Winzer in der Grafschaft Kent

Sparkling Wine aus England

Verena Wolff

Von Verena Wolff (dpa)

Sa, 06. Oktober 2018

Reise

Die englische Grafschaft Kent im Südosten von London setzt auf die Winzer: Touristen nutzen häufig eine Landpartie, um bei den Weingütern vorbeizuschauen.

Mitten in den Flitterwochen erreichte Henry Warde aus Westerham ein Anruf, der sein Leben verändern sollte. Am Telefon war sein Vater, der Besitzer der Ländereien in der englischen Grafschaft Kent, die seit acht Generationen in Familienbesitz sind. Er hatte Besuch von einem Champagnerproduzenten aus Frankreich, der Interesse am Land der Wardes hatte. "In der Champagne wird es langsam zu warm für die Trauben, die sie für ihr Produkt brauchen", erzählt der 42-jährige Henry. Also schaut sich mancher Produzent auf der anderen Seite des Ärmelkanals nach Land um.

"Die Erde bei uns ist ähnlich wie in Nordfrankreich, viel Kreide, die Wurzeln der Reben können tief in den Boden wachsen." So wie an der Côte des Blancs in der Champagne. Und der Klimawandel bringt wärmere Temperaturen mit sich, so dass sich die Trauben auch im britischen Klima wohlfühlen. Land verkauften die Wardes dem Franzosen nicht. Aber Henry begann darüber nachzudenken, selbst Wein anzubauen. "2006 haben wir schließlich die ersten Reben, die wir in Deutschland einkauften, gepflanzt", erzählt er. Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier: die Sorten, die man zur Herstellung von Champagner braucht.

Doch so darf sich nur der Schaumwein nennen, der aus der französischen Champagne kommt. Das Produkt von Henry Warde heißt deshalb schlicht Sparkling Wine, Schaumwein. In Weiß und in Rosé stellt er ihn her, nach der traditionellen Methode der Franzosen, der Flaschengärung. Und obwohl der Squerryes Brut noch sehr frisch auf dem Markt ist, ist er schon eine Nummer auf der Karte der britischen Weinproduzenten und hat verschiedene Preise gewonnen.

Doch Henry will nicht nur guten Wein machen – er hat auch die Sache mit dem Marketing verinnerlicht. Schließlich besitzt er dieses große alte Haus, das wunderschön in einem parkähnlichen Garten liegt. Mit ein paar Zimmern voller Gemälde der Ahnen. Er öffnet die Pforten und kredenzt neben dem eigenen Champagner im Wohnzimmer der Wardes auch Geschichten der Vorfahren, die eine bewegte Vergangenheit haben und deren Wahlspruch "Licet Esse eatis" – "Erlaube dir, fröhlich zu sein" seit mehr als 250 Jahren Bestand hat. Dieses Gesamtpaket, Schaumwein plus Winzer und Geschichte, das will Henry Warde in Zukunft verkaufen.

Damit hat er anderen Weingütern zumindest einiges voraus. Deren Besitzer haben zwar viel Geld in die Hand genommen und Ländereien gekauft, Reben gesetzt und machen nun ihre Weine, schäumend oder nicht – doch der Titel und die adeligen Ahnen fehlen weitgehend. Die Anzahl der Winzer ist übersichtlich, allerdings wachse sie langsam mehr, auch nördlich des 50. Breitengrades. Dort wuchsen bis vor wenigen Jahren nämlich gar keine Reben.

Die Grafschaft Kent im Süden des Königreichs ist vor allem als der "Obstgarten Englands" bekannt – oder für die Kreidefelsen von Dover und das altehrwürdige Canterbury. Äpfel und Birnen, Kirschen und Erdbeeren – das sind die Früchte, die das Land im Südosten Englands vor allem hervorbrachte. Zudem Felder, Wälder, Kühe und Schafe. "Das Obst wird durch die kühleren Temperaturen später reif, dadurch bekommt es aber mehr Sonne mit und hat erstklassige Aromen", sagt Henry.

Doch vor allem die Äpfel waren eine Weile mehr Fluch als Segen, als die Apfelpreise stark sanken und die Gärten nicht mehr genügend einbrachten. Ende der 1960er-Jahre war das. Da probierte die Familie Barnes sich einfach an der Winzerei, denn mit den Äpfeln war kein rechter Staat mehr zu machen. Auf einer kleinen Fläche pflanzte man die ersten Reben und legte damit den Grundstein der Biddenden Vineyards. Heute wachsen hier elf verschiedene Sorten auf rund neun Hektar Land, die sich in einem Tal auf den sanften Hügeln am Ortsrand von Biddenden befinden.

Von Anfang an war das Unternehmen ein Familienbetrieb, und das ist es auch noch heute. Die Barnes stellen Wein und Sekt her, Säfte und den britischen Cider. An Ort und Stelle, direkt gegenüber dem Weinberg. Besonders bekannt sind die Barnes für ihren Ortega, eine Kreuzung der Müller-Thurgau und Siegerreben. "Dafür hat die Familie schon viele Preise gewonnen", sagt Jenny, die hinter dem Tresen des kleinen Shops steht und die Besucher mit Weinen und Säften versorgt. Weitere Sorten, die sie auf den sanften Hügeln anbauen: Bacchus, Dornfelder und die Scheurebe, zudem Schönburger, Huxelrebe, und Gewürztraminer. Bei den Barnes ist bis heute alles übersichtlich, auch wenn sie sich auf die Fahnen schreiben können, als Erste das Wagnis Wein in England probiert zu haben – und damit Erfolg hatten.

In ganz anderen Dimensionen ist die Chapel Down Winery in Tenterden unterwegs: Hier werden pro Jahr mehr als 800 000 Flaschen Wein produziert – weiß und rot, Schaum- und Süßwein. Und der unvermeidliche Cider, denn auch hier waren die Apfelbäume zuerst da. In Chapel Down ist alles von vorne bis hinten durchgeplant. Auf einer Tour kann man einige ausgewählte Felder besuchen und bekommt im Schnelldurchgang eine Einführung in die Kunst der Weinproduktion.

Die Tour endet im Shop, in dem ein Eckchen für eine schnelle Weinprobe vorgesehen ist. Echte Weinkenner befinden sich nur selten unter den Besuchern, es sind eher die, die eine Landpartie machen und dabei die Produkte der Winery kennenlernen. Und ihnen schmecken die heimischen Produkte – oder eben auch nicht. Ähnlich ist es in Hush Heath Estate in Tonbridge: Hier hat Richard Balfour-Lynn schon 2001 die ersten Reben gepflanzt. Inzwischen gehört er zu den führenden Anbietern in Großbritannien und exportiert jede Menge Schaumwein in die ganze Welt. Vor Ort können die Besucher durch die sanften grünen Weinhügel spazieren und sich dann einem Tutored Tasting unterziehen: Dabei gibt es nicht nur verschiedene Sorten zum Probieren, sondern auch jede Menge Information über Herstellung und Rebsorten.

Der Anbau der Reben, der Ausbau der Trauben und schließlich der Weintourismus – das alles geht in Kent wie selbstverständlich Hand in Hand. Wer allerdings den Weinbau kennt, der in Baden, Württemberg oder in Franken, am Rhein und an der Mosel seit Jahrhunderten funktioniert, staunt in England ein klein wenig. Auf der britischen Insel ist das Weinmachen irgendwie eine Mischung aus ökologischem Tun und einem Ausflug nach Disneyland.

Eines ist jedoch ziemlich sicher: "Wenn die Klimaerwärmung so weitergeht, wie es derzeit aussieht, wird es künftig noch viel mehr Wein aus Großbritannien geben", sagt Henry Warde mit Überzeugung. Und wer weiß – vielleicht müssen sich die britischen Winzer dann gar nicht mehr nur auf Schaum- und Weißweine konzentrieren. "Dann könnten bei uns sogar Rotweine funktionieren."

Die Grafschaft Kent liegt im Südosten Englands und ist als der Obstgarten Großbritanniens bekannt.

Die Temperaturen sind ganzjährig mild. Weinlese ist in der Regel bis Mitte Oktober.

Um nach Kent zu reisen, bietet sich der Flughafen Gatwick an, der südlich von London liegt. Alternativ kann man durch den Eurotunnel von Calais nach Folkstone oder mit der Fähre nach Dover

Bed & Breakfasts und Inns finden sich in der gesamten Grafschaft verteilt. In Dover und Canterbury gibt es auch größere Hotels.
http://www.visitkent.co.uk