Integrationsdebatte

Religionskritik unter Polizeischutz

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Fr, 13. April 2018 um 22:00 Uhr

Deutschland

Der Grüne Cem Özdemir und der Islamwissenschaftler Hamed Abdel-Samad diskutieren in Berlin über deutsch-türkische Erdogan-Anhänger, Religionsfreiheit und Integration durch Bildung.

BERLIN. Es sind nicht zwei oder drei, sondern fünf. Fünf Personenschützer des Kriminalamts sind an diesem Abend in der Berliner "Urania" zu sehen. Mitarbeiter der 130 Jahre alten Bildungsstätte durchsuchen die Taschen der Besucher, die hören wollen, was der Islamwissenschaftler Hamed Abdel-Samad und Cem Özdemir zum Thema "Integration" zu sagen haben. Weil Abdel-Samad über Parallelgesellschaften, salafistische Umtriebe sowie arabische Clans und Islamisten schreibt, die zusammen einzelne Stadtteile kontrollierten, steht er unter Polizeischutz: In einem Rechtsgutachten, einer Fatwa, sprach sich ein ägyptischer Geistlicher 2013 für die Tötung Abdel-Samads aus. Gegen religiöse Fanatiker, wie er sie nennt, und den türkischen Nationalismus kämpft auch Özdemir. Auch der frühere Grünen-Chef wird dafür angefeindet und von Leibwächtern begleitet. Der Abend in der "Urania" zeichnet somit ein trauriges Bild: Religionskritik kann sich nur in einer Art Hochsicherheitszone abspielen.

Davon lassen sich Özdemir und Abdel-Samad nicht einschüchtern. "Integration – Ein Protokoll des Scheiterns", lautet der Titel des neuen Buchs von Abdel-Samad. Darin bestreitet er nicht, dass Integration gelingen kann. Abdel-Samad warnt nur vor Illusionen. Es sei richtig, aber nicht ausreichend, auf Sprache und Bildung zu setzen: "Wir haben ja gesehen, dass Leute mit türkischen Wurzeln, die perfekt Deutsch sprechen und Akademiker sind, Erdogan zujubeln und die Todesstrafe in der Türkei verlangen." Für ihn ist es verlogen, wenn die Politik die Werte preist, die Zuwanderer erfüllen müssten – und dann keine Sanktionen folgen lässt, wenn die Werte mit Füßen getreten werden.

Zum Stichwort "verlogen" steuert Özdemir eine Beobachtung bei, die ihn hörbar in Rage bringt. Dabei geht es nicht um den Streit von Innenminister Horst Seehofer und Kanzlerin Angela Merkel, ob der Islam denn zu Deutschland gehöre. Er erzählt von einem kürzlich bekannt gewordenen Video aus einer Moschee in Minden, die von der türkischen Religionsbehörde Ditib kontrolliert wird. Darauf sind Jungs in Uniform und Spielzeugpistolen zu sehen, die türkische Fahnen schwenken, Kommandos rufen und salutieren. "Derselbe Innenminister Seehofer, der erklärt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, gibt Geld an Ditib: Absurder geht es doch gar nicht."

Nun brandet Beifall in der Urania auf. Dabei hat Özdemir an diesem Abend einen schweren Stand. Wann immer irgendwo in Deutschland über den Islam und die Zuwanderung gesprochen wird, kochen die Emotionen hoch. Eine Mutter meldet sich zu Wort und sagt, dass die Politiker von der Wirklichkeit keine Ahnung hätten. In der Charlottenburger Grundschule, die ihre Kinder besucht hätten, gebe es eine brutale Rangordnung: "Oben Araber und Türken, dann irgendwann die Deutschen und ganz unten alle Mädchen." Warum ihr Zorn den Politiker Özdemir trifft, sagt sie nicht. Er bräuchte ja keinen Personenschutz, wenn er Konflikte unter den Teppich kehrte.

Es ist Abdel-Samad, der das Publikum zur Fairness mahnt: "Ich habe Cem eingeladen, mit mir zu diskutieren." Und dabei zeigen sich unterschiedliche Positionen. Der gebürtige Ägypter will einen Laizismus wie in Frankreich, wo Religionsgemeinschaften keine öffentlich-rechtlichen Körperschaften sind. Auch will er die Religionsfreiheit im Grundgesetz einschränken. "Das stammt aus dem Jahr 1949. Damals waren die Deutschen unter sich. Keiner konnte sich vorstellen, dass der politische Islam sich hier ausbreiten und Religionsfreiheit ausnützen würde."

Özdemir dagegen warnt davor, aus einem politischen ein rechtliches Problem zu machen: "Die Landesregierungen müssen es schaffen, dass nicht Ditib in den Schulen die Dinge bestimmt." Und ansonsten gelte: "Es geht nicht darum, wo jemand herkommt, sondern wohin er will. Dabei ist klar, dass unsere Spielregeln gelten und nicht die der Fanatiker." Wer das religiöse Leben in den Privatraum verdränge, verschärfe nur Probleme. Nun werden wieder Protestrufe laut. Offenbar sind Anhänger der humanistischen Szene gekommen, in der Abdel-Samad ein Star ist – und die sich streng gegen alles Religiöse abgrenzt.