Alles nur ein Vorwand

Oliver Brendel, Felix Graf, Steven Schwudtke, alle Klasse 8c, Staudinger Gesamtschule  alle Klasse 8c, Staudinger Gesamtschule

Von Oliver Brendel, Felix Graf, Steven Schwudtke, alle Klasse 8c, Staudinger Gesamtschule (Freiburg) alle Klasse 8c, Staudinger Gesamtschule (Freiburg)

Do, 20. Dezember 2018

Schülertexte

Sanchio Diponcha glaubt jedes Gerücht, darum ist er auch davon überzeugt, dass der Wasserspeicher auf der Plaza Roca eine Ufo-Landeplattform ist.

Was passiert, wenn eine Schriftstellerin und eine Schulklasse aufeinandertreffen, zeigte sich beim Zischup-Aktionstag im Freiburger Literaturhaus am 9. November. Die Schüler der Klasse 8c der Staudinger Gesamtschule in Freiburg hatten nicht nur viele Fragen an die Autorin María Cecilia Barbetta und ließen sich von ihr vorlesen, sie sollten auch selber ins Schreiben kommen. Die Aufgabe: In ihren Texten zu erklären, wie der Wasserspeicher aus Beton auf den Spielplatz in Ballester, einem Stadtteil von Buenos Aires, gekommen ist. Der Spielplatz kommt auch in Barbettas Roman "Nachtleuchten" vor (Box unten rechts). Ballester ist das Viertel, in dem Barbetta groß wurde. Hier der Anfang eines Romans:

Das Wasserreservoir auf der Plaza Roca in Ballester ist wohl der merkwürdigste Ort der Stadt. Der Betontrichter oben auf dem Turm gleicht von unten einem Ufo, der Turm ist außer Betrieb und ist unten rum voller Graffiti.

Manche erzählen sich, dass der Turm gar nicht von Menschenhand erbaut wurde, sondern stattdessen von als Menschen getarnten Außerirdischen errichtet wurde. Auch die Funktion als Wasserreservoir sei nur ein Vorwand. In Wahrheit handle es sich bei dem Gebäude um eine Ufo-Landeplattform, auf der jede Nacht die Außerirdischen landen würden. Hier sollen die Außerirdischen angeblich mit ihren als Menschen getarnten Spionen, die natürlich alle unter uns sind, die Invasion der Erde planen. Hier sollte begonnen werden.

Natürlich glaubte keiner so wirklich an diese Gerüchte, bis auf Sanchio Diponcha. Der glaubte aber auch jedes Gerücht. Sanchio lebte außerhalb der Stadt in einem recht schönen Landhaus. Das Haus war wohl einmal eines der schönsten Häuser in der Gegend gewesen, doch Sanchio hatte sich nie wirklich darum gekümmert und mit der Zeit war Efeu an den spröden Mauern gewachsen. Manche der Fenster waren eingeschlagen, der Garten war mit der Zeit völlig überwuchert, die Dielen waren vermodert und überall waren Schimmel und Spinnenweben.

Sanchio geisterte den ganzen Tag durch sein verfallenes Haus, aß und trank kaum und sinnierte über verschiedene Verschwörungstheorien, an die er alle fest glaubte. Doch von keiner seiner Theorien war er so fest überzeugt wie von der Geschichte über das Wasserreservoir. Von diesem Mythos war er mehr überzeugt als davon, dass eins und eins zwei ergibt. Natürlich hatte Sanchio keine Freunde. Alle hielten ihn für verrückt und gingen ihm aus dem Weg.

Außer Sergio Lamancha, der ihn noch von Kindertagen kannte und gelegentlich besuchte. Sergio versuchte, ihm seine verrückten Theorien auszureden, doch Sanchio hörte nicht auf ihn. Sanchio ging jede Nacht auf die Plaza Roca in Ballester und beobachtete das Wasserreservoir durch sein Fernglas.

Heute Nacht war es ganz besonders kalt. Sanchio konnte das Fernglas mit seinen zittrigen Fingern kaum halten. Da rief jemand: "Hey, da haben wir ja unseren kleinen Spinner! Hey Sanchio, betest du mal wieder Ufos an oder was?" Sanchio brauchte sich nicht einmal umzudrehen, er wusste genau, wer das war: Achio de Bra! "Verpiss dich, de Bra", sagte Sanchio, ohne den Blick vom Wasserreservoir abzuwenden. "Hab mal mehr Respekt!", sagte de Bra und schlug ihm mit der flachen Hand auf die Schulter.

Nun drehte Sanchio sich doch noch um. De Bra war groß, viel größer als Sanchio. Eine rote Baseballkappe saß auf de Bras Glatze, er trug eine Stoffjacke mit Tarnmuster und hielt eine halb leere Bierflasche in der Hand. Sanchio hingegen war klein, dürr, hatte braune verfilzte Haare, bleiche Haut und trug einen großen Mantel.

"Kümmre dich doch um deinen eigenen Kram!", fauchte Sanchio und bereute es sofort, als er einen Blick in die wenig Vertrauen erweckenden Gesichter der leicht angetrunkenen Freunde de Bras warf, die ihrem Anführer über die Schulter blickten. De Bra wollte etwas erwidern, wurde jedoch von einem seiner ungeduldigen Freunde schon weiter gezogen. Sanchio blieb noch ein paar Stunden, doch auch in diesen geschah nichts besonders.

Am nächsten Morgen öffnete Sergio verschlafen die Augen. Er lag in einem kleinen klapprigen Bett neben seiner Freundin Isabella. Sie befanden sich in einem kleinen hässlichen Zimmer, in einer kleinen hässlichen Mietwohnung, in einem großen hässlichen Haus. Um Sergio stand es vielleicht nicht so schlecht wie um Sanchio, aber doch nicht grade gut. Er arbeitete in einem Büro, in dem er die Verkaufsrate der Firma, für die er arbeitete, ausrechnete. Es war ein schlecht bezahlter Job. Er stand auf, ohne Isabella zu wecken, und schenkte sich einen ekligen Billigkaffee ein, nippte einmal daran, musste fast brechen und schüttete den Kaffee in die Spüle. In solchen deprimierenden Momenten bekam er immer Lust, Sanchio zu besuchen. Einfach um zu sehen, dass es jemanden gab, der noch ärmer dran war als er selbst.

Er schrieb einen Zettel für Isabella, wo er aufzufinden sei, zog sich etwas an und machte sich auf den Weg zu Sanchio. Er bog gerade um die Ecke seines Hauses, als er plötzlich den alten Pablo erblickte, der seinen Sombrero tief ins Gesicht gezogen hatte. Mit einer Flasche Tequila in der Hand.

Er blickte auf und fragte: "Suchst du deinen Freund? Sanchio, den Spinner?" "Geht dich nichts an!", rief Sergio und ging hastig weiter. Pablo jedoch lächelte nur und nahm noch einen Schluck Tequila.

Noch mehr Textanfänge, die während des Zischup-Aktionstages im Freiburger Literaturhaus entstanden sind, stehen unter http://www.zischup.de.