Mit offenem Ende, vieldeutig und beklemmend

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Sa, 19. Januar 2019

Theater

Theater Tempus fugit inszeniert "Das Schloss" nach Franz Kafka.

Weiße und schwarze Bühnenelemente werden hin und her geschoben, bilden eine Mauer, öffnen sich wieder. Eine Projektion wirft flackernde Lichter auf die Bühne, wirbelnd wie Schneeflocken. Im Hintergrund erscheint ein graues Gemäuer, trutzig wie eine Burg auf dem Hügel. Dorthin zieht es den Fremden, der eines Nachts in die Dorfgemeinschaft platzt und Obdach sucht, ein Mann mit schwarzem Mantel, Kappe und Aktentasche.

Es ist der Protagonist K., die Hauptfigur in dem Stück "Das Schloss" nach dem Roman von Franz Kafka, das vom Spielzeitteam 2018/19 des Theaters Tempus fugit in der Regie von Vaclav Spirit im Weiler Kesselhaus Premiere hatte. Dieser K., der in Spirits Inszenierung von sieben Darstellern verkörpert wird, will seine Stelle als Landvermesser antreten und ins Schloss gelangen. Doch alle Versuche, in dieser ominösen Zentrale der Macht vorsprechen zu können, scheitern.

Vaclav Spirit hat mit 16 jungen Schauspielern diesen rätselhaften Stoff mit all seinen bedrohlichen, aber auch grotesk komischen Szenen zu einem dichten Theaterabend über das Fremdsein und Fremdenfeindlichkeit verarbeitet, der erschütternd aktuell wirkt. Spirits Fassung setzt auf einfache Kulissen, die ständig verschoben werden und das Umherirren des Protagonisten im Dorf symbolisieren, und das irrlichternde Flackern, das der Szenerie etwas Gespenstisches erzeugt.

Dass die Akteure weiß geschminkte Gesichter haben, ständig in Bewegung sind und in verschiedenste Rollen der Bewohner, Lehrerin, Hofwirtin, Wirtsgäste und Dorfmädchen wechseln, verstärkt die seltsame Atmosphäre in diesem winterlichen Dorf und das Element des Grotesken in dieser Satire auf Macht, Ohnmacht und Bürokratismus.

Ein geschickter Regieeinfall ist es, die Hauptfigur auf verschiedene Darsteller zu verteilen. Es gibt viele K.s, jeder könnte ein K. sein, ein Fremder, der von den Leuten im Dorf ablehnend empfangen wird. Als Erster schlüpft Nicolai Raab in die Rolle, sucht verzweifelt eine Unterkunft und bettet sich schließlich auf dem harten Boden. Nacheinander ziehen sich Bjarne Rauer, Jette Bachmann, Jonas Baur, Johannes Demmler, Amaru Albancando und zuletzt Lea Oltmanns die schwarze Jacke und Kappe an.

Von Episode zu Episode geht dieser Darstellerwechsel nahtlos vonstatten, was der Figur K. immer neue Gesichter verleiht. Eine durchgängig präsente und starke Figur verkörpert Irina Battaglia als Schankmädchen Frieda, die mit K. eine heftige Liebesbeziehung eingeht und schon mal mit der Peitsche die unliebsamen Freier aus dem Hof vertreibt. Die Liaison mit Frieda wird ebenso intensiv gespielt wie die anderen Begegnungen des Landvermessers mit Mädchen wie Olga und Amalia, die ihn umgarnen und ihm Geheimnisse über die Verhältnisse im Dorf verraten. Beklemmend wirkt die Szene, in der Olga von einer Horde lüsterner Männer bedrängt wird.

Es sind die Knechte und Diener vom Schloss, die dort unter strenger Zucht stehen und sich im Dorf austoben, genauso wie die hohen Herren vom Schloss. Entlarvend sind auch die Szenen, in denen der Fremde in die Fänge der Behörden gerät. Papierblätter fliegen wild über die Bühne. Der aufgeblähte Bürokratieapparat, die "Aktenschmiererei", der Kampf mit der Obrigkeit, die alles kontrolliert, das Beamtentum wird gleichnishaft in einem Schattenspiel als Parabel inszeniert. Immer wieder bricht die Musik von Johan Olsson das geheimnisumwitterte Geschehen auf. Zum Schluss sieht man Lea Oltmanns als K. in die Enge getrieben, umzingelt von Figuren und Wänden. Ein offenes Ende, vieldeutig und beklemmend.

Termine: 19. Januar, 20 Uhr, Kesselhaus Weil am Rhein, 1. Februar, 10, 20 Uhr, 2. Februar, 20h, Neues Theaterhaus Lörrach, 15./16. März, 20 Uhr, Bürgersaal Rheinfld.