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26. März 2011

Erdbeben und Atomkatastrophe

Junger Rheinfelder bricht soziales Jahr in Japan ab

Das nennt man geplatzte Träume: Statt in den Urlaub zu gehen und sich Kyoto und Tokyo anzusehen, hat Nikolas Kuhn am Montag nach dem Atomunglück in Fukushima seine Koffer gepackt und ist via Osaka und Zürich nach Rheinfelden zurückgekehrt.

  1. Wo sich seine Finger auf der Landkarte befinden, arbeitete Nikolas Kuhn vor dem GAU in einem Heim: In Sapporo, 842 Kilometer entfernt vom Unglücksort Fukushima. Foto: Peter Gerigk

RHEINFELDEN. Das nennt man geplatzte Träume: Statt in den Urlaub zu gehen und sich Kyoto und Tokyo anzusehen, hat Nikolas Kuhn am Montag nach dem Atomunglück in Fukushima seine Koffer gepackt und ist via Osaka und Zürich nach Rheinfelden zurückgekehrt. Für ein soziales Jahr war er nach Japan gereist, dort arbeitete er in einem Heim für geistig Behinderte, aber er verbrachte nur sechs Monate in Sapporo. "Das war schon ein einschneidendes Erlebnis und wird uns bestimmt noch ein halbes Jahr lang beschäftigen", erwartet der 18-jährige Rheinfelder.

Ausgerechnet in Hiroshima befand sich Kuhn, als erst das Erdbeben und der Tsunami das Land erschütterten und dann der Atomunfall geschah. Dort, wo die USA am 6. August 1945 die erste Atombombe abwarfen, weilte Kuhn mit 24 anderen Absolventen des sozialen Jahrs zu einem Seminar, in dem sie Krieg, die Folgen der Atomwaffeneinsätze und die Risiken der friedlichen Nutzung der Kernenergie thematisierten.

Angesichts dieses geschichtsträchtigen Orts und des Fortbildungsthemas erscheint es nachvollziehbar, wenn Kuhn über die erste Reaktion auf die Nachricht, dass es 1095 Kilometer entfernt zum Atomunfall gekommen sei, sagt: "Wir konnten das gar nicht glauben. Tschernobyl ist eine Sache aus den Geschichtsbüchern, aber das erleben wir doch jetzt nicht hier persönlich."

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Insofern erteilte das Ereignis eine Lektion in Sachen direkter Betroffenheit. Als er bei seiner Zwischenlandung in Singapur einen besorgten Japaner traf, der seine Kollegen in den vom Tsunami betroffenen Regionen nicht erreichte, "war das das erste Mal, dass ich vom Leid dort direkt betroffen war. Das ist doch noch was anderes und nimmt einen mehr mit als das nur in den Nachrichten zu verfolgen."

Bis heute, zwei Wochen nach der Katastrophe, verfolgt Kuhn das Geschehen in Japan im Internet und der Badischen Zeitung. "Das Besondere ist: Japan ist so hoch technisiert, und die wissen dort, wie man mit Katastrophen umgeht – das zeigt, wir sind als Menschen der Natur immer noch unterworfen. Das ist, glaube ich, der Grund dafür, warum das den Menschen in Deutschland so nahegeht."

Das Beben und die große Welle bildeten für ihn und seine Begleiter, die sich an diesem Freitag auf einem Ausflug auf eine Insel befanden, aufgrund ihrer weiten Entfernung nur eine theoretische Bedrohung. Sie hätten keine Angst gehabt und sandten ihren besorgten Familien schnell die Nachricht, sich in Sicherheit zu befinden und schnell auszureisen. Ein Glück war es für sie, dass sie sich alle zusammen befanden und nicht an ihren aufs Land verteilten Arbeitsstellen auf sich alleine angewiesen waren. Sie nahmen sogar in Kauf, persönliche Dinge und Laptops an ihren Wohnorten zurückzulassen.

Die Entscheidung der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (IJGD), schnell zurückzureisen, hält Kuhn immer noch für richtig. Inzwischen kosten Rückflugtickets doppelt so viel. Er habe auch nicht das Gefühl gehabt, helfen zu können. So gut ist sein Japanisch dann doch nicht, obwohl er sich schon als Abiturient, bevor er sich zur Reise entschloss, bei der VHS und einer Privatlehrerin in Waldshut sprachlich weiterbildete.

Eine Rückkehr nach Sapporo kann er sich nur vorstellen, "wenn sie alles in den Griff bekommen". Im April treffen sich alle zum Austausch in Berlin, die IJGD lädt sie dazu ein. "Ich denke, bis dahin wird sich nichts geklärt haben." Viel Zeit hat Kuhn ohnehin nicht, von September an studiert er in Zürich Mathematik.

Spendenkonto der IJGD: Bank für Sozialwirtschaft, Stichwort Japan, BLZ 1002 0500, Kontonummer 3117 500.

Autor: Peter Gerigk