Gelungene Revolution in Dossenbach

Boris Burkhardt

Von Boris Burkhardt

Mo, 19. Juni 2017

Rheinfelden

Wäre es an den begeisterten Gästen und motivierten Organisatoren gelegen, wäre das Gefecht vor 169 Jahren anders ausgegangen.

DOSSENBACH. Wenn Emma und Georg Herwegh in ihrer Freischar solch motivierte und fähige Mannen gehabt hätten wie jene, die am Sonntag das Revolutionsjubiläum "Endstation Dossenbach" zum 200. Geburtstag der Herweghs als Mischung aus Historienspiel und Volksfest organisierten, wäre es mit dem verlorenen Gefecht am 27. April 1848 im Ort vielleicht etwas anders ausgegangen. Wer weiß? Gewiss ist jedenfalls, dass die Veranstaltung auf dem Festplatz Dossenbach ein voller Erfolg war.

Die Heckergruppe aus Singen mit ihren Sensen, die Klettgauer Kanoniere mit dem Donnerhall, die Heckersänger aus Schopfheim mit den blauen Revoluzzerhemden und einige Freischärler aus Grenzach-Wyhlen hatten sich angekündigt und nahmen bereits um 9 Uhr das "Freischärler-Z’morge" mit Schlachtplatte und "Ziger-Käse" zu sich – mit ihnen konnten die Veranstalter schonmal rechnen. Wie viele Besucher aber tatsächlich zum Festprogramm und dem anschließenden Hock kommen würden, hatten sie nur schätzen können.

Die Schätzung von 500 Besuchern ging aber genauso gut auf wie alles andere, was sich das Team um Altortsvorsteher Kurt Vollmer und Historiker Heinz Siebold vorgenommen hatte. Das "unglaubliche historische Interview" mit den beiden 200-jährigen Jubilaren, Emma und Georg Herwegh (Monika Haller und Klaus Streicher), kam beim Publikum ebenso gut an wie die Auftritte des Gesangvereins Dossenbach unter der Leitung von Jürgen Nass und den Heckersängern Jeannot Weißenbergers. Kurt Vollmers Führung über das Schlachtfeld, das sich am selben Ort wie der heutige Festplatz befindet, folgten rund 50 Interessierte. Mitorganisator Wolfgang Bühler strahlte nach der Veranstaltung: "Wir wurden schon mehrfach gefragt, wann wir die nächste Veranstaltung planen."

Die "Marseillaise", die Trompeter Delias Bührer zum Einmarsch der Freischärler mit ihren schwarz-rot-goldenen Schärpen und Fahnen intonierte, mochte manchen Gast zunächst irritieren: Georg Herwegh sei aber ein deutscher Revolutionär gewesen, der erkannt habe, dass die Völker nur gemeinsam die Demokratie und Gleichheit verwirklichen könnten, sagte Mitorganisator Siebold in seiner Rede. "Durch Europa der Freiheit eine Gasse bahnen" sei das Motto des Dichters und seiner politisch sehr aktiven Frau gewesen.

Übrigens war der Dichter im Vormärz der 1840er zwar ein Superstar der politischen Poesie, wie sich beim Interview mit den beiden Herweghs herausstellte, kam aber zur tatsächlichen Revolution wie die Jungfrau zum Kinde, als ihn die emigrierten und ausgewiesenen deutschen Demokraten in Paris aufgrund seiner Gedichte zum Anführer ihrer "Deutschen Demokratischen Legion" machten, die nach vielen Umwegen letztlich in Dossenbach landete. Immerhin: Georg Herwegh wollte nicht anführen; aber er weigerte sich nicht, als er gerufen wurde.

Sichtliche Freude hatten an der Veranstaltung auch Schwörstadts Bürgermeisterin Christine Trautwein-Domschat, die sich wünschte, der "unbändige Drang nach Freiheit und Demokratie" möge sich auch in unserer Zeit täglich in die Tat umsetzen lassen, sowie Rea Köppel vom Dichter- und Stadtmuseum Liestal, wo beide Herweghs begraben liegen. Die Bürgermeisterin und der Ortsvorsteher Arndt Schönauer durften zum Abschluss des offiziellen Programms übrigens die ersten Salven der Klettgauer Kanoniere zünden: Damit wurde die enorme Lärmbelästigung der kleinen Kanonen am Sonntag quasi von Amts wegen abgesegnet. Am Vormittag hatten die beiden Politiker und die Freischärler das Grab für zehn im Gefecht gefallene Revolutionäre auf dem Dossenbacher Friedhof besucht und Gestecke niedergelegt.

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