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10. Februar 2012

Pekinger Müßiggang

Alte Architektur und altmodische Lebensart gehören zu den Besonderheiten der chinesischen Hauptstadt, die leider vom Aussterben bedroht sind .

  1. Das junge Peking: Schlemmermeile in einer Fußgängerzone Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  2. Das touristische Peking: Die Verbotene Stadt zieht die Massen aus aller Welt an. Foto: dpa

Wer aus Schanghai kommt und etwas auf sich hält, zeigt sich gerne unbeeindruckt von Peking. Eine alte Bekannte, Yang Shuo ihr Name, ist Exil-Schanghaierin in der Hauptstadt. Peking, sagt sie, sei "irgendwie barbarisch". Rückständig ist auch ein Wort, das häufig fällt, wenn Yang Shuo über Peking redet.

Damit meint sie das ständige und allgegenwärtige Verkehrschaos, die Luft, die noch stärker verschmutzt ist als bei ihr zu Hause, die klobige, sozialistische Architektur, die in Peking den Ton angibt, die in ihren Augen schiere Grobschlächtigkeit der Stadt und – wiederum Yang Shuos Meinung – ihrer rüpelhaften Bewohner.

Tatsächlich ist Peking kantiger als Schanghai und nicht gerade elegant. Die Stadt ist nicht so gut organisiert wie die südliche Metropole und auch wirtschaftlich kann die Hauptstadt sich nicht mit Schanghai vergleichen.

Aber sie hat Vorzüge ganz anderer Art. Zu denen gehört, dass Peking nicht nur die politische, sondern auch die intellektuelle Hauptstadt Chinas ist. Wer als Künstler, Literat oder Musiker etwas werden will, der wird, egal woher er kommt in China, nach Peking gehen, wenn er kann. Das gleiche gilt für die professionellen Müßiggänger, die, in China nicht anders als in anderen Ländern, im Dunstkreis von Kunst, von Literatur, von der Debatte und dem Geplauder darüber besser gedeihen als irgendwo sonst.

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Peking ist darum auch die Hauptstadt der mehr oder weniger geistreichen Tagediebe, Abenteurer und anderer exzentrischer Existenzen, die in der ansonsten eher homogenen chinesischen Gesellschaft nur selten anzutreffen sind, die aber in Peking, und nur dort, gehäuft auftreten. Darum gibt es auch nur in Peking und in keiner anderen chinesischen Stadt einschließlich Hongkong eine wirklich lebhafte Kneipen- und Kaffeehausszene, in der man die Chance hat, zufällig in seltsame Konzerte oder verschrobene Lesungen hineinzugeraten. Tatsächlich ist Peking die einzige Stadt in China, die wirklich Talent zum Müßiggang hat. Das allein ist für mich Grund genug, Peking zu Yang Shuos Leidwesen den Vorzug zu geben, zumal ich gut die Hälfte meiner Zeit in Hongkong verbringe, in einer Stadt also, der dieses Talent fast völlig abgeht.

Ein Grund für die Sonderbegabung Pekings ist sicherlich, dass es dort noch heute ganze Stadtteile gibt, deren architektonischer Grundstock aus der Kaiserzeit stammt. Die kleinteilige Bauweise der alten Viertel eignet sich besser zu solch einer Lebensweise als Wohnblocks und Hochhäuser, bei deren bloßem Anblick die Gedanken einen Scheitel bekommen.

Vielleicht sind die alten Viertel und ihre heutige Nutzung den Regierenden in Peking gerade darum ein Dorn im Auge. Dazu kommt, dass sie zentral liegen – nämlich fast genau im geographischen Mittelpunkt der Stadt – und obendrein billig sind. Dies sind zwei Pekinger Anomalien, von denen mindestens eine demnächst gewiss abgeschafft wird: Erstens, dass es überhaupt eine alte Stadt gibt. Denn dies ist eine Auszeichnung, mit der sich nur die allerwenigsten Städte in China schmücken können, wo der Eifer sozialistischer Stadtplanung weit konsequenter ins Werk gesetzt wurde als selbst im sowjetischen Imperium.

Die zweite Anomalie besteht darin, dass der alte Stadtkern überwiegend von sogenannten einfachen Leuten bewohnt wird. Keine geputzten Renommiermeilen also, die durch aberwitzige Mietpreise alle Proletarier und andere Habenichtse draußen halten, wie es in London oder Paris geschieht. Sondern hier gibt es relativ normale Nachbarschaften, in denen es nie weit ist bis zum nächsten Tante Emma-Laden und zum nächsten billigen Restaurant. Diese Situation hat ihren Ursprung in der Mao-Zeit, als man einfache Leute in den Residenzen der alten Oberschicht ansiedelte.

Dass es dabei nicht bleiben wird, ist durch den Einfluss kommerzieller Interessen auf die Pekinger Stadtplanung praktisch garantiert. Wer die Zeit hat, der fahre also bald hin, um noch etwas mitzubekommen von der seltsamen Pekinger Kombination aus kaiserzeitlicher, aristokratischer Architektur, proletarischem Lebensstil und einem Straßenleben, in das sich allerdings schon jetzt eine Portion Massentourismus mischt.

Repräsentation stellen die Pekinger Stadtväter sich anders vor. Wie, das ist unter anderem im alten Diplomatenviertel Sanlitun zu sehen, wo eine allerdings etwas baufällige Landschaft aus kleinen Geschäften, Restaurants und Bars vor einigen Jahren ersetzt wurde durch einen Komplex von Shopping Malls, der dazu geeignet ist, Hongkong vor Neid erblassen zu lassen. Zu befürchten ist, dass es sich dabei um den Wunschtraum der Pekinger Stadtplaner handelt. Vermutlich werden sie nicht ruhen, bis sie Peking nach diesem Vorbild umgestaltet haben.

Vielleicht würde meine Schanghaier Bekannte Yang Shuo Peking dann mehr schätzen als sie es heute tut. Aber um die liebenswürdigsten Teile der Stadt wird es dann geschehen sein.

Autor: Justus Krüger