Cool, locker und entspannt

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 11. Februar 2019

Snowboard

Auf dem Feldberg traf sich am Wochenende mit den Snowboardcrossern ein ganz neue und junge Szene des alpinen Sports zum Weltcup-Wettkampf.

Wasser, überall Wasser. Es spritzt in Fontänen, es rauscht zu Tal, und die Snowboarder gleiten darauf. Sie lieben es, so schnell und so spektakulär wie möglich ins Ziel zu rasen. Speed, Geschwindigkeit, das ist ihr Leben. Die Boarder meistern Steilkurven und gleiten über Wellen, und manchmal heben sie auch ein bisschen ab, bevor sie mit lautem Platschen in einem Bassin landen, das sie schlagartig auf Null abbremst. Die Boarder starten nebeneinander, der Schnellste von ihnen ist der Sieger. Es ist warm hier, sehr warm.

Wintersport in Zeiten des Klimawandels? Skifahren auf Wasser statt auf Schnee? Nein, es ist nur ein Spaß, den sich die besten Snowboardcrosser aus einem guten Dutzend Nationen gönnen, am Abend vor ihrem vierten Weltcup-Wochenende am Feldberg. Benedikt Wirbser, der Vizepräsident des Organisationskomitees, hatte es schon angekündigt: "Die werden richtig Party machen im Badeparadies Schwarzwald."

"Snowboardcrosser

sind lässig. Es macht

riesigen Spaß mit ihnen."

Benedikt Wirbser
So kommt es. Fast 80 junge Frauen und Männer sind eingeladen, am Vorabend des Weltcups abzutauchen bei einem Spaß-Event in Titisee. Sie stürmen die Riesenrutschen, probieren eine nach der anderen aus, können gar nicht genug bekommen. Sie sind fröhlich und wild, sie rufen und schreien und feuern sich gegenseitig an. Würde man die Augen für einen Augenblick schließen, dann könnte man glauben, es sei ein wuseliger Haufen kleiner Kinder. Aber die jungen Frauen und Männer, die Besten dieses olympischen Sports, sind erwachsen, ihre Körper muskelbepackt und athletisch.

Viele Jugendliche sehen in ihnen alpine Helden des 21. Jahrhunderts, in einem noch jungen Sport, in einer ganz eigenen Szene. Hier im Badeparadies in Titisee, 15 Fahrminuten vom Feldberg entfernt, können die Crosser das Leben noch einmal genießen, bevor es losgeht mit dem Weltcup, bevor um Punkte und Positionen gefahren wird, um Gold, Silber und Bronze.

Aber man kann auch zu dem Eindruck gelangen, dass sie ihr Leben am nächsten Tag ebenso genießen werden, in den knallharten Ausscheidungsrennen auf Schnee am Seebuck. Beide Male geht es um Geschwindigkeit. "Snowboardcrosser sind lässig", sagt Benedikt Wirbser. "Es macht riesigen Spaß mit ihnen." Sie lachen viel, auch wenn es so eisig stürmt wie an diesem Wochenende auf dem Feldberg.

"Sie sind cool, locker und entspannt", hat Kai Becherer beobachtet. 24 Tage lang hilft der 27-Jährige aus Donaueschingen am Seebuck mit, erst bei den Vorbereitungen und dem Bau der mächtigen, fast 900 Meter langen Spezialpiste, dann beim SBX-Weltcup der Snowboardcrosser und kommendes Wochenende auch noch bei den Wettkämpfen der Skicrosser, die auf zwei Brettern unterwegs sind. Becherer macht das unentgeltlich, er ist Freiwilliger. Er fährt selbst gern Snowboard. Er darf nun die Besten sehen, er darf sie kennenlernen, mit ihnen sprechen. Sie seien immer für einen Smalltalk zu haben, die Crosser, berichtet er. "Da hat noch keiner gesagt: Halt den Mund."

Im Gegenteil. Die Gäste haben viel Lob übrig für die Piste und die Aufmerksamkeit ihrer Gastgeber. "It’s always good to come to the Feldberg", sagt ein US-amerikanischer Boarder: "Es ist immer gut, zum Feldberg zu kommen." Ein Verantwortlicher beim Internationalen Ski-Verband (FIS) wird an diesem Wochenende mit den Worten zitiert, der Feldberg habe sich zum "Kitzbühel der Snowboarder" entwickelt. Es ist nicht in Erfahrung zu bringen, welcher FIS-Funktionär genau das gesagt haben soll, aber es macht die Runde unter den 300 freiwilligen Helferinnen und Helfern. Und es macht sie stolz.

Da will auch Paul Berg seinen Teil zum Gelingen beitragen. "Wir sind sehr glücklich, wenn wir uns hier am Feldberg gut präsentieren können", sagt Berg, der beste Snowboardcrosser des Skiverbands Schwarzwald. Gute Ergebnisse seien "extrem wichtig" beim Heim-Weltcup. Das, so der Konstanzer, sei ein gutes Argument dafür, "dass die Wettkämpfe auch künftig am Feldberg stattfinden". Berg hat Glück an diesem Samstag. Er wird Zweiter beim Einzel-Wettkampf.

Glück braucht er auch, denn Können allein genügt nicht in diesem Sport, bei dem jeweils vier Boarder nebeneinander in einem Heat, einem Einzel-Rennen, auf einem wilden Ritt bis zu 70 Kilometer pro Stunde schnell in Steilkurven, über Wellen und Schanzen ins Tal rasen, einander touchieren und sich auch schon mal gegenseitig von der Piste drücken. Vier Mal hintereinander, in allen vier Einzel-Rennen, vermasselt Berg den Start. Der 27-Jährige steht jedes Mal neu vor einem Rätsel. "Ich habe den Start heute kein einziges Mal getroffen", berichtet er der Badischen Zeitung. "Ich bin nicht ganz so warm geworden mit den ersten Hindernissen. Warum, weiß ich auch nicht."

Schon im Achtelfinale, dem ersten Heat, läuft es gar nicht gut für ihn. Er fällt auf den vierten und letzten Platz zurück, und dann stürzt auch noch der Boarder unmittelbar vor ihm, ein Australier. Berg kann gerade noch ausweichen, schwenkt blitzartig nach rechts und umkurvt seinen Gegner. Jetzt ist er Dritter, aber das würde immer noch nicht genügen, um den Sprung ins Viertelfinale zu schaffen. Doch dann, auf dem Zielhang, beginnt sein Board unglaublich schnell zu gleiten. Als hätte er einen Gang höher geschaltet, kann er den zweiten Australier gerade so eben noch einholen und unmittelbar vor ihm den Zielstrich überqueren.

Das Viertelfinale beginnt genauso schlecht für den Konstanzer. Wieder fällt er sofort auf den letzten Platz zurück. Erst auf dem Zielhang nimmt er Tempo auf – und findet sich genau dort wieder, wo es darauf ankommt, an der Spitze des Viererfelds. Erst Letzter, dann Erster: So schnell kann es gehen im Snowboardcross, bei dem gleich mehrere Starter das Ziel gar nicht erst erreichen, sondern irgendwo weiter oben in den Sicherheitszäunen landen. Glücklicherweise verletzt sich keiner. Auch nicht in den Halbfinalen und im großen Endlauf.

Als Berg es unter die besten Acht geschafft hat, glückt ihm ausnahmsweise an diesem Tag tatsächlich auch der Start halbwegs. Er meistert im Halbfinale die Roller, die ersten Wellen, findet sich unversehens an der Spitze des Viererfelds wieder und erreicht das Ziel abermals als Erster – knapp vor dem zweiten deutschen Top-Fahrer Konstantin Schad, der zwar unmittelbar vor dem Zielstrich stürzt, aber mit dem Board voran als Zweiter in den Auslauf rutscht.

Berg, aber auch die anderen 31 Finalisten aus zwölf Nationen, kämpfen mit dem stürmischen Wind am Samstag, der sich am Sonntag dann zu einem veritablen Sturm auswachsen wird. "Es ist sicher ein bisschen Lotterie", sagt er. "Am Start oben war extrem viel Wind, und auf der Zielgeraden hattest du dann Gegenwind. Wenn da dein Brett nicht läuft, verhungerst du." Bergs Brett läuft allerdings – und wie! "Es war extrem gut. Es war vor allem im unteren Teil mit Abstand das Schnellste. Das macht es dann natürlich einfacher, wenn das Brett so rennt."

So verdankt es Berg, der erst vor einer Woche bei der Weltmeisterschaft in Utah (USA) zusammen mit Hanna Ihedioha Bronze im Mixed-Team gewonnen hatte, auch ganz besonders den Wachsern, dass er einer Top-Platzierung entgegenfährt im Finale. Der Japaner Yoshiki Takahara findet sich nach einem Fahrfehler schnell am Ende des Feldes wieder, und so machen Cameron Bolton aus Australien, Berg und sein Teamkollege Konstantin Schad aus Fischbachau die Podestplatzierungen unter sich aus. Erster Bolton, Zweiter Berg, Dritter Schad. Wieder ein Podestplatz für den Südbadener im Hochschwarzwald: "Das bedeutet mir immer extrem viel hier."

Jana Fischer, die zweite Starterin des Skiverbands Schwarzwald, hatte sich am Freitag als beste deutsche Crosserin mit Rang 16 gerade so eben für die Finalläufe qualifiziert – und das war auch das Ziel der 19-Jährigen. In den Final-Rennen am Samstag fährt sie ebenfalls auf den 16. Platz, im Viertelfinale ist Endstation für sie. Aber Hauptsache, sie kann überhaupt dabei sein im Finale. "Das hat mich mega gefreut", sagt sie. "Ich bin happy."

Im Feld der Frauen fährt die US-Amerikanerin Lindsey Jacobellis auf Platz eins vor der Italienerin Michela Moioli und der Tschechin Eva Samkova.

"Dieser Weltcup ist eine wunderbare Erfolgsgeschichte", sagt Hanns-Michael Hölz, der Präsident des Veranstalters Snowboard Germany. "Die ARD hat 60 Minuten live gesendet", berichtet Thorsten Rudolph, Geschäftsführer des Ausrichters Hochschwarzwald Tourismus, stolz am Samstag. "Die Bilder vom Feldberg sind in Deutschland zu sehen, in Europa und in der Welt", ergänzt Snowboard-Präsident Hölz. "Die neue Sportart hat ein junges Image. Das tut auch dem Tourismus gut." Dass der zweite Weltcup am Sonntag, ein Mixed-Team-Event, wegen starker Orkanböen abgesagt werden muss, tut der guten Laune am Feldberg nur wenig Abbruch. Schon am Dienstag soll es weiter gehen – dann, wenn die weltbesten Skicrosser anreisen.

Paul Berg, der lässige, in seinem Sport zugleich akribische und auf Bestleistung fokussierte Crosser, reist weiter. In zwei Wochen startet er in Spanien. Mit etwas Glück wird man ihn auch bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking zu Tal rasen sehen. Jana Fischer vom SC Löffingen träumt natürlich auch von Olympia. "Ich werde alles dafür tun", sagt die 19-Jährige. "Ich gebe mein Bestes."

Bleibt zu klären, auf welcher Oberfläche die Crosser denn nun lieber Speed aufnehmen, Geschwindigkeit. Auf Wasser in flüssiger oder gefrorener Form? "Auf den Rutschen im Bad war es so schön warm und angenehm windstill", sagt Berg. "Aber noch besser rutscht es sich in jedem Fall auf Schnee."