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09. August 2012

Nicht alle Landwirte freuen sich übers Wetter

BZ-UMFRAGE: Ständiger Wechsel von Sonne und Regen bringt Arbeitspläne durcheinander / Milchbauer Jörg Vollmer kommt mit dem Grasmähen kaum mehr nach.

  1. Getreidebauer Stefan Mehlin hat erstmals Sorghumhirse angepflanzt und ist zufrieden. Foto: Petra Wunderle

RHEINFELDEN. Regen, Sonne, schwankende Temperaturen zwischen warm, schwül und kalt – der Wetterwechsel in diesem Sommer ist extrem. Was bedeutet die unbeständige Witterung für die Landwirte, ist ihre Arbeit, ihr Produkt anders als in einem "normalen" Sommer? Die Badische Zeitung hörte sich bei einem Milch-, Getreide- und Obstbauern um.

"Zugegeben, ein trockenes Jahr wäre wesentlich schlimmer, aber gerade im Hinblick auf den Arbeitseinsatz ist man unter ständigem Zeitdruck", meint Jörg Vollmer, Milchbauer vom Hagenbacher Hof in Degerfelden. Dank Regens gibt es derzeit jede Menge Gras. Jörg Vollmer spricht von Verhältnissen "fast wie im Allgäu". Allerdings weiß der Vollerwerbslandwirt, dass durch diese enorme Masse auch weniger Inhaltsstoffe wie Energie und Eiweiß enthalten sind. Durch diese Qualitätsminderung muss mehr Gerste wegen des Einweißbedarfs an die Tiere verfüttert werden. Für die Arbeitsplanung ist der ständige Wechsel von Regen und Sonne schlecht, der ständige Zeitdruck erlaubt keine feste Arbeitsplanung, und Futter trocken zu bekommen sei ein reines Glücksspiel, heißt es.

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"Als Landwirt ist man sozusagen ständig auf Abruf, je nach Wettervorhersage mähen wir bis drei Uhr morgens Gras, um es innerhalb der nächsten zwei bis drei Tage richtig trocken zu bekommen", berichtet Vollmer. Dank der vielen Niederschläge geht er davon aus, dass beim Öhmt sogar fünf Schnitte gemacht werden können, üblich sind bis zu vier. "Dann können wir bis Ende September, Anfang Oktober öhmden, es kommt darauf an, wie die Sonne rauskommt", erklärt Jörg Vollmer.

Die Getreidemenge fällt erheblich kleiner aus

"Wenn schönes Wetter war, dann schnell raus und bis in die tiefe Nacht arbeiten", davon berichtet auch Stefan Mehlin, Getreidebauer in Herten. Er gibt zu bedenken, dass die Sommerzeit den Zeitfahrplan der Landwirte nach hinten bringt: "Die vorgestellte Stunde gilt nicht für die Natur, um 11 Uhr ist noch Tau auf dem Stroh, so dass wir erst um 12 Uhr dreschen können, der Arbeitstag auf dem Feld wird für uns Landwirte länger", meint Mehlin. Aufgrund der extremen Wetterverhältnisse ist nach seiner Erfahrung das Getreide in diesem Sommer nicht schlechter, nur die Erntemenge fällt deutlich geringer aus als noch vor einem Jahr. Dies wiederum wirkt sich auf die Einnahmen aus, da der Getreidepreis derzeit sehr gut ist. Pro Tonne werden etwas über 200 Euro bezahlt. Stefan Mehlin hat erstmals die neue Getreideart Sorghumhirse – das ist eine Körnerhirse – gepflanzt, diese wird für Tierfuttermischungen verwendet und ganz gute Ware kommt in Müsli-Mischungen.

"Sorghumhirse ist eine wärmeliebende Kulturart und braucht eine höhere Bodentemperatur zur Aussaat als Mais. Sorghumhirse kann Trockenperioden besser überstehen", weiß Mehlin, der bislang Winterweizen und Winterroggen, Mais und Sojabohnen angepflanzt hat. Das schlechte Wetter hat bisher weder Sorghumhirse, Weizen noch Roggen geschadet, die Sojabohnen sind voll in der Teigreife, allerdings brauchen sie bis zur Ernte noch viel Sonne. Winterroggen und Winterweizen stehen gut da, bei der extremen Kälte im Februar haben die Getreidearten dank dünner Schneedecke als Isolation keinen starken Schaden erlitten.

Von einem "üblen Blütenwetter" spricht Heinz Meyer, Obstbauer aus Dossenbach. "Drei Mal schwerer Hagel machte das Tafelobst zu Mostobst, denn der Verbraucher will keine Äpfel mit Flecken", bedauert er und spricht von einem "schlechten Jahr wie schon lange nicht mehr auf der Gemarkung". Äpfel, Kirschen und Zwetschgen – bei der Kälte im Februar ist viel verfroren, in der Blüte haben Kälte und Nässe zugespielt. Das ist laut Meyer das erste Jahr seit 1991 mit einem starken Ausfall. Bei den zerplatzten Kirschen kam noch die Schwierigkeit mit den Vögeln hinzu und hier weist Heinz Meyer auch auf folgenden Umstand hin: "Alte Streuobstbäume hatten wenig Erträge, ebenso die Beeren im Wald, deshalb sind die Vögel auf die Kirschen los". Bei den Äpfeln wird Heinz Meyer von Kollegen aus dem Raum Waldshut dazukaufen, eventuell auch vom Bodensee. Da 2012 weltweit aber ein normales Äpfel-Erntejahr ist, muss der Verbraucher nicht mit einem höheren Preis rechnen. Allerdings, so Hans Meyer: "Unsere Kunden verstehen, dass für das heimische Obst der Preis höher sein wird".

Autor: Petra Wunderle