Inferno und Beschaulichkeit

Claudia Diemar

Von Claudia Diemar

Sa, 23. Dezember 2017

Reise

Geschichte war gestern, heute herrscht Gemütlichkeit: Mürren im Berner Oberland hat sich seinen authentischen Charme bewahrt / .

Kurz nachdem der Zug den Bahnhof der Bundeshauptstadt verlassen hat und durch das noch topfebene Schweizer Mittelland spurt, tauchen die Berge einer Fata Morgana gleich am Horizont auf. Die Berner Alpen rücken näher: Bläulich schimmernde Gletscher, silbrig glänzende Felsschründe, vor allem aber viel jungfräuliches Weiß. Kein Wunder, dass der höchste Gipfel sich Jungfrau nennt.

Aber die Jungfrau ist nicht allein, sondern von zwei Kavalieren flankiert. Dem mächtigen Mönch und dem Eiger, einem Emporkömmling, der die Würde eines Viertausenders knapp verfehlt, sich dafür aber an den Alpinisten mit seiner berüchtigten Nordwand rächt.

"In der Schweiz ist übrigens alles schöner und besser", wusste schon Adolf Muschg. Es ist auch vieles teurer als anderswo, weshalb es gute Gründe geben muss, Helvetien die Treue zu halten – auch wenn der Wechselkurs inzwischen wieder gnädiger geworden ist. Die imposante Bergwelt des Berner Oberlandes ist jedenfalls ein guter Grund. Die Unesco hat die sinnbildliche Landschaft 2001 zum Weltnaturerbe "Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch" erklärt.

Eiger, Mönch und Jungfrau bilden wohl das beeindruckendste Gipfeltrio der Schweizer Berge. Und nirgendwo sind sie so perfekt in Szene gesetzt wie im Bergdorf Mürren, das auf einer Sonnenterrasse über dem Lauterbrunnental liegt. Wenn der Abend fällt, glüht das legendäre Dreigestirn zum Greifen nah in rosenrotem Licht. Wie gebannt muss man das felsige Wunder so lange anschauen bis die Sonne auch an den höchsten Zinnen erloschen ist.

Woher das Gipfeltrio seinen Namen hat? Ursula Jörg kann es erklären. Im Hauptberuf Kondukteurin bei der Jungfraubahn ist sie zuweilen auch als Skiguide im Pistengebiet von Mürren zu treffen. "Die Jungfrau hat ihren Namen von keuschen Nonnen, die Alpen am Fuß des Massivs bewirtschafteten. Der Mönch heißt nach den auch Münche genannten Wallachen, die einst auf Bergwiesen unterhalb gesömmert wurden. Und der Eiger trägt das germanische Wort für Speer in sich, weil er so jäh aufragt", erklärt die versierte Skifahrerin, bevor sie mit ihren Gästen talwärts schwingt.

Mürren liegt auf 1650 Meter und ist geprägt durch seine alten, von Wind und Wetter dunkelbraun gegerbten Holzhäuser. Die Chalets tragen putzige Namen wie Alpenglück, Bergfrieden oder Schneeflöckli, zuweilen nennen sie sich auch harmlos-kokett Bijou oder Cécile. Das Dorf ist autofrei und dennoch gut vom Tal aus erreichbar. Von Stechelberg geht es in zwei Sektionen mit einer Luftseilbahn nach oben, von Lauterbrunnen schwingt sich ebenfalls eine Bahn aufwärts zur Grütschalp, von wo ab ein kleiner Zug durch den Wald zum Dorf spurt. Parallel dazu verläuft ein fast ebener Winterwanderweg. Direkt am kleinen Bahnhof ragt das einst legendäre Palace-Hotel auf, dessen Türen jedoch seit Jahren geschlossen sind.

Mürren hat 430 Einwohner und etwa dreimal so viele Gästebetten. Das ist nicht viel für einen Wintersportort, der Pisten präparieren und Bahnen in Schuss halten muss. Manche der Aufstiegshilfen sind bislang Zweiersessellifte älterer Bauart, für die man sich etwas komfortableren Ersatz wünschen würde. Das Skigebiet ist mit seinen gut 50 Abfahrtskilometern überschaubar, verfügt aber über Herausforderungen, wie die Inferno-Abfahrt mit einem teilweise extremen Gefälle von 75 Prozent.

Das infernalische Schneeerlebnis, an das sich allein exzellente Skifahrer wagen sollten, führt nicht nur über vereiste Steilhänge, vorbei an schwindelerregenden Abgründen und durch enge Felsrinnen wie das Kanonenrohr, sondern auch in die glorreiche Vergangenheit von Mürren als Wintersportort. Wie in vielen anderen Schweizer Alpendörfern waren es auch dort ebenso solvente wie sportive Engländer, die einst den Skizirkus ankurbelten.

Die Briten sorgten dafür, dass die bereits 1891 eröffnete Mürrenbahn ab 1910 auch im Winter betrieben wurde. Dann geht es Schlag auf Schlag. 1912 wird die Standseilbahn vom Dorf hinauf zum Allmendhubel eröffnet, die als nostalgisches Relikt noch immer in Betrieb ist und auch gern von Winterwanderern genutzt wird, die von der Bergstation aus zurück ins Dorf marschieren. 1922 flaggt Sir Arnold Lunn in Mürren das erste Slalomrennen in der Geschichte des alpinen Skisports aus. 1928 macht sich eine Gruppe von unerschrockenen britischen Frauen und Männern mitsamt Skiern auf dem Buckel an die Besteigung des verschneiten Schilthorns. Von dort stürzen sie sich unerschrocken zu Tal: Das Inferno-Rennen ist geboren. Fast 2000 Teilnehmer sind jährlich dabei, Amateure genauso wie ehemalige Skiprofis.

Auch die ersten alpinen Skiweltmeisterschaften finden 1931 in Mürren statt. Im Jahr zuvor ist dort die erste Skischule der Schweiz gegründet worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt Mürren ein prominenter Platz. General Montgomery machte mehrmals Ferien, Konrad Adenauer bleibt 1955 sechs lange Wochen als Urlauber. Zu dieser Zeit wird auch über ein Straßenbauprojekt nach Mürren nachgedacht. Doch der damalige Kurdirektor Sautter erweist sich als Visionär: "Die Zukunftsmenschen brauchen bei ihrem rasenden Lebenstempo Erholung in höchster Potenz."

So durfte Mürren autofrei bleiben, was bis heute den Charme des Bergdorfes ausmacht. Aber von den glanzvollen Zeiten der Grandhotels und ihren mondänen Gästen ist kaum etwas übrig. Nur das stilvolle, aber etwas angestoßene Hotel Regina trotzt dem Ende einer Ära. Als es vor wenigen Jahren geschlossen werden sollte, wurde es von einem guten Dutzend Stammgästen gekauft und seither behutsam renoviert. Das wie aus der Zeit gefallene Haus hat herrliche Gesellschaftsräume, doch nur wenige Zimmer verfügen über ein eigenes Bad. Dafür sind die Übernachtungspreise für Schweizer Verhältnisse geradezu bescheiden. Denn der für den Tourismus verheerende Anstieg des Frankenkurses macht die Situation auch für Mürren nicht besser. Immerhin sind die Gästezahlen im Sommer und Winter in etwa gleich, was verhindert, dass das Dorf außerhalb der Skisaison verwaist.

Im Sommer weiden große Herden von Schafen im Gebiet des Blumentals. Im Winter kann man ihre wunderschön gegerbten Felle in der Dorfmetzgerei kaufen.

Die exotischsten Plätze in Mürren sind der exzellente chinesische Take-away von Herrn Kheong Tham und das Sportgeschäft "Exile on Main Street", das sich zudem als "Erstes Snowboardmuseum Europas" versteht. So ist Mürren heute ein gänzlich unaufgeregter Ort ohne großes Remmidemmi, der vor allem bei Stammgästen beliebt ist.

Eine Ausnahme ist allenfalls das Schilthorn, das zu jeder Jahreszeit Scharen von Tagesgästen anzieht. 1966 wurde die Seilbahn zum Gipfel fertiggestellt, bald darauf der Platz als ideale "Location" für den Bond-Film "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" entdeckt, wofür der Gipfel freilich den klangvolleren Filmnamen "Piz Gloria" erhielt. Der Australier George Lazenby hatte in dieser Episode seinen einzigen Auftritt als 007. Den Bösewicht spielte "Kojak" Telly Savalas, das Bond-Girl gab Diana Rigg, die allerdings noch nie auf Skiern gestanden hatte. Sie ist im Agentenstreifen daher auf der Piste stets nur von der Hüfte an aufwärts zu sehen. Mit dem Rest des Körpers steckte sie in einem Schlitten, der mit dem halsbrecherisch auf Spezialskiern rückwärts fahrenden Kameramann verbunden war.

Das halbe Dorf war damals als Statisten verpflichtet. Die für die Schlussszene künstlich ausgelöste Lawine wurde beinahe zur tödlichen Falle für die Schauspieler.

2013 eröffnete man auf dem Schilthorn die "Bond World 007", die als interaktives Museum den Streifen aufleben lässt. Man kann dort etwa virtuell im Bond-Bob zu Tal rasen. Selbst auf den Toiletten ertönen Schüsse und 007 erscheint als charmant lächelndes Gegenüber im Spiegel. "Drei Stunden kann man sich ohne weiteres in der Bond-World aufhalten, ohne dass einem langweilig wird", sagt Skilehrerin Ursula Jörg. Das macht sie auch an Schlechtwettertagen zum Erlebnis. Im Drehrestaurant, im Film der Salon des Bösewichtes, trifft man sich heute auf einen 007-Burger oder zum Brunch.

An klaren Tagen ist das Panorama atemberaubend genug. Mehr als 200 Gipfel sind rundum aufgestellt. Natürlich ist auch das sagenhafte Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau dabei. Und wer die Geschichten um ihre Namensgebung noch nicht gehört hat, kann sie dort oben wortwörtlich auf Knopfdruck erfahren. Für Könner bleibt als ultimativer Thrill die rabenschwarze Inferno-Abfahrt über fast 16 Kilometer hinunter ins Tal.

Die Reise wurde unterstützt von

von Schweiz Tourismus.