Wohnmobiltrends

Reisen auf Rädern wird immer luxuriöser

Rolf Müller

Von Rolf Müller

Fr, 19. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Reise

Gastfreundschaft? Abenteuer? Horizonterweiterung? Das ist wohl nicht das, was das fahrende Volk laut Campingmesse heutzutage sucht. Vielmehr will es leben wie daheim, nur auf Rädern.

So liest sich das in der Broschüre: "Um den massiven Zweisäulentisch findet eine Tafelrunde mit bis zu sieben Teilnehmern Platz. Komfortable Rückenkissen und kommod gepolsterte Sitzflächen in exklusiver Nähart verleihen noble Eleganz. Gediegene Speisen werden in der ergonomisch geschnittenen Küche mit dem 156 Liter fassenden Kühlschrank zubereitet. Geräumige Auszüge und offene Ablagefächer in edler Schiefertonoberfläche bieten Hobbyköchen reichlich Stauraum. Den Übergang zum großen Raumbad verschließt eine beleuchtete Schiebetür mit floralen Intarsien. Die geräumige Regendusche erfreut mit einer farbig beleuchteten Duschsäule." Die Rede ist nicht von einem luxuriösen Chalet in den Schweizer Alpen. Es geht hier um ein Wohnmobil, das "sogar mit Massagematratzen bestellt werden" kann.

8,99 Meter ist das Gefährt lang und 5,5 Tonnen schwer. Nur eines ist es nicht: König aller Klassen. Denn mit einem Grundpreis von gut 100.000 Euro ist das Topmodell der Firma Eura Mobil auf der nach oben ziemlich offenen Preisliste für Luxusmobile eher obere Mittelklasse. Wobei der Vergleich mit einem Schweizer Chalet gar nicht weit hergeholt ist. Vor einigen Jahren präsentierte Eura Mobil zur Stuttgarter Urlaubsmesse CMT ein Wohnmobil im Chaletstil mit elektrischem Kamin und Fenstersprossen. Was als Messegag gedacht war, mündete überraschend in eine kleine Serie. Sehr viele Schweizer Kunden hatten an dem Unikat Gefallen gefunden.

Toilette als Freisitz im offenen Durchgang

Immerhin hat das aktuelle Spitzenmodell von Eura Mobil, der Integra, eine Tür vor der Toilette, während bei einigen der drei- bis viermal so teuren Modellen der Konkurrenz die Toilette als Freisitz mit Soft-Close-Automatik offen im Durchgang zwischen Schlaf- und Wohnraum thront – natürlich nicht aus Kunststoff, sondern in Keramik. "Palace" und "Empire" heißen, durchaus passend, die Spitzenmodelle des relativ jungen Herstellers Morelo aus Franken, die für eine sehr spezielle Entwicklung im Bereich der Wohnmobile stehen, sind sie doch mehr repräsentativ als mobil. Rollende Luxus-Herbergen mit elektrisch angetriebener Aufbautür und Warmwasser-Fußbodenheizung, mit Armaturenbrett in Lederoptik und abnehmbarem Echtleder-Lenkrad.

Die "Dickschiffe" eignen sich zum Überwintern zwischen Algarve und Costa Blanca oder gar, auch ein aktueller Trend, in Marokko, nicht aber zur Erweiterung des Horizonts in unbekannten Regionen. "Willkommen daheim", heißt bezeichnenderweise der Werbeslogan. Auch in neuen, fremden Gefilden die Heimat nicht verlassen, sondern eingesponnen sein im vertrauten Kokon aus Palisanderoptik, vanille-farbenen Auszügen und gleichfarbiger Couchgarnitur aus Echtleder samt LED-beleuchteter Glasvitrine mit Sektgläsern. Wozu natürlich das gewohnte Fernsehprogramm gehört. Kann man sich nicht auf einen Sender einigen, so liefert die Satelliten-Schüssel unterschiedliche, einen auf den Flachbildschirm in die Sitzlandschaft im Wohnzimmer, einen anderen ins Schlafgemach mit dem Queensbett samt Mehrzonen-Komfortmatratze und Watergel-Oberschicht. Dank Spülmaschine, Kapsel-Kaffeemaschine und Zentralstaubsauger hält sich die Hausarbeit in Grenzen. Das Konzept der Franken kommt anscheinend an. Fürs laufende Jahr sind schon 400 dieser Willkommen-Daheim-Mobile fest bestellt, die Produktion ist ausgelastet und neue Kunden müssen Wartezeiten in Kauf nehmen.

Der Lamborghini darf für mehr als 2,5 Millionen Euro mitreisen

Die auf der Urlaubsmesse CMT in Stuttgart den staunenden Journalisten vorgestellten Innovationen: Neben mehr vanillefarbenem Interieur eine Heckgarage, in die endlich auch der längste Luxus-Sportwagen passt. Bei der Konkurrenz, so vermerkt man bei Morelo stolz, komme ein Wohnmobil mindestens doppelt so teuer, wenn im Heck noch ein Ferrari Platz haben soll. Noch mehr muss man bei Volkner, einer Manufaktur aus Wuppertal, hinblättern. Bei deren Spitzenmodell lässt sich der Lamborghini bequem aus der Seitenschublade ziehen. Kosten so um die 2,5 Millionen Euro, ohne den Sportwagen versteht sich.

Wer partout mit einem elf Meter langen und elf Tonnen schweren Mobil in Urlaub oder ins Winterquartier fahren will, der musste vor wenigen Jahrzehnten noch auf US-Produkte zurückgreifen, die sich durch ein abenteuerliches Fahrverhalten und unstillbaren Spritdurst auszeichnen. Inzwischen gibt es ausreichend deutsche Hersteller, die einen mehr als adäquaten Ersatz für die amerikanischen Vorbilder mit durchaus lobenswerten Sicherheits-Standards vom Unterfahrschutz bis zur verschleißfreien Retarder-Bremse liefern können. Während die Originale hierzulande kaum mehr eine Zulassung erhalten und eine aufwendige Umrüstung der Bordtechnik erfordern.

Mit dem Smartphone lässt sich die Klimaanlage fernsteuern

Apropos Bordtechnik: Smart Home und Easy Living haben das Wohnmobil längst im Griff. Das Navigationsgerät ist mit Karten gefüttert, die vor Höhen- und Gewichtsbeschränkungen warnen, das Gerät lotst den Fahrer zum gewünschten Stell- oder Campingplatz, und auf dem Smartphone verrät eine App mit mehr als 16 000 Adressen, was einen auf den einzelnen Plätzen an Ausstattung und Kosten erwartet – Fotos und Besucherkommentare inklusive. Vor Ort wird mit dem Smartphone die waagrechte Ausrichtung des Mobils, dessen Stützen elektronisch gesteuert werden, gestartet, es hilft auch bei der Ausrichtung der Satelliten-Antenne, richtet ein internes WLAN zum Streamen ein und startet direkt das gewünschte Fernsehprogramm.

Auf dem Display werden über Bluetooth aktuelle Frisch- und Abwasserstände ebenso angezeigt wie der Gasvorrat oder der Ladestand der Bordbatterie und die voraussichtlich verbleibende Nutzungszeit. Und, besonders praktisch: Heizung und Klimaanlage lassen sich vom Smartphone aus fernsteuern. Verlässt man das Gefährt, dann informiert die Alarmanlage mittels WLAN über Einbruchsversuche. Und wer nach einem ausgiebigen Stadtbummel sein Mobil nicht mehr findet, den bringt das Smartphone auf kürzestem Weg zurück. Im schlimmsten Fall, bei einem Diebstahl des ganzen Fahrzeugs, soll es auch den neuen Standort verraten. Wenn bei so viel Technik unvermeidlicherweise Fragen oder Probleme aufkommen, dann weiß eine App Abhilfe oder kennt die passende Gebrauchsanleitung. Nur der Kühlschrank meldet noch keine Leerstände oder fordert zum Nachfüllen auf.

Es gibt aber bereits eine Art Airbnb für die rollenden Ferienwohnungen, die bei vielen die meiste Zeit des Jahres ungenutzt herumstehen: 5500 private Wohnmobil-Vermieter sollen auf einer entsprechenden Plattform bereits ihr Fahrzeug anbieten. Meist sind es deutsche Nummernschilder, die an den großen Luxusmobilen mit ihren Zwillingsreifen oder Doppelachsen hängen. Im boomenden Wohnmobiltourismus – jährliche Zuwachsraten bis zu 20 Prozent und mehr – lassen sich klare nationale Vorlieben registrieren: Italiener sind überwiegend mit ihren Bambini und preiswerten Alkoven aus heimischer Produktion unterwegs: die Kinder hinten in Stockbetten und die Eltern im Bett überm Fahrerhaus.

Die Wohnmobil-Vorlieben sind je nach Nationalität unterschiedlich

Bei Deutschen und Franzosen dominieren die "Best Ager", die munteren Senioren. Franzosen haben gerne einen kleinen Hund mit an Bord, bei ihnen dominiert auch eine Vorliebe für die besonders niederen, sogenannten teilintegrierten Modelle. Der Grund ist einleuchtend: Auf den französischen Autobahnen wird es bei Fahrzeughöhen über drei Metern teuer, noch eine Doppelachse dazu und man fährt schnell zum Lkw-Tarif. Falls gelegentlich Enkel dabei sind, lässt sich im eigentlich nur für zwei Personen ausgelegten Teilintegrierten ein Hubbett von der Decke absenken. Die clevere Erfindung stammt von Bürstner aus Kehl, einem stark in Frankreich vertretenen Hersteller. Inzwischen bieten auch die meisten Konkurrenten diese Option an.

Die Niederländer bevorzugen offenbar nach wie vor den Caravan an der Anhängerkupplung und richten sich für mehrere Wochen dauerhaft auf einem Campingplatz ein. Das scheint ihnen lieber zu sein, als sich mit dem Mobil auf wechselnde Standorte einzulassen. Spanische Fahrzeuge sieht man auf deutschen Plätzen selten – eigentlich kein Wunder. Die Sehnsucht nach dem launischen mitteleuropäischen Wetter scheint begrenzt.

Wer mit einem "Dickschiff" durchs Land fährt, wird bestaunt und ständig nach dem Preis gefragt

Etwa 450.000 private Wohnmobile gibt es in Deutschland, wozu noch die Mietmobile kommen. Es gibt in Deutschland etwa 4000 spezielle Stellplätze (nicht zu verwechseln mit Campingplätzen). Wobei auch hier ein Trend zum Komfort zu beobachten ist. Eigentlich braucht ein einfacher Stellplatz nur einen Wasserhahn und einen Ausguss fürs Abwasser und für die WC-Kassette. Bei einem längeren Aufenthalt und schlechterem Wetter wären Stromanschlüsse nicht schlecht. Mehr braucht es eigentlich nicht, fährt doch alles andere – Küche mit Kühlschrank, Heizung oder Nasszelle – auch im bescheidenen Mobil mit. Trotzdem geht der Trend zum Komfort: WLAN, Sanitäranlage mit Duschen, Aufenthaltsraum, Waschmaschine, Brötchenservice am Morgen und manches mehr wird schon angeboten.

Wer mit einem überlangen und überschweren "Dickschiff" durchs Land fährt, wird bestaunt und ständig nach dem Preis gefragt. Nicht nur das ging einem älteren Ehepaar aus der Pfalz vor ein paar Jahren gewaltig auf die Nerven. Die beiden sehnten sich vor allem nach einem handlichen Mobil für ein alleinreisendes Ehepaar – einem Gefährt, das nicht nach den Vorstellungen von Designern, sondern nach den Erfahrungen von Praktikern entwickelt wurde. In der Firma Dethleffs fand das Ehepaar schließlich einen Hersteller, der sich auf ihre Vorstellungen einließ. Das Ergebnis aus den Erfahrungen jahrelanger Praxis und entsprechend viel Ärger wurde auf den Namen "Alpa" (für Alleinreisende Paare) getauft. Das Mobil kam so gut an, dass es inzwischen auch Nachahmer bei der Konkurrenz gefunden hat. Offenbar also eine Art neuer Bescheidenheit: Ob sie allerdings den mächtigen Trend zu immer mehr Komfort und immer luxuriösem Urlaub auf Rädern bremsen kann, ist mehr als fraglich.