Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

02. März 2012

Interview

Paul Witt: „Im Wahlkampf kommt alles heraus“

BZ-INTERVIEW: Paul Witt, der an der Akademie Kehl Bürgermeisterkurse gibt, hält es für den schlimmsten Fehler, wenn Kandidaten nicht authentisch sind.

  1. Professor Witt Foto: z. V. g. Vanessa Schmidt

  2. OB Eberhard Niethammer bei seiner Wahl 2004 Foto: Archiv

RHEINFELDEN. Bürgermeister und Oberbürgermeister in Baden-Württemberg nehmen eine starke Stellung ein. Sie repräsentieren nicht nur eine Stadt, sondern haben auch die politische Führung und bestimmen den Kurs der kommunalen Entwicklung. Nach 24 Jahren wählen mehr als 22 000 Stimmberechtigte in der großen Kreisstadt am 22. April ein neues Stadtoberhaupt und damit einen Nachfolger für Eberhard Niethammer. Ingrid Böhm-Jacob sprach zum Thema: "Wie wird man am besten OB?" mit einem, der es aus Erfahrung wissen muss: Der Rektor der Kehler Akademie, Paul Witt, leitet erfolgreich Bürgermeisterkurse.

BZ: Herr Professor Witt, kann man Bürgermeister lernen?

Witt: Ich möchte mal sagen jein. Man kann es sicherlich nicht, wenn man kein geeigneter Bürgermeistertyp ist. Was man lernen kann, sind die fachlichen Kenntnisse und das Methodische, nämlich wie man einen Wahlkampf optimal führt und dann hinterher, wie man das Amt des Bürgermeisters gut ausfüllen kann. Es ist sicherlich nicht alles lernbar, aber einiges.

Werbung


BZ: Was macht nach Ihrer Erfahrung einen guten Bürgermeister oder Oberbürgermeister aus?

Witt: Ein guter Oberbürgermeister muss aus meiner Sicht im Prinzip zwei Anforderungen erfüllen. Er muss auf der einen Seite eine gewisse Fachkompetenz haben und auf der anderen Seite soziale Kompetenz haben. Fachkompetenz kann man in einschlägiger Ausbildung oder Studium, etwa ein juristisches erlernen.

BZ: Das ist aber nicht Voraussetzung?

Witt: Nein, Voraussetzung ist nur ein Mindestalter von 25 Jahren und dass Sie nicht vorbestraft sind. Aber ansonsten gibt es bei einer Direktwahl, und das ist auch richtig so, keine gesetzlichen Qualifizierungsvoraussetzungen.

BZ: Die Persönlichkeit entscheidet demnach, ob der Bewerber beim Wähler ankommt?

Witt: Fachliches Knowhow ist wichtig und eben soziale Kompetenzen. Dazu gehört die Kommunikationsfähigkeit, Kritikfähigkeit, das ist eine gewisse Offenheit auf Leute zugehen zu können, das ist eine gewisse Authentizität. Das sind die wesentlichen Dinge.

BZ: Wahlkämpfe werden unterschiedlich geführt. Es gibt Kandidaten, die glänzen mit fachlichem Wissen, andere setzen auf das amerikanische Prinzip des Sympathieträgers. Was halten Sie für die richtige Linie und was sind die schlimmsten Fehler, die ein Kandidat im Wahlkampf machen kann?

Witt: Es ist beides wichtig. Die Themen spielen eine Rolle. Ganz wichtig ist aber die Person des Kandidaten. Ein Wahlkampf ist kein guter Wahlkampf, wenn er ausschließlich auf Themen setzt und nicht auf die Person, aber umgekehrt auch nicht, wenn er nur auf die Person und nicht auf Themen setzt. Ein Kandidat, der ohne Programmatik in den Wahlkampf geht, ist kein guter Kandidat, meines Erachtens.

BZ: Ein sympathisches Lächeln, Freundlichkeit und ein packender Slogan reichen nicht, um beim Bürger zu punkten?

Witt: Nein, das reicht nicht. Und dann fragen Sie nach den schlimmsten Fehlern. Die schlimmsten sind in der Regel die, wenn man den Leuten etwas vormacht. Wenn man versucht etwas vorzugaukeln, was nicht der Realität entspricht. Das heißt, wenn ein Kandidat nicht authentisch und nicht ehrlich ist. Oftmals ist es so, dass gegen Ende des Wahlkampfs Dinge herauskommen, die dem Kandidaten, der gut im Rennen liegt, alle Chancen vermasseln. Ich sage ein Beispiel. Ein Bewerber, der mit Religion und Kirche nichts am Hut hat und jeden Sonntag im Wahlkampf brav in die Kirche geht. Gegen Ende kommt heraus, dass er dort, wo er wohnt, noch nie in der Kirche gesehen worden ist. Das macht ihn unglaubwürdig. Eine absolute Glaubwürdigkeit des Kandidaten und der Kandidatin ist Voraussetzung. Da beobachte ich immer wieder, dass viele Fehler gemacht werden. Im Wahlkampf kommt alles heraus. Davon muss man ausgehen.

BZ: Sie bieten Seminare an der Fachhochschule an. Wie groß ist das Interesse an Bürger- und Oberbürgermeisteraufgaben und die Bereitschaft, sich zu qualifizieren und was sind das für Teilnehmer, die sich dafür melden?

Witt: Das eine ist die Fachhochschule und die Ausbildung für Studierende, das andere sind die Kandidatenseminare. Die bieten wir an über unsere Fortbildungseinrichtung an der Kehler Akademie. Da kann jedermann teilnehmen. Dass er bei uns studiert ist nicht Voraussetzung. Im Gegenteil. Da kommen nur Bewerber hin, die konkret vorhaben zu kandidieren. Das kostet ja auch Geld. Studierende sind da nicht dabei.



BZ: Machen Sie Unterschiede zwischen Bürgermeister- und Oberbürgermeister-Seminaren?

Witt: Nein, wir haben ein Seminar im Jahr, meistens im Oktober. Das ist eine Gruppe von 15, 16 Teilnehmern. Darüber wollen wir nicht gehen. Das Seminar dauert drei Tage, wir arbeiten intensiv. Da sind Männer, Frauen unterschiedlichen Alters, teilweise von kleineren Gemeinden bis zur großen Kreisstadt. Das sind Leute, die etwas werden wollen. Das ist ein reines Wahlkampfseminar. Es kommen Leute, die noch nicht im Amt sind, aber eine Kandidatur vor Augen haben.

BZ: Welches Profil müssen die Teilnehmer erfüllen. Wer traut sich, sind das Leute, die aus der Verwaltung kommen und den Sprung nach ganz oben machen wollen oder quer Beet aus der Gesellschaft?

Witt: Die Hälfte sind immer Verwaltungsfachleute, die anderen haben quer Beet alle Berufe. Wir hatten schon Ärzte, Polizisten, Förster, Sozialarbeiter.



BZ: Haben die Bewerber, die nicht auf Verwaltungserfahrung aufbauen die gleichen Chancen oder müssen die höhere Hürden überwinden im Wahlkampf?

Witt: Das ist eben die Frage, ob die die gleichen Chancen haben. Ich behaupte nein, weil die Wähler einen Bewerber bevorzugen mit Fachkompetenz, das ist eben ein juristisches Studium oder eine Verwaltungsausbildung. Das kann man daran ablesen, dass 85 Prozent der Bürgermeister im Land gelernte Verwaltungsfachleute sind, das ist ein hoher Prozentsatz. Die meisten kommen aus unserer Schmiede. Die Wähler bevorzugen Fachkompetenz. Wenn jemand die nicht hat, muss er sich in diesem Punkt mehr anstrengen. Er muss eher vermitteln, dass er ein kompetenter Oberbürgermeister ist. Ein Kripokommissar zum Beispiel muss vermitteln: Ich kann das auch. Bei einem Diplomverwaltungswirt unterstellt man, dass er die Verwaltung kann.



"Wenn ein Hochkaräter früh seinen Hut in den Ring wirft, schreckt das viele ab."


BZ: Gibt es mehr Anfragen, als Sie Plätze im Seminar zur Verfügung haben, wie groß ist der Ansturm?

Witt: Das ist unterschiedlich. Beim Letzten mussten wir niemanden ablehnen. Wir gehen streng nach dem Windhundprinzip vor. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Es gibt keine Auswahl nach Qualitätskriterien. Überrannt wird es nicht. Es gibt auch andere Möglichkeiten, sich vorzubereiten. Es gibt da zum Beispiel auch Bürgermeistermacher und Coaches, die den ganzen Wahlkampf mitgestalten. Es kommen nicht alle nach Kehl zum Seminar, nur wer möchte.

BZ: In Rheinfelden sucht die CDU noch einen Kandidaten. Bei drei Bewerbern vier Wochen vor Abgabetermin ist noch nicht der Eindruck entstanden, dass eine große Schlacht um die Schüsselstellung der Stadt ausbricht. Wird es schwieriger, geeignete Bewerber für OB-Wahlen zu finden?

Witt: Das läuft ja noch in Rheinfelden. Das kann man immer erst gegen Ende der Bewerbungsfrist sagen. In den Städten werden die Leute immer recht nervös, wenn sich nach einer Woche noch niemand beworben hat. Es ist aber davon auszugehen, dass da schon Bewerbungen geschrieben sind, die noch in der Schublade liegen. Manche Leute wollen erst abwarten, wer kommt noch.

BZ: Es bedeutet also keinen Wettbewerbsvorteil, gleich als Erster ins Rennen zu gehen?

Witt: Das kommt darauf an. Das ist ein zentrales Thema, das wir in unseren Seminaren behandeln. Wir werden das immer wieder gefragt. Es hat beides Vor- und Nachteile. Wenn ein besonders qualifizierter Kandidat, also ein Hochkaräter, seinen Hut früh in den Ring wirft, schreckt das viele ab, die es sich noch überlegen, aber doch noch Wackelkandidaten sind.

BZ: Dann hat er freie Bahn?

Witt: Sozusagen. Auf der anderen Seite ist es aber so, dass er auch den längsten Wahlkampf hat. Und beim Wahlkampf verhält es sich so: Es gibt eine Bekanntheits- und Beliebtheitskurve, die geht langsam nach oben. Irgendwann erreicht sie ihren Höhepunkt und geht wieder nach unten. Wenn der Höhepunkt exakt auf den Wahltag fällt, ist das optimal. Wenn die Kurve aber schon wieder nach unten geht, ist es schlecht. Da machen Kandidaten oft den Fehler, dass sie ihr Pulver schon zu früh verschießen. Dann kommt ein anderer, der sich spät bewirbt, der macht einen knackigen schnellen Wahlkampf, ist am Wahltag ganz oben und macht dann das Rennen.



BZ:
Also ein Patentrezept gibt es da nicht?

Witt: Beides hat Vor- und Nachteile. Es ist individuell und es gibt unterschiedliche Typen. Es gibt die strukturierten, die sich schon zwei Jahre vorher vorbereiten und wissen, ich möchte dort antreten und eine genaue Wahlkampfplanung haben. Aber es gibt auch die "kam, sah und siegte"-Typen, die sich innerhalb der Ausschreibungsfrist von sechs Wochen gegen Ende bewerben und einen schnellen Wahlkampf führen. Beides kann zum Erfolg führen.

BZ: Kommt es vor, dass in Ihren Seminaren auch Leute sitzen, von denen Sie den Eindruck haben: schön und gut, aber das wird nichts. Sagen Sie das auch?

Witt: Ja, wir sagen es den Leuten, aber nur, wenn sie fragen. Wir führen auch Einzelgespräche und sagen nach unserer Auffassung, das ist eher aussichtslos, wenn Sie sich bewerben.

BZ: Der Gesetzgeber hat inzwischen Hürden aufgebaut, damit keine Juxkandidaten mehr die Stimmzettel bevölkern, sondern nur ernsthafte Bewerber. Reichen die Maßnahmen aus oder müsste man mehr tun?

Witt: Meiner Meinung nach ist das ausreichend. Denn diese Juxkandidaten wie früher Tereba und Burlafinger sind weg. Das hat zu einem Erfolg geführt. In kleineren Gemeinden wird eine Gebühr für die Wählbarkeitsbescheinigung verlangt, da überlegt man es sich gut, ob man sich jedes Wochenende bewirbt, wenn man Unterschriften bringen muss allemal. Ich habe seither von Juxkandidaten nichts mehr gehört. Natürlich gibt es immer wieder mal Bewerber, die unqualifiziert sind, aber das sind keine Juxkandidaten, die sich bei jeder zweiten Wahl aus Spaß an der Freude beworben haben.

"Die Erfolgsquote des

Seminars liegt bei weit

über 50 Prozent."


BZ: Noch ein Wort zur Kaderschmiede Kehler Akademie. Wie viele Bürgermeister haben Sie in Ihren Seminaren schon gemacht. Gibt es eine Erfolgsstatistik?

Witt: Nein, es gibt keine. Ich erfahre das immer zufällig, oder wenn ich den Staatsanzeiger lese. Aber ich habe es mal überschlagen. Die Erfolgsquote des Seminars liegt weit über 50 Prozent. Das heißt, weit über 50 Prozent, die teilnehmen, schaffen es irgendwann einmal. Wenn man berücksichtigt, dass gar nicht alle kandidieren, dann ist die Erfolgsquote recht ordentlich. Aber ich habe keine wissenschaftlich nachweisbaren Zahlen.

ZUR PERSON: PAUL WITT

Rektor der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl

Geboren 1955 in Kenzingen (Kreis Emmendingen), verheiratet, zwei Kinder

Studium: 1978 bis 1980 an der Fachhochschule Kehl, Abschluss Diplom-Verwaltungswirt

seit 1980: Sachgebietsleiter im Regierungspräsidium Freiburg im Kommunalreferat

1985: Wechsel zum Personalreferat, Sachgebiet Ausbildung

1988 Stellvertretender Leiter des Kommunalamts im Landratsamt Emmendingen

1999: Berufung zum C2-Professor für Gemeindewirtschaftsrecht und Abgabenrecht

1999: Ernennung zum Prorektor

März 2007: Rektor der Hochschule

Leiter des Seminars für Bürgermeisterkandidaten, Vorsitz im Senat und seiner Ausschüsse  

Autor: ibö

Autor: ibö