert. Wo ist der Tiger? "Er kann uns vielleicht gerade sehen, aber wir bekommen ihn höchstwahrscheinlich nicht zu Gesicht", sagt Rahman. "Die Tiere sind einfach zu schlau und perfekt getarnt."

Der Bangladescher Naturschützer filmte unter anderem für die BBC und den Discovery Channel die äußerst seltenen Raubkatzen. Jahrelang begleitete er sie durch einen für Menschen kaum zugänglichen Lebensraum. "Einige Kameramänner gaben schon nach den ersten Metern im Schlamm auf", sagt er, "ich selbst war manchmal einen ganzen Monat lang unterwegs, um brauchbare Szenen einzufangen."

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Mehr als 400 Königstiger sollen in den Sundarbans leben, die größte zusammenhängende Population überhaupt. Naturschützer wie Rahman bezweifeln die offiziellen Zahlen. Sie glauben, dass nur noch weniger als die Hälfte durch das Labyrinth aus Dschungel und Meer streifen. "Die Wilderei nimmt in den letzten Jahren überhand", sagt Rahman. "Wenn nicht etwas Drastisches passiert, werden wir in 30 Jahren keine Tiger mehr haben."

Die Sundarbans an der südlichen Grenze zwischen Indien und Bangladesch im Mündungsgebiet des Ganges und Brahmaputra bilden den größten Mangrovenwald der Erde. Sein Name wird von den nur dort vorkommenden Sundaribäumen abgeleitet und bedeutet auf Bengalisch "Schöner Wald". Mehr als 10 000 Quadratkilometer umfassen die Mangroven des Deltas. Etwa 60 Prozent des Unesco-Welterbes gehören zu Bangladesch. Es ist eine unzugängliche Welt, die allein den Gesetzen der Gezeiten, des Monsuns und den Hochwassern der großen Ströme gehorcht.

Wenn Rahman mit dem Motorboot immer tiefer durch die verästelten Arme des Mangrovendschungels vordringt, glaubt man, in eine vom Menschen unangetastete Wildnis aus Wasser und Wald einzutauchen. "Innerhalb von sechs Stunden kann das Wasser bis zu viereinhalb Metern steigen", sagt Rahman, während er in seinem Boot in einen natürlichen Kanal einbiegt. "Das stellt die Fauna und Flora vor ungeheure Herausforderungen."

Wer mit Rahman durch die Sundarbans reist, lernt einiges über ein hochkomplexes Biotop im Wechsel der Gezeiten. "Mangrove ist nicht gleich Mangrove", sagt Rahman. Es gibt mehr als 60 Arten, die alle ihre eigene Nische besetzen." Aus Millionen kleiner Löcher lugen winzige Krabben. "Ihre unterirdischen Gänge sind wie Sauerstoffadern für die Mangroven", sagt Rahman. "Wir können nicht einfach nur sagen: Rettet die Tiger – und dabei die Krabben ganz vergessen. Alles hängt miteinander zusammen."

Durch das enorme Bevölkerungswachstum rund um das Schutzgebiet sind die Sundarbans zunehmend bedroht. Immer mehr Wilderer dringen in das Schutzgebiet ein und jagen Hirsche und Tiger. "Nur etwa 150 Wildhüter sollen ohne moderne Ausrüstung ein Gebiet von 6000 Quadratkilometern überwachen", sagt Rahman, "wie soll das funktionieren?" Gleichzeitig bedroht illegaler Holzschlag und die industrielle Garnelenzucht das Ökosystem.

Von der Gabelung eines Wasserwegs tönt ein aufgeregtes Quieken. Eine Gruppe Fischer hat auf einen Holzkahn einen Käfig aus Bambusstäben geladen. An zwei Angeln haben sie Fischotter angeleint. Einige weitere Tiere schwimmen daneben frei umher. Spielerisch treiben sie sich durch das trübe Wasser. Seit Jahrhunderten wurden in Südasien Otter zur Fischerei eingesetzt. Heute ist diese traditionelle Art der Jagd nur noch in den Sundarbans lebendig. Die Otter jagen Fische in ein ausgespanntes Netz, das blitzschnell ins Boot gezogen wird. Nur die großen Fische werden eingesammelt. Beifänge verfüttern sie als Lohn an ihre Tiere. So gilt das Jagen mit Ottern – im Gegensatz zur industriellen Fischerei – als ausgesprochen nachhaltig.

"Es sind nur noch wenige Familien, die Otter halten", sagt einer der Fischer im grünen Lungi, dem traditionellen bengalischen Wickelrock, "es ist harte Arbeit und viele aus unserem Dorf sind längst auf moderne Netze umgestiegen." Wie viele Bewohner der Sundarbans klagt er über die Wasserverschmutzung und den Rückgang der Fischbestände. "Früher kamen wir mit vollen Booten nach Hause, heute sind wir viel länger unterwegs und holen doch weniger Fische aus dem Wasser. Die Jungen suchen sich lieber anderswo Arbeit, wo sie schneller Geld verdienen können."

Die einheimischen Fischer haben über Generationen gelernt, die Sundarbans zu bewahren. Anderswo scheint man den Ernst der Lage nicht zu erkennen. "Was hilft es, wenn wir uns Unesco-Welterbe nennen können, aber niemand die Zerstörung aufhält?", fragt Rahman.

Immer wieder kritisieren Naturschützer den Bau von neuen Dämmen und Industrieanlagen entlang des Ganges und Brahmaputra. Zuletzt sorgte der Plan, ein neues Kohlekraftwerk am nördlichen Rand der Sundarbans zu bauen, für scharfe Proteste. Demonstranten in der Hauptstadt Dhaka wurden mit Wasserwerfern auseinandergetrieben. "Die Sundarbans gehören nicht Bangladesch allein", sagt Rahman. "Wenn wir den Mangrovenwald zerstören, hat das Auswirkungen auf die ganze Welt."

Am südlichen Rand der Sundarbans steuert am nächsten Morgen Malcolm Turner ein Schlauchboot in einen Seitenarm des Deltas. An Bord hat der australische Biologe Touristen aus aller Welt. Sie sind mit einem Expeditionsschiff über Sri Lanka und die Andamanen nach Bangladesch gekommen. Die Silver Discoverer ist das erste Kreuzfahrtschiff überhaupt, das die Sundarbans ansteuert. Vorne im Boot sitzt ein einheimischer Wildhüter mit buschigem Bart und einem Holzgewehr im Anschlag – der Tiger wegen. Man weiß ja nie.

Noch liegt Dunst über dem Mangrovenwald. Nur langsam kriecht die milchgelbe Sonne aus den Wipfeln der Sundarbäume. Aus dem Ufergestrüpp tönt ein heiseres Krähen. "Nein, kein naher Hühnerhof", scherzt Turner, "wilde Bankivahähne, die Ahnen unserer Haushühner." Als versierter Ornithologe hält er mit dem Fernglas Ausschau nach seltenen Vögeln. Mehr als 270 Arten kommen in den Sundarbans vor.

An Bord der Silver Discoverer hielt Turner vor Ankunft in den Sundarbans einen Powerpoint-Vortrag über das bedrohte Welterbe. An die Wand warf er apokalyptische Bilder von verendeten Wasservögeln und Delfinen nach einer verheerenden Ölkatastrophe in dem Schutzgebiet. Ein Tanker war im Dezember 2014 mit einem anderen Schiff zusammengestoßen. Ein großer Teil der 350 000 Liter Schweröl an Bord breitete sich entlang der Küste der Sundarbans aus. Die Flut trug den schwarzen Schlick bis in kilometerweit entlegene Mangrovenarme.

Turner arbeitete mehr als 30 Jahre für verschiedene Meeresschutzgebiete in Australien und war am Great Barrier Reef unter anderem für die Überwachung der Seevögelbestände und den Kriseneinsatz bei Schiffsunglücken zuständig. Als Gesandter der australischen Regierung beriet er auch bei Tankerunglücken im Ausland und half bei der Erstversorgung von verölten Meeresvögeln.

"Es fällt schwer, bei dem zunehmenden Druck auf die Meere ein Optimist zu bleiben", sagt der Biologe, "gerade die Mangroven werden immer weiter zerstört, obwohl wir wissen, wie bedeutend sie für den Schutz vor Stürmen und Überschwemmungen sind. Auch in den Sundarbans nimmt der Schiffsverkehr zu und damit das Risiko für weitere Katastrophen."

Plötzlich taucht die Rückenflosse eines Delfins auf. Turner schaltet den Motor aus. "Es ist ein Gangesdelfin", ruft er begeistert aus. Immer wieder erscheint der graue Körper für Sekunden an der Wasseroberfläche. Der blinde Delfin ist gerade auf Jagdzug. Seine Beute, Fische und Garnelen, erwischt er allein durch Echoortung. Er gehört zu den letzten seiner Art. Wahrscheinlich gibt es nur noch wenige hundert der Delfine in Südasien. Die meisten davon wohl in den Sundarbans. Einer seiner nächsten Verwandten, der Chinesische Flussdelfin, der einst überall im Jangtse und seinen Seitenarmen zu Hause war, gilt seit einigen Jahren als ausgestorben. Er hat die Industrialisierung und den Aufschwung Chinas nicht überlebt. "Nur wenige Menschen haben heute das Vorrecht, einen Gangesdelfin mit eigenen Augen zu sehen", sagt Turner. Bonbibi, die Schutzgöttin der Sundarbans, meint es an diesem Morgen besonders gut mit dem Biologen. Bei der Rückkehr zur Silver Discoverer kreuzt auf einmal auch noch eine Gruppe Irawadidelfine vor dem Boot auf. Wegen ihrer gedrungenen Körperform und den runden Köpfen werden die Tiere auch manchmal Flussschweine genannt. Auch diese Art gilt inzwischen als vom Aussterben bedroht. "Ich kann unser Glück kaum fassen", jubelt Turner. "Wir hatten zwei der seltensten Delfinarten im Fahrwasser. Was macht es da schon, das sich die Tiger nicht blicken lassen wollten."

Die Reise wurde unterstützt von

Windrose und Silversea Expeditions.

Sundarbans / Indien – Bangladesch

Anreise: Zum Beispiel mit Air India (http://www.airindia.com oder Sri Lankan
Airlines (http://www.srilankan.com über Neu-Delhi beziehungsweise Colombo nach Kolkata oder Dhaka. Von dort organisieren einheimische und internationale Veranstalter Touren in den indischen und
bangladescher Teil der Sundarbans.
Expeditionskreuzfahrten: Als erstes Kreuzfahrtschiff überhaupt machte die Silver Discoverer in den Sundarbans Station. 2018 stehen für die Silversea-Expeditionsflotte wieder einige Ersterkundungen auch im Golf von Bengalen auf dem Programm (http://www.silversea.com
Sundarbans-Touren: Pugmark Tours and Travels bietet als eines der wenigen einheimischen Ökotourismus-Unternehmen vom Tagesausflug bis zur zweiwöchigen Expedition verschiedene Touren in die Sundarbans an (Internet:
http://www.pugmarkbd.com
Windrose Finest Travel berät zu Kreuzfahrten und Expeditionen im Golf von Bengalen und stellt individuelle Touren zusammen (http://www.windrose.de
Auskunft: Bangladesh Tourism Board,
http://www.visitbangladesh.gov.bd  

Autor: vadq

Autor: Winfried Schumacher