Kino

Der Film "Astrid" zeigt die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren als junge Mutter

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 05. Dezember 2018 um 13:22 Uhr

Kino

Woher kommt Bullerbü? Und wie kommt es, dass sie so nah an Kindern dran ist? Der Kinofilm "Astrid" zeigt die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren als junge Mutter auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Ist sie das, sind das Originalbilder? Wie sie da in der ersten Szene des Films am Schreibtisch sitzt und Geburtstagspost von Kindern aus aller Welt öffnet, eine zarte ältere Dame mit graublonden Locken und fast eckig schmalen Schultern, deren Gesicht wir nicht sehen: Ist das Astrid Lindgren selbst, die große Schwedin, die weltberühmte Jugendbuchautorin, die 2002 im Alter von 94 Jahren starb? Nein, sie ist es nicht, sie wird verkörpert von Maria Fahl Vakander, aber sie könnte es sein. Wie die mitreißend und berührend aufspielende dänische Newcomerin Alba August die junge Astrid sein könnte, der das gleichnamige Biopic von Pernille Fischer Christensen gewidmet ist.

Astrid ist 16 Jahre alt, als die Filmhandlung einsetzt und damit die Beantwortung der Frage, die ein junger Fan der alten Astrid Lindgren in seinem Brief zum Geburtstag gestellt hat: "Wie kommt es, dass du so gut über Kinder schreiben kannst, wo es doch so lange her ist, dass du eines warst?"



Es ist, zunächst einmal, die lustvoll anarchische Fantasie der jungen Astrid: Auf dem Heimweg der Familie Ericsson vom Sonntagsgottesdienst fabuliert sie aus der furchteinflößenden Predigt eine lustige Geschichte für ihre kleinen Geschwister – in Sodom hätten die Leute immer nur Soda, also Limonade, getrunken und in Gomorrha sich den ganzen Tag Guten Morgen gesagt. Die Mutter ist pikiert, die Kinder aber jauchzen. Ähnlich dürfte es Jahrzehnte später in vielen Familien angesichts von Lindgrens "Pippi Langstrumpf" zugegangen sein...

Astrid ist ein Wildfang, und wenn sie beim Tanzkränzchen mal wieder von keinem aufgefordert wird, bleibt sie nicht sitzen, sondern wirbelt halt mit ihrer Freundin übers Parkett. Zuhause ist keine Zeit für Musik und Tanz, aber die Eltern (Maria Bonneville, Magnus Krepper) erkennen durchaus, dass ihre Älteste mit Worten besser umgehen kann als mit Kartoffeln, und so darf die junge Frau beim Lokalblatt ihres Heimatorts Vimmerby anfangen. Chefredakteur Blomberg, der zugleich Herausgeber und einziger Mitarbeiter ist, erkennt nicht nur ihr Talent, sondern auch ihre vitale Schönheit, und Astrid verliebt sich auch in ihn – oder zumindest in das Gefühl, begehrt zu sein.

Die Schwangerschaft lässt nicht lange auf sich warten, aber der wesentlich ältere Kindsvater, der in Scheidung lebt, übernimmt keine Verantwortung, sondern jammert Astrid etwas von einer drohenden Gefängnisstrafe vor. Um Blomberg Schwierigkeiten zu ersparen und den religiösen Eltern die Schande, geht Astrid nach Stockholm und tauscht das Redaktionsvolontariat mit einer Lehre als Sekretärin. Ihr Baby bringt sie, gerade 19 geworden, in Dänemark zur Welt – und muss es dort lassen, nach Vimmerby kann sie es nicht bringen. Aber auch wenn die liebevolle Leihmutter Marie (Trine Dyrholm) gut für den kleinen Lasse sorgt und alles tut, ihn nicht von der leiblichen Mutter zu entfremden: Astrid leidet entsetzlich unter der Trennung von ihrem Kind.

Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben

Lasse, der so heißt wie später einer aus Lindgrens Rasselbande von Bullerbü, und das eigene innere Kind, das sie sich bewahrt hat: Sie sind es, was aus Astrid Ericssons Fantasie und Sprachtalent die große Kinderbuchautorin werden ließ, die Sehnsüchte und Seele junger Leser so unnachahmlich ansprechen konnte. Gerade weil sich Lasses und ihre erste gemeinsame Zeit so hart war, so weit jenseits von Bullerbü. Die dänische Regisseurin und ihre Landsfrau Kim Fupz Aakeson, die mit ihr das Drehbuch schrieb, sagen das aber nie explizit, wie sie ohnehin auf jeden Zeigegestus verzichten.

Aus der Geborgenheit im südschwedischen Smaland, die Kameramann Erik Molberg Hansen in fast zu idyllische Bilder gießt, landet Astrid in der Einsamkeit von Stockholm, aus bescheidenen Verhältnissen in materieller Not. Den Sohn kann sie nicht zu sich nehmen, muss es dann aber doch, wie Marie schwer krank wird.

Lasse lehnt die ihm fremde Mama ab, wird dann auch noch krank, Astrid schläft nach einer durchwachten Nacht im Büro ein: Es sieht alles nicht gut aus, auch wenn der Chef in Stockholm, Sture Lindgren sein Name, sich erbarmt und ihr freigibt, bis das Kind gesund ist.

Ja, die Geschichte der jungen Mutter ist durchaus ein Melodram. Aber der Film ist frei von sentimentalem Kitsch und Verlogenheit: Er verlässt sich ganz auf die Kraft seiner Bilder und seine formidable Hauptdarstellerin. Alba August zeigt den schmerzlichen Weg ihrer Figur in ein selbstbestimmtes Leben mit einer solchen Leichtigkeit und Natürlichkeit: So könnte sie tatsächlich gewesen sein, die junge Astrid Lindgren.
"Astrid" (Regie: Pernille Fischer Christensen) kommt morgen in die Kinos. Ab 6 Jahren.