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12. Februar 2016

Ärztliche Versorgung wirft Fragen auf

Freundeskreis Asyl plant Anlaufstelle für Flüchtlinge in Römerstraße / Ärztesprecher Ludwig Fritze plädiert für Behandlung in Praxen.

  1. Sollen Flüchtlinge in den Praxen der Ärzte medizinisch behandelt werden oder ist eine medizinische Anlaufstelle in der Römerstraße die bessere Lösung? Foto: dpa, sarah Nöltner, Ingrid Böhm-Jacob

  2. Herwig Popken, Ludwig Fritze Foto: Sarah Nöltner

  3. Foto: Ingrid Böhm-Jacob

RHEINFELDEN. Annähernd 600 Flüchtlinge sind in den Sammelunterkünften Schildgasse und Römerstraße untergebracht. Auch sie brauchen medizinische Versorgung. Die zu organisieren fällt nicht leicht, heißt es in der Verwaltung beim Landkreis. Wie eine sinnvolle Lösung aussehen kann, darüber gehen die Meinungen bei freiwilligen Helfern und bei Ärzten auseinander. Von einer geplanten medizinischen Anlaufstelle in der neuen Unterkunft des Landkreises in der Römerstraße, die niederschwellig Hilfe leisten soll, hält der Sprecher der niedergelassenen Ärzte jedenfalls nicht viel. Ludwig Fritze möchte, dass die Patienten die örtlichen Praxen zur Behandlung kommen.

"Meine Werkstatt ist hier", begründet der promovierte und erfahrene Allgemeinarzt seine Überzeugung. Schon im Dezember habe er dies dem Freundeskreis Asyl signalisiert. Für seine niedergelassenen Kollegen vor Ort nimmt Fritze in Anspruch, dass die "meisten Ärzte präsent" sind, wie er, um auch Flüchtlinge in der Praxis zu behandeln. Es wundere auch sehr "dass niemand zu mir kommt".

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Praxisbesuch bietet Vorteile
Mehr als zwei Flüchtlinge habe er noch nicht behandelt. Die Behandlung in der Praxis biete alle Vorteile für den Patienten, und soweit ihm bekannt ist, praktizieren die Kollegen dies so. Mit dem Handkoffer und einem Rezeptblock in eine Anlaufstelle zu gehen, bringe nicht viel, da dort die technische Ausstattung fehle: "Das ist nicht effektiv". Als Folge trete der unerwünschte Effekt ein, dass dann Patienten, die mehr als eine Erkältung haben an die Notaufnahme der Kreiskliniken zur weiteren Behandlung verwiesen werden. Das ziehe das "Dilemma" nach sich, "dass die Kliniken überschwemmt" werden. Ludwig Fritze begrüßt es deshalb sehr, Flüchtlinge in den Praxen zu behandeln. Damit werde "außerdem ein Beitrag zur Integration geleistet". Werden Asylbewerber separat in ihren Unterkünften betreut, bleiben sie unter sich und kommen nicht mit der Bevölkerung in Kontakt. Fritze zeigt sich überzeugt, dass die Ärzte in Rheinfelden "die Kapazitäten" haben, um Flüchtlinge zu behandeln. Er weist außerdem darauf hin, dass "Asylbewerber nicht kränker" seien als die Durchschnittsbevölkerung, sondern "eher sogar gesünder".

Fritze räumt aber ein, dass der Arztbesuch in der Praxis "eine Herausforderung" an die Organisatoren stelle. Aber es gebe Möglichkeiten Transporte abzusprechen und Fahrdienst einzurichten. Mit der Behandlung in Praxen "gibt es überhaupt kein Problem", betont Fritze. Er weist auch auf den hausärztlichen Vertretungsdienst hin außerhalb der Sprechstunden, der in Verbindung mit der Rettungsleitstelle arbeite.

Anlaufstelle spart Kosten
Ganz anders betrachtet Herwig Popken als einer der Motoren im Freundeskreis Asyl das Thema. Als erfahrener Heimleiter und Ehrenamtlicher hält er die Anlaufstelle, für die sich eine Arbeitsgruppe Gesundheit bilde in der Unterkunft Römerstraße für sinnvoll. Popken hat die Organisation zu diesem Projekt zwar niedergelegt, aber er zeigt sich davon überzeugt, dass dies ein wichtiges Angebot darstelle. Aus dem Freundeskreis heraus seien auch schon verschiedene Ärzte angesprochen worden, die ihre Unterstützung zugesagt haben. Das Modell bewähre sich bereits in Lörrach und Schopfheim, wo Ärzte einen Raum haben mit Medikamenten und Computer in einer Art kleiner Praxis. Dort werden Sprechstunden angeboten und abgeklärt, ob eine Überweisung an den Facharzt notwendig sei. "Das ist eine absolute Win-win-Situation", meint Popken, denn seiner Erfahrung nach behandeln längst nicht alle Ärzte vor Ort Flüchtlinge. Eine Anlaufstelle in der Römerstraße stelle kurze Wege her und minimiere für das Landratsamt Kosten. Herwig Popken zeigt sich überzeugt, dass Handlungsbedarf besteht, hält aber Gespräche mit niedergelassenen Ärzten für wichtig: "Das Beste ist, man spricht miteinander", denn "wir müssen uns austauschen." Die medizinische Station soll in etwa zwei Monaten ihren Dienst aufnehmen.

Autor: Ingrid Böhm-Jacob