Gürtel hat Ulrich Uhr jetzt genug

Peter Gerigk

Von Peter Gerigk

Mi, 26. Februar 2014

Rheinfelden

Der 74-jährige Judoka hat den 7. Dan verliehen bekommen, musste sich aber fünf der Meistergürtel hart erarbeiten.

RHEINFELDEN. Sport integriert. Das hat Ulrich Uhr in den 50 Jahren als Judoka erlebt. Wo er auch hinkam, fand er Anschluss. Sei es in Hamburg, wo er zwölf Jahre lebte und bei Alpers mit dem Judo begann, sei es mit Angehörigen der französischen Armee in Donaueschingen oder in Teheran (Iran). "Wo man arbeitet, da macht man Judo", sagt der 74-Jährige.

Nach 32 Jahren als Gewerbeschullehrer an der Hardtstraße leitete Uhr fünf Jahre lang die Hertener Firma Heiberger. Judo treibt der Diplom-Ingenieur für Heizungs-, Klima- und Sanitärtechnik aber auch im Urlaub. Der rüstige Pensionär hat schon in vielen Ländern Gegner auf die Matte gelegt.

Sport lehrt Respekt. Wenn der Degerfelder sich würdevoll seinen rot-weißen Gürtel um die schlanken Hüften bindet, macht das ganz schön Eindruck. Der Senior trägt eine der höchsten Meisterwürden dieses Selbstverteidigungssports: den 7. Dan. Martin Müller, Abteilungsleiter des TV Rheinfelden, ist stolz auf Uhr als Mitglied: In Baden gibt es kaum mehr als eine Handvoll Judoka mit diesem hohen Dan-Grad. Seit 1973 ist Uhr im Verein.

Den 7. Dan kann man nicht in einer Gürtelprüfung erwerben; er wird einem verliehen. Er ist gewissermaßen ein Orden. Der Ehrenrat des Deutschen Judobunds zeichnete Uhr damit aus und würdigte seine überragenden Verdienste, die er für seinen Sport erbrachte. "Wäre ich Kassierer in einem Fußballverein, längst hätte ich das Bundesverdienstkreuz erhalten", sagt er selbstbewusst angesichts der langen Liste von Ämtern, die er im Verein, im Badischen Verband und bei internationalen Aufgaben bekleidete. Bestimmt gibt es niemanden im Deutschen Judobund, der dies bezweifelt.

Sport ist nicht gerecht. Judo ist eben nicht Fußball. Und im Sport, besonders dem Leistungssport, gibt es auch Neid und Eifersucht. Uhr bekam den 7. Dan im Dezember 2013 verliehen und den 6. Dan 1996. Natürlich alle Schülergrade (Kyu), die durch die Farben weiß bis braun signalisiert werden, aber vor allem alle fünf vorherigen Dan-Grade musste Uhr sich trotz seines ungewöhnlich großen ehrenamtlichen Engagements in schwierigen, stundenlangen Technik- und Theorieprüfungen erkämpfen. Sich darauf vorzubereiten, dauert mindestens ein Jahr und braucht neben Uhrs Beruf und den Ämtern im Verband obendrein Wille und Disziplin.

Der eine oder andere Dan vom zweiten bis zum fünften Grad hätte Uhr auch einfach verliehen werden können. Stattdessen schien es ihm, als habe er es beim sportlichen Aufstieg als Sportreferent des Verbands schwieriger als andere gehabt. Den Vorschlag, ihm den 3. Dan ehrenhalber zu verleihen, lehnte der Badische Judoverband, dessen Vizepräsident Uhr ebenfalls schon war, sogar ab.

Er erinnert sich an eine Meisterprüfung, bei der ihm ungewöhnlicherweise um die 30 Leute beim in weiteren Sinne mit Schattenboxen vergleichbaren Prüfungsteil zusahen. "Nach meiner Kata gingen sie wieder. Sie wollten nur gucken, ob ich was geschenkt kriege", sagt der gebürtige Dresdner ohne Bitternis: "Sowas habe ich mit sportlichem Humor getragen. Viel Feind, viel Ehr'." Sport prägt einen eben.

Die vielen Aufgaben im Verband und im Verein suchte Uhr nicht. "Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind." Beim TSV RW Lörrach lehnte ein Trainer weise Uhrs Angebot ab, dort eine neue Jugendgruppe mit seinem Sohn zu trainieren. Er solle diese lieber in Rheinfelden gründen. "Wenn man das anfängt, kommt man nicht mehr so schnell davon weg." Schließlich organisierte er unter anderem Länderkämpfe, und das Kultusministerium schickte ihn zur Trainerausbildung nach Tunesien und Polen.

Sport lehrt auch leiden. Uhr ist fit - bis auf sein völlig verkorkstes rechtes Knie. Das wurde schon sieben Mal operiert (zuletzt in Rheinfelden), er trägt sein viertes Kreuzband. Der Winkel des Beins wurde verstellt, damit er weiter Judo treiben kann. "Sonst versteift es. Dann könnte ich nur noch Langlauf machen oder Fahrrad fahren." So steht der von Arthrose Geplagte aber immer noch dreimal wöchentlich auf der Matte – solange, wie ihm eine Schmerztablette vorher das noch ermöglicht.

"Sport macht mir nach wie vor Spaß", beschreibt Uhr seine Motivation. Er trainiert auch Kinder und Jugendliche. "Die jungen Leute wollen es auf der Matte wissen." Damit könnte der Mittelgewichts-Dritte der Senioren-Weltmeisterschaft 2007 in Frankreich auch gut seine eigenen Sparringspartner meinen: Der Älteste von ihnen ist 20 Jahre jünger als er.