O Kohle mio!

Stephan Brünjes (Text & Fotos)

Von Stephan Brünjes (Text & Fotos)

Sa, 15. September 2018

Reise

Willkommen in Lottokönigshausen: Vor 20 Jahren knackten 99 Tipper im italienischen Urlaubsort Peschici den damals größten Jackpot Europas. Eine Spurensuche / .

Unfassbar: 63 Milliarden-601 Millionen-317 Tausend-und-318 Lire. Diese Zahl haben sie sich in Stein meißeln lassen. Der bis dahin größte Lottogewinn Europas als Kopie des Überweisungsschecks an der Wand des Hauses Nr. 4 im Corso Umberto I: Mammon in Marmor. Darüber der ebenfalls versteinerte Tippschein mit den sechs Richtigen samt Erklärung: "In diesem Kiosk hat am 31. Oktober 1998 die Göttin mit den verbundenen Augen 99 Spieler geküsst und so dem ganzen Dorf Peschici 63 Milliarden geschenkt." Umgerechnet 32 Millionen Euro, gut 300 000 für jeden. O Kohle Mio!

Die Sonne lässt mildes, warmes Nachmittagslicht in die unscheinbare Seitengasse fallen, auf die Enotheka, auf die fleischfarbenen Plastikstühle des Cafés Roxy gegenüber und die grünen Holz-Blendläden am Lottokiosk. Der müsste eigentlich längst offen haben, um kurz nach vier. Immer mehr Männer stromern nervös davor auf und ab, nehmen noch einen Espresso in der Bar Gelateria Centrale.

Endlich, die Kiosktür schwingt auf. Im Nu sind alle Wartenden drin, greifen nach Lottoscheinen oder tippen online am Terminal. Auch 20 Jahre nach La Vincita (der Gewinn), wie sie den Riesenreibach dort nennen, ist Goldgräberstimmung spürbar zwischen rosa Plastikspielzeug, Radiergummis, Kulis und deutschen Zeitungen. Mille Cose (tausend Sachen) heißt der Laden, zugleich Börse für neuesten Dorftratsch. Fernando de Nittis, der grauhaarige Besitzer, eben noch die lauteste Stimme im Palaver, wird – nach dem Lottogewinn gefragt – plötzlich einsilbig. Darüber wisse er nichts, am PC habe sein Schwager damals das Gewinnsystem ausgetüftelt, aber der sei schon ein paar Jahre tot. Einige Stammkunden vorm Tresen lächeln vielsagend.

Es ist ein offenes Geheimnis in Peschici, dass nicht der Schwager, sondern Fernando selbst die treibende Kraft war. Dass er das ganze Dorf von seinem Systemtipp mit unzähligen gleichen Zahlenreihen für alle überzeugen wollte und jedem die Anteilsscheine aufschwatzte, trotz minimaler Gewinnchance von 1:622 Millionen. Am Ende stand Fernando als größter Gewinner da, weil er auf einigen seiner Tippscheine mit sechs Richtigen sitzen geblieben war und deren Gewinne selbst einstrich. Eine ganze Ferienanlage kaufte sich de Nittis, spricht aber nicht gern drüber. Vielleicht, weil kurz nach dem Lottogewinn Schutzgelderpresser in Peschici gewesen sein sollen? "Geht in die Via Castello", brummt er nur, "da wohnen reichlich Gewinner, einen davon werdet ihr schon treffen."

Die besagte schmale Gasse mit schneeweiß getünchten Fassaden und blauen Fensterläden ist nach der Castell-Ruine an ihrem Ende benannt, ebenso wie das Hotel nebst Ristorante. Ob er vom Lottogewinn wisse? Der Al Castello-Inhaber lächelt verschmitzt: "Klar, mein Sohn hat ja gewonnen, ich selbst auch." Und dann erzählt Luigi Fasanella Gewinnergeschichten. Die von Matteo Amato, Hotelbesitzer, Ferrari-Fahrer und ohnehin schon reichster Mann von Peschici: Eine CD kaufte er im Lottokiosk, zahlte mit großem Schein. Fernando de Nittis hatte angeblich kein passendes Wechselgeld, gab stattdessen einen Lottoschein heraus. Matteo habe abgelehnt, angebrüllt hätten die beiden sich, bis Matteo schließlich wütend mit dem ollen Tippzettel aus dem Kiosk gestampft sei. Kurz darauf war er um 300 000 Euro reicher. Ebenso wie das Pärchen aus Triest, wider Willen in Peschici auf Urlaub, weil’s mit London und Madrid nicht geklappt hatte. Seitdem kommen die beiden jedes Jahr zu all den anderen Glückspilzen: Michele, der Ex-Bademeister und heutiger Restaurantbesitzer etwa. Oder Nardino, der nun deutlich mehr hat als seine Minirente. "80 Prozent der 4000 Einwohner Peschicis haben mitgewonnen", sagt Luigi Fasanella, "die Familien hier sind ja fast alle miteinander verwandt." Der 75-jährige Al Castello-Inhaber hat sich ein paar Häuser in der Straße gekauft und ein schickes Boot, bewirtet weiter Gäste mit Bruscetta und gibt Kindern ehrenamtlich Nachhilfe.

Nicht jeder Gewinner ist auf dem Teppich geblieben. Geschichten über Halodris werden im Dorf erzählt, mit gesenkter Stimme, nicht selten mit einem Restaurant-Namen als heißer Spur. Filomena, die Chefin vom Pesatrice, habe zwar den Enkeln was spendiert, vor allem aber einen Großteil ihres Gewinns verbraten – im Lottoladen und an der Börse. Für einen schnellen Alfa und Reisen nach Südamerika soll Piero, einst Kellner vom Al Trabuco alles verpulvert haben – am Ende auch für reichlich Koks. Erst als alles Geld weg und er wieder zu Hause war, sei ihm klargeworden, was für ein Paradies dieses Peschici ist. Stimmt und wird übrigens auch ohne bewusstseinserweiternde Substanzen klar: Ganz außen am Sporn des italienischen Stiefels gelegen, oberhalb einer sichelförmigen Bucht, klebt das Dorf terrassenförmig auf einer Felsnase wie eine Postkartenkulisse.

100 000 Urlauber, die meisten davon aus Deutschland, braten dort jeden Sommer tagsüber in der Adria-Sonne an dem von Sonnenschirmen gesäumten Strand. Er liegt Peschici zu Füßen in einer Bucht mit einem kleinen Hafen und ist schon bei der Anreise auf der Landstraße für viele ein beliebtes Fotomotiv.

Viele Urlauber kommen gerne in den letzten Wärmewochen des Herbstes und schauen auf dem Weg nach Peschici an einem der populärsten Wallfahrtsorte Italiens vorbei: San Giovanni Rotondo, ebenfalls auf der Gargano-Halbinsel gelegen, ist einem der umstrittensten Heiligen des Landes gewidmet: Padre Pio, ein Mönch, soll schon zu Lebzeiten (1887–1968) die Wundmale Christi gehabt haben, wollte diese jedoch durch Ärzte des Vatikan nicht untersuchen lassen und machte sich dadurch verdächtig, dass er große Mengen Karbolsäure bestellte, die Hautverätzungen verursacht. Kaum verstorben, wurde er dennoch von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen. Heute pilgern sieben Millionen Gläubige jährlich in den kleinen Wallfahrtsort mit der von Stararchitekt Renzo Piano entworfenen Chiesa Nuova (neue Kirche). Wer den Massen dort entgehen will, sollte am besten die Siesta-Zeit nutzen.

Während dieser in der italienischen DNA verankerten Mittagsruhe ist Peschici quasi tot. Ab und zu huscht eine Katze übers heiße Kopfsteinpflaster der Via Castello, sucht Schatten hinter einer abgestellten Vespa. Gegenüber öffnet der örtliche Kramladen Mamma Mamma seine Türen. Dort lohnt es reinzuschauen, nicht nur um Limonolivo zu probieren. Diese lokale Schnapsspezialität aus Limonen, Orangen und Oliven wird gereicht zu leckeren Keksen. Auch den Schöpfer dieses hochprozentig erfrischenden Rachenputzers sollte man abpassen. Doch Mamma Mamma-Inhaber Elia Salcuni ist heute noch nicht da, denn bis 18 Uhr erledigt er seinen Erstjob als Gemeindebibliothekar – und zwar mit links. Umstellt von 7000 Büchern in Regalen, Stapeln und Haufen faltet Elia am Festnetztelefon gerade einen Weinhändler zusammen, der seinen Laden nicht rechtzeitig beliefert hat. Parallel wird Elia selbst am Handy gefaltet – von seiner furiosen Frau, weil er vergaß, Mineralwasser für die Familie zu kaufen. Nebenbei verleiht er noch kurz ein Buch.

Stress? Keine Spur! Auf die Frage nach dem Lottogewinn strahlt der kleine, füllige Mann in Schmuddelpulli und Schlabberjeans durch seine schmierige Glasbaustein-Brille und redet für die nächste Stunde wie ein zu schnell laufendes Tonband mit defekter Stopptaste. "Si, si", er habe auch gewonnen – 300 000 Euro wie die anderen, dann im Jahre 2007 noch mal 100 000 Euro und in einer TV-Show weitere 80 000.

Einen Fiat Punto habe er seiner Frau vom ersten Gewinn gekauft und sich einen Ferrari. "Los, anschauen, draußen vor der Tür!" Elia geht vor dem vergitterten Bibliotheksbunker über die Straße, posiert neben einem tannengrünen, dreirädrigen Pritschentransporter und freut sich diebisch über die Fragezeichen in den Gesichtern seiner Besucher: Ferrari?

So nennt Elia dieses typisch italienische Gefährt namens Ape und sagt, es reiche ihm, weiteres Geld habe er lieber in die Ausbildung seiner Töchter gesteckt. "Das wollte mein Bruder auch", erzählt Elia weiter – er hat im Lottoladen Schreibhefte für seine Kinder gekauft, aber keines der Lose, die Fernando ihm immer wieder anbot. Standhaft blieb auch ein junger Mann, gönnte seiner Verlobten kein Los. Sie brannte bald danach mit einem der Lottogewinner durch.

Elia kennt alle Geschichten der Unglücksraben im Glücksdorf: Die von den Carabinieri etwa. Ein Jahr lang tippten sie jede Woche mit – nur in der entscheidenden vergaßen sie es. Matteo, ein Junge aus Peschici tat es, kaufte sich abends kurz vor acht Uhr am Ziehungssamstag gleich vier Tippscheine, wurde dafür von seinen Freunden für verrückt erklärt und gab die Zettel um kurz nach acht wieder bei Fernandos Schwager Domenico zurück. "Da lief die Ziehung schon live im Fernsehen", sagt Elia, "Domenico hat gesehen, dass da mindestens zwei, drei Richtige in seinem Systemtipp sind..." Aber dass die Unglücksraben und viele andere gar nicht oder nicht im richtigen Moment mitmachten, dafür hat Elia Verständnis: "800 Euro verdiene ich als Bibliothekar, 100 davon habe ich jeden Monat in den Lottoladen getragen – völlig verrückt!" Plötzlich muss Elia dringend los. Zum Lottoladen. Die Pferdewetten laufen.