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29. Juni 2012

Reise ins Hier und Jetzt

Baden, Party feiern: Tel Aviv ist anders als der Rest des Landes.

  1. Party in Blau-Weiß: Tel Aviv ist für einen entspannten Lebensstil bekannt. Foto: AFP

  2. DV Foto: AFP ImageForum

Tok! Tok! Tok! Das Geräusch, das wir seit einiger Zeit hören, will zu unserem Ziel nicht recht passen. "Vorm Haus rechts bis zur nächsten Straße, wieder rechts und immer geradeaus!" So hat uns Stefan, unser Gastgeber, den Weg zum Strand beschrieben. Einfacher geht’s fast nicht. Und doch beginnen wir zu zweifeln. Umsonst, wie sich bald zeigt. Wir stehen auf der Plattform am Ende des Ben Gurion Boulevards und lassen den Blick schweifen: vom noblen, palmengesäumten Yachthafen rechts von uns über das lange, breite, goldgelbe Sandband mit den Sonnenhungrigen, die sich darauf tummeln, die blau-weiße Brandung, über der die bunten Segel der Kite-Surfer tanzen, die Skyline der Hochhäuser, bis hin zu einem Hügel, der weit im Süden den Blick verstellt. Und jetzt sehen wir auch die Urheber des monotonen Tok! Tok! Tok!, das uns so irritiert hat. Links unter uns, im Schatten des Sheraton-Hotels, haben die Matkot-Spieler ihr Revier.

Matkot ist eine Art Beachball und sehr populär. Beachball wird zwar an allen Stränden der Welt gespielt, aber mit dem, was die durchtrainierten, braungebrannten Herren hier zu bieten haben, hat das so viel zu tun, wie ein Feierabendgekicke mit dem Tiki-Taka des FC Barcelona. Es ist ein einfaches Spiel, für zwei Spieler, mit Holzschläger und Plastikball. Der eine schmettert, was das Zeug hält, der andere blockt. Es gibt kein Netz, keine Punkte zu vergeben. Unglaublich, wie schnell das hin- und hergeht, tok, tok, Smash, Return – den ganzen lieben langen Tag. Kein Wunder, dass viele Israelis hoffen, dass ihr Nationalsport mal olympisch wird.

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Der rund 15 Kilometer lange Strand gehört zweifellos zum Besten, was Tel Aviv, Israels zweitgrößte Stadt, zu bieten hat. Einen guten Teil davon erkunden wir bei einem Spazierung auf der Strandpromenade, die am nördlich vom Yachthafen gelegenen Hilton Beach beginnt und im Charles Clore Park im Süden endet.

Wer danach noch Lust und Kondition hat, kann gleich bis Jaffa weiterlaufen, der arabischen Wiege des Großraums Tel Aviv, in dem heute 3,5 Millionen Menschen leben. Von Orient allerdings ist hier nicht mehr viel zu spüren. Seltsam geschleckt und herausgeputzt, erinnert der auf besagtem Hügel thronende Ort mehr an die Toskana als an einen, der laut Bibel kurz nach der Sintflut gegründet wurde. Die arabischen Bewohner sind längst vertrieben und haben teuren Restaurants, Souvenirläden, Ateliers und Galerien Platz gemacht. Sehr viel lebendiger geht es da auf dem nahen Karmel-Markt zu, wo meist arabische Händler Obst und Gemüse, Gewürze, Kleider, Trödel und knallbunte Süßigkeiten feilbieten.

Gemessen an Jaffa ist Tel Aviv blutjung. Es war 1909, als russische Juden die Siedlung Achusat Bayit gründeten, 40 Jahre später lebte bereits eine Viertelmillion Menschen hier. Das rasante Wachstum spiegelt sich in der Architektur wider, die wenig Sehenswertes bietet. Typisch für viele alte Wohnhäuser sind die Jalousien, die fast die ganze Front bedecken und eins wie das andere aussehen lassen.

Eine Ausnahme bildet die Weiße Stadt, gut 4000 Bauten im Bauhaus-Stil, die in den 30ern vornehmlich von immigrierten deutschen Architekten geplant wurden und heute Weltkulturerbe sind. Einen Eindruck davon vermittelt eine Führung rund um den Dizengoff-Platz. Die Stimme der Dame, die uns die Merkmale des hiesigen Bauhausstils – weißer Putz, schlichte kubische oder auch geschwungene Formen und stark betonte horizontale Linien – anhand einiger ausgewählter Häuser erklärt, lässt sich ein- und ausschalten. Den I-Pod dazu haben wir im nahen Bauhaus-Center ausgeliehen.

Jung ist Tel Aviv auch in anderer Hinsicht. Die Hälfte der Einwohner soll zwischen 20 und 30 Jahre alt sein, was wir gerne glauben. Dass die israelischen Frauen, wie es heißt, zu den schönsten der Welt zählen, können wir bestätigen. Und noch was fällt auf: Die Kinder und Enkel von Juden aus der ganzen Welt telefonieren gern, wann und wo es nur geht, auch auf Roller, Rad und Skateboard.

Tel Aviv schläft nie, behauptet die Stadt von sich. Den stärksten Beweis dafür tritt sie ausgerechnet am Shabbat, dem jüdischen Ruhetag, an. Am Freitagabend, wenn das öffentliche Leben überall im Land zum Erliegen kommt, geht’s hier erst richtig los. Vor allem im Szenequartier Neve Tzedek und im alten Hafenviertel ist der Bär los, wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen. In den ehemaligen Hangars, Fisch- und Lagerhallen haben sich viele angesagte Locations angesiedelt, Bars, Lounges, Nachtclubs, Diskotheken. Um dort hinzukommen, nehmen wir ein Sherut, ein Sammeltaxi, das auf den städtischen Buslinien verkehrt. Ein Wink, und der Fahrer lässt uns zusteigen. Das Fahrgeld wird von Hand zu Hand nach vorne durchgereicht. Das Rückgeld kommt auf dem gleichen Weg zurück.

Tel Aviv ist anders, anders als der Rest des Landes und ganz anders als Jerusalem. Wie eine riesige, träge Dunstglocke scheinen Tausende Jahre jüdische, christliche und islamische Religiosität über der ewigen Stadt zu hängen. 50 Kilometer weiter ist davon nichts zu spüren. Es ist, als wären wir mit der Bahn in gut einer Stunde in die Gegenwart, ins Hier und Jetzt gereist, als wehte die Meeresbrise alle Schwere einfach weg. "In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet, in Tel Aviv gelebt", sagen die Israelis.

Autor: Jürgen Meßmer