Reise

Mit der transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland

Andreas Drouve

Von Andreas Drouve (dpa)

Sa, 01. Dezember 2018 um 22:11 Uhr

Reise

Eisige Träume: Wer im Winter mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland reist, erlebt wahre Märchenlandschaften – und manche Überraschung.

Das ist das wahre Russland da draußen", sagt Konstantin Tsarkovsky und schaut durch die schlierigen Zugfenster. Schier endlos ziehen Birken- und Nadelholzwälder vorbei, verstreute Siedlungen, Mosaike aus zusammengeduckten Häuschen, versunken im Winterweiß. Kiefernzweige biegen sich unter der Last des Schnees, der hier zwischen Kirow und Jekaterinburg die Hälfte des Jahres die Landschaft beherrscht, von Oktober bis April.

Konstantin ist mit der Transsibirischen Eisenbahn auf dem Weg zu seinen Eltern, von Moskau nach Kemerowo in Sibirien, mehr als 3000 Kilometer in seine Heimatstadt. Gebucht hat der 26-Jährige die Holz- oder besser gesagt die Pritschenklasse: vier Dutzend Leute in einem Großraumwagen. Die Geschlechter sind gemischt. Laken und Wolldecken werden gestellt. Es herrscht ein ständiges Hin und Her, von irgendwoher durchdringt eine Schnarchserenade die stickige Abteilluft.
Transsibirische Eisenbahn im Winter
Die Transsibirische Eisenbahn ist mit 9288 Kilometern die längste Eisenbahnstrecke der Welt, mit mehr als 400 Bahnhöfen zwischen Moskau und Wladiwostok.

Veranstalter: Anbieter der Winter-Zugfahrt im "Zarengold" ist Lernidee Erlebnisreisen in Berlin, Tel. 030/786 00 00, E-Mail: team@lernidee.de, http://www.lernidee.de
Alternativ können Reisende in einem gewöhnlichen Abteil der Transsib mitfahren, was um ein Vielfaches günstiger ist, auch Teilstrecken sind möglich; Infos: z. B. http://www.transsibirische-eisenbahn.de


Visum:
Der Veranstalter Lernidee hilft bei der Besorgung des kostenpflichtigen Russland-Visums. Den Online-Visumantrag muss man selbst stellen. Obligatorisch ist der Abschluss einer Auslandskrankenversicherung.

Bekleidung: Ins Gepäck gehören Daunen-/Skijacke, Skihose/gefütterte Hose, Mütze mit Ohrschutz, Thermo-Unterwäsche, Handschuhe, Schal, Wollsocken und winterfestes Schuhwerk. Keine Kleidungsetikette an Bord, man reist so bequem wie möglich, durchaus in Jogginghose.

"Zur Ruhe komme ich hier nicht", erzählt der Produktmanager, der gut Englisch spricht und seinen Ebook-Reader mit reichlich Material versorgt hat. Das Handy setzt er sparsam ein. Es gibt keine Steckdosen zum Aufladen, ebenso wenig wie Duschen. Für sein Land wünscht er sich Billigfluglinien. Die Tour hat ihn umgerechnet 70 Euro gekostet. "Akzeptabel", findet er. Dafür ist Konstantin zweieinhalb Tage unterwegs und muss sich mit seinen 1,93 Metern in eine zu kurze Koje zwängen. "Aber es geht irgendwie."

Dass ganz hinten an den Linienzug zwei "Zarengold"-Sonderwaggons angehängt sind, in denen Touristen zu einem Vielfachen des Preises reisen, um "Winterträume auf der Transsibirischen Eisenbahn" zu erleben, weiß Konstantin nicht. Dort hinten sind die Scheiben geputzt. Nur registrierte Gäste haben Zugang. Freundliche Mitarbeiterinnen machen die Betten in den Kabinen, servieren Getränke, saugen die Teppichböden.

"Einmal Fallschirmspringen, einmal mit der Transsib fahren", so bringt Rita Haller, pensionierte Realschuldirektorin aus Freiberg, ihre beiden Lebensträume auf den Punkt. Den ersten hat sie sich erfüllt, der zweite wird im "Zarengold" gerade Realität. Dabei war für sie und ihren Mann Hans-Peter von Beginn an klar, dass es eine Reise während der kältesten Jahreszeit sein musste. "Bei uns Zuhause ist ja oft Sudelwetter, hier erlebt man noch einen richtigen Winter", sagt die 66-Jährige. Ihr Vater war Lokführer, daher die besondere Beziehung zu Bahnreisen. "Außerdem gibt es im Winter garantiert keine Mücken", sagt Rita Haller.

Die Reise in der Transsib führt in den weiten Osten, durch fünf Zeitzonen von Moskau nach Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei. 6305 Kilometer im Zug, ergänzt durch Hotelaufenthalte in Städten, Busausflüge, eine Wodkaprobe und eine Pferdeschlittenfahrt durch den Winterwald. Zum ultimativen Abhärtungstest gerät das Schneewälzen nach einem Saunabad. Dagegen setzt ein Klassikkonzert in einer historischen Stadtvilla in Irkutsk einen kulturellen Höhepunkt. Stehen die Räder still, werden die "Zarengold"-Waggons vom Regelzug ab- und für die nächste Etappe an einen anderen angekoppelt.

Moskau gibt den Appetizer der Tour, besonders schön zur Weihnachts- und Neujahrszeit, wenn die Einkaufsstraßen glitzern. Startpunkt der Transsib ist der Kopfbahnhof Yaroslavsky mit seiner Fassadenpracht. Bahnhöfe sind Perlen der russischen Architektur, säulenschwere Melangen, irgendwo anzusiedeln zwischen Theatern und Palästen. Das ist in Krasnojarsk nicht anders als in Irkutsk.

Als Überraschungseffekt in Nowosibirsk kommt hinzu, dass ein Teil einer Durchgangshalle als Art Botanischer Garten aufgemacht ist. Draußen Temperaturen um 20 Grad unter Null, drinnen steht man schwitzend vor Kübeln mit übermannshohen Palmgewächsen.

Sibiriens legendäre Kälte schreckt die Jüngste der Zarengoldler nicht: Patricia Schüler, 21, Studentin in Hamburg und auf Einladung ihrer Großeltern dabei. In Lappland hat sie einen ähnlichen Megafrost erlebt. Die größte Sorge der Hobbyfotografin gilt ihrem Vorhaben in der Mongolei: Wird es ihr nachts fern von Lichtkontamination glücken, die Milchstraße aufs Bild zu bannen? Dafür hat sie sich extra zwei lichtstarke Objektive besorgt.

Auch Marianne Riedel, 68, einstige Verwaltungsangestellte aus Berlin, blickt erwartungsvoll auf die Mongolei. Dort fakultativ in einer Jurte zu übernachten, einem Wohnzelttyp, wie ihn seit alters her die Nomaden nutzen, hat für sie den Ausschlag gegeben, die Tour anzugehen. Dabei folgt sie quasi ihren eigenen Spuren. Vor drei Jahrzehnten ist sie schon einmal im Winter in der Transsib unterwegs gewesen, hat sich mit Ausblicken auf gleißende Märchenlandschaften der Taiga durchruckeln lassen und die fesselnde Monotonie der Eiswildnis in sich eingesaugt. Bis heute ist dieses Erlebnis um Längen einsamer als die Zugfahrt im Sommer, wenn viel mehr Touristen auf Achse gehen.

Klar, dass in den frostüberzogenen Weiten die Farbe Weiß dominiert und Eisblumen an den Zugfenstern wachsen statt Rhododendren und Trollblumen in der Natur. Klar ist auch, dass sich Reisende niemals so sehr wie im Winter die Frage stellen: Wie können es Menschen in Sibirien dauerhaft aushalten? Eine Antwort lautet: Wahrscheinlich nur, weil sie Arbeit haben. In Raffinerien und Holzbetrieben, der Rüstungsindustrie, im Eisenbahnwesen, im Bergbau. Doch das ist vor allem die Perspektive des auswärtigen Besuchers.

Frage an Tatjana Schuganzewa, eine ehemalige Bankfilialleiterin, die in der Nähe von Irkutsk mit Mann Sergei und Sohn Denis Gäste im eigenen Haus bewirtet: Empfindet sie das Leben mit den langen, harten Wintern nicht als bedrückend? Man erntet erstaunte Blicke. Tatjana liebt diese Kälte. Die 59-Jährige mag das Knirschen des Schnees unter den Sohlen, die Wintersonne. Und die kurzen, intensiven Sommer. "Dann ist hier das Paradies", sagt sie. "Sibirien ist mein Leben. Sibirien bedeutet für mich Freiheit." Sie spricht von der "Weite der Seele", als wäre es ein Spiegel der Landschaft.

Dauerthema für Fremde ist und bleibt die Witterung. Unterwegs, auf der Übernachtfahrt nach Irkutsk, sackt die Quecksilbersäule auf den Reiserekordwert von minus 31 Grad ab. Den Tag über hält sich niemand länger als nötig im Freien auf, auch nicht auf Komforttrips. Ohne Kopf- und Ohrschutz geht ohnehin nichts.

Die prächtigsten Stücke tragen Schornsteinfegermeister Andreas Piche und seine Frau Sigrid: monumentale Fuchsfellmützen, erstanden von einem fliegenden Händler beim Halt im Bahnhof von Barabinsk. Zieht man die Handschuhe aus, um zu fotografieren, schmerzen sofort die Finger. Nach zwei, drei Tagen empfindet man die Kälte allerdings gar nicht mehr als so grausam – denn die Luft ist trocken.

Der Baikalsee, der sich wie ein Binnenmeer ausbreitet, ist eines der magischsten Gewässer der Welt. Welch ein tiefes, durchdringendes Blau! Der Winter entfaltet dort seinen besonderen Reiz. Die Stege am Ufer von Listvyanka tragen lange Eiszapfen. Bei einer Schiffstour schneidet der Wind den Härtesten auf dem Oberdeck unerbittlich ins Gesicht, während sich der Bug des Bootes durch Dampfteppiche schiebt, die von der Wasseroberfläche aufsteigen. Ende Januar ist der Baikal komplett zugefroren.

Eine Sesselliftfahrt in die Berge nahe Listvyanka ermöglicht den Perspektivwechsel. Spätestens hier, inmitten tief verschneiter Zauberwälder und von einem Aussichtsthron mit Fernblick über den See, werden die erhofften Winterträume wahr. Zwei Tage später noch mehr Zauber, bei der Zugfahrt am Südsaum des Baikal entlang. In Ulan-Ude löst sich die Strecke der Transmongolischen Eisenbahn von der klassischen Transsib und nimmt Kurs auf die Mongolei. In Ulan Bator, der Endstation, liegt Feuerrauch von Kohle- und Heizöfen über der Stadt. Gedanken an Dschingis Khan flammen auf.

Ein letzter Ausflug führt in die "mongolische Schweiz", die Gebirgswelt des Nationalparks Gorkhi-Terelj. Dort, im touristischen Jurtencamp, zittert sich Marianne trotz Ofens und kompletter Montur unter der Zusatzdecke durch die Nacht und findet kaum Schlaf. Jungfotografin Patricia scheitert mit ihren Milchstraßenfotos: Schneefall, keine Sicht. Tags darauf entschädigt der Spontanbesuch bei einer Nomadenfamilie, die einige Hundert Tiere besitzt, meist Kaschmirziegen und Schafe, und zwei erstaunlich komfortable Großjurten als Winterlager. Im Innern bieten die Gastgeber Platz auf Sofabetten und vergorenen Milchbrandwodka. Im Hintergrund flimmert der Flachbildschirm. Ein Stückchen wahre Mongolei zum Abschied.